Ernst Dr. Woll

Wiedersehen macht Freude oder auch nicht

Sie war Mitte 60 und meinte, selbst noch gut auszusehen. Manche Menschen machten ihr auch Komplimente: Sie würde mindestens 10 Jahre jünger wirken; dabei gab sie aber selten preis wie alt sie wirklich war. Sie hatte nie chirurgische Schönheitsoperationen an sich durchführen lassen aber doch regelmäßig eine versierte Kosmetikerin in Anspruch genommen. Als Intellektuelle wusste sie sich vernünftig zu ernähren, war nicht dürr und nicht zu dick und glaubte selbst, sich überall gut benehmen zu können. Sie hatte nie geraucht und war auch immer mäßig im Alkoholkonsum gewesen.  Kurzum, sie war nach ihrer Selbsteinschätzung eine gebildete, gut aussehende Frau, die sich einigermaßen gesund fühlte und ihr Alter und Leben in der 2. Lebenshälfte zufrieden anging. Verheiratet war sie nicht und auch ein fester Lebensgefährte fehlte, obwohl es in der Vergangenheit auch etliche Verehrer gegeben hatte. Als Studentin war sie erfolglos in einen Mitstudenten regelrecht verknallt gewesen, ihre Wege trennten sich dann und sie blieb allein. Sie war diesem Mann seitdem nie wieder begegnet. Ihr Alleinsein, das merkt sie jetzt im fortschreitenden Alter immer mehr, ist der einzige Wermutstropfen ihres derzeitigen Daseins.
Sie besucht eine wissenschaftlich Tagung über Themen der Suchtpräventation, weil sie in ihrer ehrenamtlichen gesellschaftlichen Tätigkeit Jugendlichen und Menschen, die stark rauchen oder Drogen und Alkohol konsumieren, helfen will, von ihrer Sucht los zu kommen. Auf der Referentenliste findet sie einen Namen, der sie stutzig macht. Ist das der Mann, der Student, ihre einstige ganz große Liebe? Der Name stimmt, aber sein Aussehen? Der da vorn steht und spricht muss mindestens weit über 70 Jahre alt sein und sieht insgesamt sehr ungesund aus. Er hält einen interessanten inhaltsreichen Vortrag über die Gefahren des Rauchens und bekommt viel Beifall.
Die Pause beginnt und sie beobachtet, wie dieser Referent sehr schnell davon eilt, sie versucht, ihm zu folgen. Die Neugierde bringt sie fast um, sie braucht Gewissheit, ob es der einstige gutaussehende junge Mann ist oder nicht, dem sie hier zufällig begegnet. In ihrem Gehirn brodelt es. Kann sich jemand, der jung, dynamisch, bestens aussehend, umschwärmt von vielen jungen Mädchen gewesen war,  innerhalb von 40 Jahren in einen so alten, dürren krank  erscheinenden Menschen verwandeln?
Sie eilt nach draußen und beginnt im großen Park, der sich um das Tagungsgebäude herum befindet,  zu suchen. Weit entfernt hinter einer abgelegenen Baumgruppe entdeckt sie ihn und hat den Eindruck, er will sich vor allen anderen verstecken. Warum, das wird sehr schnell klar: Der offizielle „Rauchgegner“ zieht genussvoll an einer Zigarette und scheint es ohne dieses Suchtmittel fast nicht länger ausgehalten zu haben, weil er so eilig davonrannte.
Trotzdem fasst sie Mut und geht auf ihn zu. Er erschrickt und versucht auszuweichen, aber sie lässt ihn nicht weg und spricht ihn an: „Ein ausgezeichneter Vortrag, aber entschuldigen Sie, ist das jetzt hier die praktische Umsetzung ihrer Empfehlungen?“ Er wird sehr verlegen, so wie sie es von ihm als jungenn Mann kannte. Also verstärkte sich ihr Verdacht ihren ehemaligen Kommilitonen vor sich zu haben. Er antwortet: „Ja, ehrlich, ich predige Wasser und trinke Wein. Doch glauben Sie mir, ich versuche seit vielen Jahren von dem Laster des Rauchens weg zu kommen aber ich schaffe es nicht.“
Sie verlässt das Thema und fragt gerade heraus: „Haben Sie vor etwa 45 Jahren in M. Medizin studiert?“ Erstaunt blickt er sie an und fragt zurück: „Und Sie, gehörten Sie damals etwa zu den vielen älteren grimmigen Oberassistentinnen in den Instituten, die wegen der Männerdomäne keine Professur bekamen?“ Sprachlos verharrt sie eine Weile bis sie erwidert: „Nein, ich war eine blutjunge Studentin in den ersten Semestern, denen die ältedren hochnäsigen hässlichen Studenten in den höheren Studienjahren völlig gleichgültig und verachtenswürdig waren.“ Würdevoll beendet sie das Gespräch und geht zurück zum Tagungssaal.
Die Vorträge werden fortgesetzt, vorn am Tisch der Referenten fehlt der, der so leidenschaftlich für das Nichtrauchen geworben hatte. Er war  ihre Jugendliebe, da ist sie sich jetzt sicher, und er ist nunmehr dazu auch noch feige.  Sie spürt für sich, dass sie bei dieser Trennung Glück hatte, sonst wäre sie als derzeit noch attraktive Sechzigerin vielleicht mit einem hässlichen alt aussehenden Mann verheiratet, der zudem schwindelt.   

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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