Julia Stögmüller

Gemalte Erinnerungen

Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen.
Wie all die unzähligen Male zuvor, saß ich mit meinen Puppen spielend im Wohnzimmer meiner Großmutter, beflügelt von der Kreativität und der guten Laune, die das alte Haus mit dem riesigen Garten immer für mich ausstrahlte.
Unter dem großen, bunten Bild über dem Lesesessel feierten Clara, Tina, Gustav und ich eine Teeparty. Gustav hatte wieder einmal die Hälfte seines Erdbeerkuchens unter den Tisch gebröselt. Ich krabbelte also unter den Tisch und dachte zuerst, eine meiner Puppen wäre unter den Tisch gefallen. Doch diese winzige Kreatur, die ich dort fand, hatte etwas ganz Besonderes an sich. Solche strahlenden, braunen Augen hatte ich noch nie zuvor gesehen und es schien als strahlte alles um sie herum in einem feinen Silberton. An einem Stückchen Erdbeere nibbelnd, streckte mir ihre zierliche Hand entgegen:
„Grüß dich. Ich bin Valerie!“
„Grüß dich. Mein Name ist...“
„Julchen, ja ich weiß. Komm, kleines Julchen“, piepste das zarte, blonde Wesen unter dem Couchtisch und stubste mir die Nase.
Ehe ich mich versah, stand ich auf beiden Beinen mitten im Zimmer.
„Halt“, mit großen Augen sah ich das zarte Wesen an, das nun vor mir schwebte. Sie trug ein kurzes pastellgrünes Keid und hatte langes, feines, blondes Haar, das im Sonnenlicht des Spätsommers glänzte. Wenn man ganz genau hinsah, wirkte ihre blasse Haut, als würden tausend Sterne auf ihr tanzen, in allen Farben des Regenbogens. Ihre silbernen Flügel glänzten mit ihrer Haut um die Wette.
„Wo gehen wir denn hin?“, fragte ich.
„Lass dich überraschen, kleines Julchen“, zwinkerte die Elfe.
Hinter ihrem Ohr zog sie eine kleine weiße Rose hervor und streckte sie mir entgegen.
„Riech mal.“ Valerie tippte sich mit ihrem winzigen Zeigefinger an die Nase.
Ich schloss meine Augen und sog den Duft der Blütenblätter in mir auf. Mmmmm...
Als ich die Augen wieder öffnete, stand ich inmitten eines weißen Rosengartens. Der Duft, der mir entgegen strömte war überwältigend. Wo war ich hier? Und wo war Valerie?
Ich spürte, dass ich die kleine Rose noch immer in meiner Hand hielt. Vorsichtig zupfte ich ein Blütenblatt heraus. Dann hörte ich ein leises Wispern und die Rosenbüsche waren auf einmal verschwunden.
Vor mir lag nun ein großer, bunter Garten, durch den ein breiter Schotterweg führte. Der Duft von Lavendel strömte mir entgegen während ich meinen Blick über den violett gesäumt Weg schweifen ließ. Die Ahornbäume, die den Weg entlang gepflanzt waren schimmerten in einem spätsommerlichen Grün-rot. Dahinter ein Meer von Mohnblumen. Noch bevor ich gerade aus sah, wusste ich, dass ich am Ende des Weges, ein Stück weit hinter den Bäumen, einen Teich mit unzähligen Seerosen sehen würde. Ich wusste es ganz genau, denn das Bild, das sich vor mir ausbreitete, glich bis ins kleineste Detail dem Bild meiner Großmutter, das über dem Lesesessel hing.
Unzählige Male hatten meine Großmutter und ich es uns zusammen angesehen. Sie hatte mir erklärt, wie die Blumen und Bäume hießen, die auf der Leinwand in kräftigen Ölfarben abgebildet waren. Ein „echter Monet“ sei das, hatte sie mir erläutert, immer mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen. Natürlich wollte ich daraufhin alles über den berühmten Künstler wissen, weshalb wir uns gemeinsam seine berühmtesten Bilder in den verschiedensten Kunstbüchern angesehen haben. Ich wusste also ganz genau, dass das hier der „Weg im Garten des Künstlers“ war, der sich vor mir ausbreitete. Aber der war doch in Frankreich, in der Normandie um genau zu sein.
Wie konnte das sein? Wie kam ich hierher?
Vorsichtig folgte ich dem Schotterweg weiter in den Garten hinein, ganz aufgeregt darüber, was mich dort erwarten würde, als mich plötzlich etwas an der Nase kitzelte. Ich blinzelte und sah ein paar silberglänzende, hauchzarte Flügel vor mir.
„Valerie...“
Die Elfe lächelte und zwinkerte mir zu.
„Komm, kleines Julchen. Hier entlang.“
Gemeinsam folgten wir dem Schotterweg, bis zum Seerosenteich. Vor mir stand ein großer Tisch, gedeckt mit Tee und allerlei Zuckergebäck und in der Mitte der Tafel sah ich eine Vase voll weißer Rosen.
Ich wollte gerade danach greifen, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Vorsichtig drehte ich mich um.
Meine Großmutter stand direkt hinter mir und nahm mich in den Arm. Voll Freude nahm sie mich an der Hand und zeigte mir den restlichen Garten. Dann tranken wir Tee und aßen Plundertaschen. Ich spielte den ganzen Nachmittag mit Valerie und ihren kleinen Elfenfreundinnen und als es dann langsam zu dämmern begann und ich müde wurde, nahm mich meine Großmutter auf den Schoß. Ich schloss meine Augen und spürte, wie etwas gegen meine Nase stubste.
„Lass das, Valerie“, kicherte ich und öffnete noch einmal meine Augen.
Ich lag auf dem Lesesessel und blickte direkt in das lächelnde Gesicht meiner Großmutter. Sie nahm den Zeigefinger von meiner Nase.
„Na, kleines Julchen. Hattest du eine schöne Reise?“, sagte sie und steckte mir dabei eine kleine weiße Rose ins Haar.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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