Bodo Mario Woltiri

Die besondere Note


Gründonnerstag. Als Sara Billerbeck den letzten Klassenraum betrat, den Putzeimer in der Linken, Kehrblech und Handfeger in der Rechten, war zunächst alles wie gewohnt: vor ihr zwanzig Schulbänke und vierzig Stühle, vorne der Lehrertisch mit Stuhl, und am Kopfende des Raums das Whiteboard mit Schwamm und Markerstiften. Ja, das waren so die kleinen technischen Veränderungen, die in die Schule Einzug gehalten hatten – Board und Marker statt Tafel und Kreide.
 
Aber auch an Sara Billerbeck war der Fortschritt nicht spurlos vorübergegangen: in ihrer rechten Kitteltasche verbarg sich ein Smartphone, das sie – wenn sie wollte – mit Gott und der Welt verband. Und ihre Berufsbezeichnung war auch nicht mehr Putzfrau, sondern Raumpflegerin. Allerdings hielt das die Schülerinnen und Schüler der Albrecht-Dürer-Schule nicht davon ab, den von ihnen bevorzugten Ausdruck „Putze“ zu verwenden, der wohl mehr ihrer „Denke“ entsprach.
 
Wie immer arbeitete sie sich vom hinteren Ende des Raums nach vorne durch. Sie stellte den Putzeimer ab, ging durch die mittlere Reihe zwischen den Schulbänken bis zum Lehrertisch, um den Papierkorb zu holen, der dort immer abgestellt war. Doch der stand heute nicht unter dem Tisch, sondern ganz rechts vorn unter dem Whiteboard. Erst jetzt fiel ihr Blick auf die matt glänzende Kunststofftafel – und ließ ihren Atem stocken. Aber nicht etwa wegen der drei Wörter, die dort in großen Lettern angeschrieben waren. Nein, es war ihre Farbe:
die Besondere Note
 
stand dort in blutroten Buchstaben. Und noch etwas ließ sie bei näherer Betrachtung erstarren: Bei einigen Buchstaben lief die Tinte – oder was immer das war – wie ein kleines Rinnsal einige Millimeter herab, wie Blutstropfen von einem Schlachtermesser. Hatte sich hier ein Schüler – am letzten Schultag vor den Osterferien und einen Tag vor Karfreitag – einen bösen Scherz erlaubt? Und wenn ja, wen sollte dieser Streich treffen? Zwei Fragen, auf die Raumpflegerin Sara Billerbeck keine Antwort wusste. Aber sie konnte ja den Direktor fragen, der würde sich schon darum kümmern. Zum Glück war er heute noch länger im Büro.
 
Gerade wollte sie das Klassenzimmer verlassen, als ihr Blick noch einmal auf die Tafel fiel und ihre rechte Hand unbewusst in die Kitteltasche glitt. Vielleicht wäre es besser, diese Tafelinschrift mit dem Handy abzufotografieren, quasi als Beweismittel. Sie war ein begeisterter Krimifan und hatte schon oft gesehen, dass Mordszenen oder verdächtige Personen „zufällig“ von einem Amateur gefilmt worden waren und  auf diese Weise überführt werden konnten. Außerdem würde sie gerne einmal in der Zeitung stehen, wenn diese über einen aufsehenerregenden Skandal oder eine Untat berichtete. Sie stellte sich einen Moment lang schon die Schlagzeile vor: „Raumpflegerin Sara B. deckt schrecklichen Schulmord auf“, oder so ähnlich. Sie bekam eine leichte Gänsehaut bei der Vorstellung. Sie ging nochmal ein paar Schritte Richtung Tafel, blieb stehen und drückte dreimal – mit unterschiedlichem Zoom – auf den Auslöser ihrer Handycamera, ließ diese zurückgleiten in die Kitteltasche und machte sich auf den Weg zum Büro des Direktors.
 
Karfreitag. Kai Mertes war erschöpft. Der lange Lauf durch den Wald hatte ihm zwar gut getan, aber er war es einfach nicht gewohnt, fünf Kilometer am Stück zu joggen. Seine Kondition war miserabel. Das brachte ihm zwar im Sportunterricht noch keine schlechten Noten ein, aber dafür machte ihm eine andere Note umso mehr Sorgen: die Fünf in Deutsch. Er wusste nur zu gut, dass Schotti – so nannten alle Schüler ihren Deutschlehrer Karl Schottmeyer, wenn sie unter sich waren [woltiri1] – niemals von seiner merkwürdigen Praxis bei der Notenvergabe abweichen würde. Die A-Note bewertete ausschließlich Rechtschreibung und Grammatik, die B-Note, die nur zu 40 Prozent ausschlaggebend war, galt der Ausdrucksfähigkeit und Kreativität. Und so kam es, dass Kais letzte Deutscharbeit nur so strotzte von roten Markierungen seiner zahlreichen Rechtschreibfehler, und als abschließendes Urteil unter der Arbeit stand: A-Note: 6, B-Note: 2, Gesamtnote: 5. Darum war er wütend auf ihn, und seine Ohnmacht hatte diese Wut bis gestern noch gesteigert. Aber ab heute waren erstmal Ferien. Er schnappte sich den Stapel DVDs, wählte eine aus und legte sie ein. Auf dem Bildschirm erschien der Filmtitel: There will be blood.
 
Karsamstag. Erich Matern setzte den Kaffee auf, steckte zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster und platzierte zwei braune Eier in den kleinen Topf mit dem bereits kochenden Wasser. Die Frau des Schuldirektors war noch nicht aufgestanden, er würde ihr heute das Frühstück ans Bett bringen und dann in Ruhe die Zeitung lesen. Während die Kaffeemaschine brodelte und die Eier kochten, holte Matern den Kallenberger Boten aus dem Briefkasten. Warum Tageszeitungen bis heute ihre altmodischen Namen trugen, entzog sich seiner Kenntnis, wo sie doch über eine Welt berichteten, in der es keine Boten und Anzeiger mehr gab, aber umso mehr Botschaften und Anzeigen. Er legte die Zeitung auf den Esstisch und wollte sich gerade wieder dem Kochtopf mit den Eiern zuwenden, da fiel ihm das Bild auf der Titelseite ins Auge, eine Tafel mit der Aufschrift  die Besondere Note. Mit einem leichten Schlucken las er den Text darunter: „Am Gründonnerstag wurde in der Albrecht-Dürer-Schule diese Nachricht auf einer Tafel entdeckt. Die Polizei wurde von der Schulleitung verständigt und gebeten, den Schreiber der Botschaft zu ermitteln und die Farbe zu analysieren, mit der sie geschrieben wurde. Sollte es Blut gewesen sein, so könnte es sich um einen Mord an einem Lehrer handeln. Die Schulleitung wollte zu dem Vorgang noch nicht Stellung nehmen.“ Noch nicht Stellung nehmen, das war eine echte Unverschämtheit! Die Redaktion hatte ihn gar nicht angerufen. Und wo zum Teufel hatten sie das Foto her? Natürlich, es konnte nur diese Putze sein, die ihn am Donnerstag zwar informiert hatte, aber mehr auch nicht. Wie hieß sie doch gleich? Killerblack oder so ähnlich… Der Frühstückshunger war ihm gründlich vergangen. Das Telefon klingelte, er nahm ab: „Herr Matern, hier spricht Fritz Pawelzik von der Kripo, wir würden Ihnen gerne noch ein paar Fragen stellen zu der Sache in Ihrer Schule, können wir vorbeikommen?“ „Aber sicher, jederzeit“, antwortete er seufzend.
 
Ostersonntag. „Noch ein Stück vom Braten?“ fragte Rita Pawelzik ihren Mann, der mit den Gedanken allerdings ganz woanders war. „Rot wie Blut…“, murmelte er vor sich hin. „Nein, der Braten ist wirklich ganz durch, Schatz!“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen. „ Ich meine doch nicht das Fleisch, sondern die Schrift an der Schultafel!“ entgegnete er. „Zu dumm, dass unser Labor das Ergebnis erst morgen hat, und dass wir diesen Lehrer nicht erreichen können. Na, wenigstens haben wir den Täter schon gefasst!“ lautete die Zusammenfassung von zwei langen Arbeitstagen, an denen er eigentlich frei gehabt hätte. „Wenn er es denn war, ich denke, es war eher ein typischer Jungenstreich“, sagte Rita soeben, aber Fritz Pawelzik war in Gedanken schon wieder unterwegs.
 
Ostermontag. Ungeduldig rutschte Clara auf der Kirchenbank hin und her. „Jetzt sitz doch mal still!“ fuhr ihre Mutter sie an. Doch wie sollte sie bei solch einer Predigt ruhig bleiben? „Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag, keine Auferstehung ohne Buße und echte Reue“, donnerte der Pastor von der Kanzel. „Vom leugnenden Petrus über den Verräter Judas bis zum zweifelnden Thomas: in jedem Jünger können wir uns wiedererkennen. Und keiner kann seine Hände in Unschuld waschen, wie Pilatus es versuchte: An seinen wie an unseren Händen klebt das Blut Jesu Christi, und wir können uns nur reinwaschen durch das Bekenntnis unserer Sünden.“ Clara stand auf, taumelte ein wenig und rannte dann ohne sich noch einmal umzusehen aus der Kirche.
 
Dienstag. Karl Schottmeyer genoss seine Urlaubstage auf Mallorca in der neu erworbenen Finca, von der er niemandem erzählt hatte – die Kollegen würden doch nur neidisch sein  und sich das Maul zerreißen. Also hatte er zur Sicherheit sein Handy zuhause gelassen. Er wollte für niemanden erreichbar sein. Nun saß er mit einem kühlen Longdrink im Garten seiner Finca und widmete sich der Zeitungslektüre. Leider hatte er den Antrag auf Nachsendung des Kallenberger Boten so spät gestellt, dass er die Osterausgabe nicht mehr bekam. Dafür konnte er ja heute nachlesen, was über Ostern in der Heimat so alles passiert war.
 
Er staunte nicht schlecht, als er auf der Titelseite die Schlagzeile las: „Schrifträtsel an der A.D.-Schule aufgeklärt – Schülerin gesteht“. Er schlug den Lokalteil auf und erfuhr alles über die Ereignisse der letzten Tage: „Wie wir bereits berichteten, wurde in einem Klassenzimmer der Albrecht-Dürer-Schule von der Raumpflegerin Sara B. eine rätselhafte Botschaft entdeckt. Sie lautete die Besondere Note und war in roter Farbe an die Tafel geschrieben. Die anfängliche Vermutung, ein Schüler der Klasse 11c habe die Botschaft geschrieben mit dem Blut des Deutschlehrers Karl S., nachdem er diesen ermordet habe, stellte sich inzwischen als unhaltbar heraus. Die Schrift war nicht mit Blut geschrieben, und der Schüler konnte ein glaubhaftes Alibi vorlegen. Am Ostermontag legte eine Mitschülerin ein Geständnis ab: sie habe die Worte an die Tafel geschrieben, weil sie den Verdacht auf den Mitschüler lenken wollte, der vor kurzem ihre Liebesbeziehung beendet habe. Sie habe Curryketchup benutzt, damit es wie Blut aussehe. Die Polizei und die Schulleitung versuchen bisher vergeblich, den Lehrer Karl S. zu erreichen, gehen aber davon aus, dass er nach den Osterferien wohlbehalten zurückkehrt.“
 
Nachdem er den Bericht zuende gelesen hatte, blieb Karl Schottmeyer bei dem Bild mit der Botschaft hängen: „Besondere groß zu schreiben ist ein Verbrechen, das hätte ich rot angestrichen“, entrüstete er sich kopfschüttelnd, griff zum Longdrinkglas und trank einen ordentlichen Schluck von seiner Bloody Mary.
 
© Bodo Mario Woltiri 2011

 
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.08.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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