Daniel Siegele

Ein Weihnachtsabend am Nordpol

Für den Weihnachtsmann, den Nikolaus und den Osterhasen besteht das Jahr zum allergrößten Teile aus freier Zeit. Da alle drei ­­– als professionelle Kinderbeschenker – Kollegen aus demselben Beruf sind, verbringen sie ihre freie Zeit (und das sind immer etwa 360 Tage im Jahr) am liebsten an ihrem gemeinsamen Wohnort (dem Nordpol) und hier außerdem in ihrer Lieblings-Kneipe „Unterm Polarlicht“.

Im Verlauf von mehreren hundert Dienst- und Wohngemeinschafts-Jahren haben sich unsere drei Gewohnheits-Junggesellen in einer betont gemütlichen, behaglich-rustikalen Weise in ihrem gut geheizten und sturmfesten Domizil unter dem arktischen Eis eingerichtet: Sie schauen alte Filme an, hängen ihren Erinnerungen nach und verbringen viel Zeit in ihrer Privat-Kneipe „Unterm Polarlicht“, wofür sie in allen drei Fällen niemals auch nur einzigen Schritt vor ihre Wohngemeinschafts-Haustür tun müssen.

Nach mehreren hundert Dienstjahren sind Weihnachtsmann, Nikolaus und Osterhase (auch mit den Begriffen von angeblichen „Fabelwesen“ gemessen) doch schon recht alt und damit ein wenig „dienstmüde“ geworden: Wenn sich der Weihnachtsmann (als Beispiel) – nach seiner fast einjährigen Ruhepause – allmählich wieder für seine alljährliche „Dienstreise“ herrichtet, wird ihm Dies deshalb seit jetzt schon einigen Jahrzehnten doch zunehmend „sauer“.

Auch die Rentiere des Weihnachtsmanns haben während des größten Teils des Jahres eine unbestreitbar gemütliche Zeit, die sie in ihrem Stall (der tatsächlich eher wie eine rentier-taugliche Variante der Wohngemeinschaft von Weihnachtsmann, Nikolaus und Osterhase aussieht) ihrerseits ebenfalls mit dem Anschauten von (Rentier-)Filmen, dem gegenseitigen Erzählen von alten (Rentier-)Geschichten und dem munteren Trinken von (Rentier-)Schnaps verbringen.

Wenn sich der Weihnachtsmann dann schließlich tatsächlich zu seiner weltweiten Kinderbeschenkungs-Rundreise auf den Weg machen muß, bietet er bei seinen Reisevorbereitungen mittlerweile doch das sehr deutliche Bild eines altgewordenen Ex-Abenteurers, der seine Reise nur noch antritt, weil kein anderer da ist, der ihm diese Plage abnehmen will.

Der Weihnachtsmann holt die bereitwilligen (wenn auch etwas müden und ein wenig verkaterten) Rentiere zum Anspannen nach draußen in die arktische Winternacht, bepackt den Weihnachtsmann-Schlitten zusammen mit seinen beiden Berufs- und Wohngemeinschafts-Genossen mit den kaum zu zählenden Geschenke-Paketen und quält sich dann schließlich (von Rheuma, Müdigkeit, Unlust und Whiskey-Kater geplagt) auf den Kutscher-Sitz.

Seine beiden Freunde Nikolaus und Osterhase schauen dem Weihnachtsmann bei seinen allerletzten Reisevorbereitungen besorgt zu und können nur hoffen, daß seine diesjährige Reise zumindest nicht reicher an Mißgeschicken und fliegerischen Beinahe-Unfällen sein wird, als die Reise des letzten Jahres.

Müde und verkatert auf der Kutscher-Bank sitzend, erklärt der Weihnachtsmann seinen Rentieren, daß sie sich um die Navigation während des Fluges diesmal selber kümmern müßten, weil er – müde und voll des guten Whiskeys – dazu zumindest jetzt zugegebenermaßen einfach nicht fähig sei.

Die Rentieren zwinkern sich zu nach dem Motto: „Was soll´s? Es ist ja schließlich nicht das erste Mal, daß wir beim Fliegen Alles selber machen!“ und ziehen den Schlitten danach – zunächst eher langsam, aber bald mit deutlich erkennbar zunehmender Geschwindigkeit – über die lange, planierte Schneepiste, um dann schließlich abzuheben und den Schlitten in den sternfunkelnden, frostklaren Himmel der Polar-Winternacht hinauf zu ziehen.

Weihnachtsmann und Osterhase schauen ihrem davonfliegenden Berufsgenossen und Mitbewohner noch während einiger Minuten hinterher, wobei der Weihnachtsmann im dunklen Nachthimmel mit seinem Rentier-Schlitten scheinbar immer kleiner wird; Mit einem Ausdruck von freundlicher Besorgnis in der Stimme meint der Nikolaus dabei, daß der „gute alte Junge“ (also der Weihnachtsmann) „in seinem Alter bei der Whiskey-Trinkerei vielleicht doch wenigsten ein kleines Bißchen vorsichtiger sein sollte“.

Während er noch diese freundlich-warnenden Worte spricht, holt der Nikolaus allerdings seinerseits selbst eine gut mit Whiskey gefüllte Taschenflasche aus seinem Wintermantel, um sich einen recht freundlichen Schluck aus dieser Flasche zu gönnen, bis ihn der Osterhase mit nicht weniger freundlichem Zupfen daran erinnert, daß der Whiskey in der sternklaren, kalten Winternacht auch zwei Leuten gut schmeckt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.07.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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