Georges Ettlin

Die psychologischen Tests bei Bewerbungen

Frei nach Kafka geht es oft im Leben zu: Ach, wie sehr ich Kafka liebe!
Da war mal so ein Schulkamerad, der immer Ruhm und Ehre bei den Lehrern
suchte, ja ,...und lieb war er und zart doch eher dünn als kräftig von Gestalt.
Hatte ein Schüler ein Bein gebrochen und hinkte der dann deshalb an Krücken,
wurde dieser von dem Werner, so hiess der Schulkamerad,
mit Hilfe von anderen Kameraden  gelegentlich auf
dem Schulweg ein bisschen verprügelt. Nun sind es fast sechzig Jahre her und bei
Google fand ich ihn unter den alten Käfern bei den Googlebildern die zu seinem
Namen passten.
Die Geschichte mit Werner ereignete sich folgendermassen :
Als Werner sich seit längerer Zeit heimlich verliebte,
war es ausgerechnet die Säkretärin vor dem Personalbüro,
die seine Auserwählte war : Ueberraschend war die Begegnung dort, denn Werner musste sich
beim Personalchef der Firma "B und M" vorstellen. Einen guten Eindruck wollte Werner jetzt hinterlassen, besonders auch deshalb, weil seine heimlich Geliebte im Vorzimmer sass und
sie den peinlichen Ablauf von allen Vorstellungsgesprächen dokumentieren musste. Nachdem
Werner selbstbewusst lächelnd bei der schönen Sekretärin vobeischritt und sie seinen Blick
mit respektvoller Freundlichkeit erwiderte, erlebte Werner eine unheimliche Verwandlung
auf dem kleinen Stuhl vor dem monströsen Pult des  leise sprechenden Personalchefs, der auf einem bequemen Sessel thronte: Die Fragen waren längstens vorbereitet, ein demütigender
Stresstest war von einem Psychologen vorbereitet : Dieser Stresstest wurde bei jedem Bewerber heimlich angewandt, da man nur einen selbstbewussten Bewerber anstellen wollte.
Der auf dem Kinderstuhl sitzende Bewerber sah knapp über die Kante des schweren Pultes,
wo Werner Bleistifte und Radiergummi auf Augenhöhe betrachten konnte. Die Fragen
waren so gestaltet, dass Werner sich minderwertig vorkam, verlegen wurde und
mehr von sich preisgab, als er eigentlich wollte. Obwohl ursprünglich als neuer Angestellter
geeignet, verlor er wie unter Hypnose seine Qualifikationen und wurde kleinlaut:
Er antwortete mit belegter Stimme, sank in seinem Stühlchen in sich zusammen
und bemerkte dabei, dass aus seiner Seele kleine zittrige Chitin-Fühler wuchsen,
sein Unterleib wurde gefühllos und die Beinchen wurden Steif. Er schwitzte `was Gelbes auf
das Pult des Personalchefs bei der Verabschiedung und sein harter Hinterleib
pulsierte sichtbar unter den transparenten Chitinbögen seines Käferleibes, als er am Boden
vor der Sekretärin flink vorbeikrabbelte: Sogar eine Hautschuppe der Sekretärin fand
Eingang in sein breites Käfermaul: Er schämte sich dafür. Nun, das musste er nicht,
die junge Frau würdigte ihn nun  keines Blickes mehr, Werner war für sie wie
unsichtbar.... Werner hörte noch das laute Rascheln seiner Personalpapiere und suchte
sich später dann halt eine andere Stelle bei einer anderen Fima  in der Nachbarschaft.

***

c/G.E.
 

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