Sebastian Schulte

Der Fährmann

Nun schien es also soweit gekommen. Das Ende einer Existenz, das Ende eines Lebens, eines Körpers, schier endlos dem Verfall der Zeiten ausgeliefert, zerbrechlich wie eine Hauchdünne Glashülle, die das wirklich wichtige bewahrt. Nur was ist wichtig? Wie kann man ein Wort einfach so definieren? Wichtig. Jeder fast es anders auf…Selbst die weisesten der Weisen wissen es nicht zu tun und dennoch fürchten sie es ebenso, wie jeder andere sterbliche. Mich eingeschlossen. Beklemmung breitete sich in dem Boot aus…eisig kalter, schneidender Windhauch folgte auf den nächsten. Wie irr spielten mir meine Gedanken Streiche. Lange Finger, kalt, unausstehlich kalt, spielten um das Boot herum. Berührten mich. Fassten mich. Zerrten an mir. Stillen Schreckens dasitzend und dem Ende der schier endlosen Fahrt eifernd zog ich den Mantel um mich herum fester. Stoff, wie er in keiner Seidenspinnerei der Welt hätte hergestellt werden können, Stoff, der, von seiner Wärme spendend, zwar dies Gefühl der Kälte lindern konnte, aber diese langen Windfinger immer wieder zupackten, an den Mantelspitzen zerrten, nach mir gierten, mich mitreißen wollten. Immer wieder verfiel ich in stille Agonie, ringend mit mir selbst, und doch keines Ausweges bewusst, stürzte ich immer tiefer, doch konnte nie den Boden sehn, je mehr ich auch dem Aufschlag entgegeneilte, desto weiter schien sich alles von mir zu entfernen. Ich viel vorbei an Bildern meiner Vergangenheit, Bilder meiner ersten Freundin, meiner ersten richtigen Liebe, Bilder meiner Hochzeit, Bilder meines Sohnes, meiner Eltern, Freunde, Verwandte. Ständig erwachte ich aus dieser Agonie, nur um sie ein weiteres Mal zu beginnen, in Enttäuschung und Wut, in Schmerz und Ruhe. Jedes Mal wenn ich erwachte, dachte ich, das Ende der Fahrt sei gekommen, doch das Ufer schien noch weiter entfern, denn je. Die Winde brachten Wahnsinn, zerrten an mir, flüsterten mit wilden Stimmen, riefen mich, versprachen mir das Ende jeden Leids. Ich schüttelte diese Gedanken aus meinem von allmöglichem Gewirr, Gespinsten und Ängsten verkümmert Gehirn und suchte eine klaren Gedanken. Nie fand ich ihn, so oft ich suchte, nach Hoffnung, Glück und Liebe, fand ich mich in Agonie, sah ich Leid, hörte ich Flüstern. Mein Blick entglitt mir und fiel auf die schwärzlich-blaue Oberfläche des Flusses, Sees, oder wo zum Teufel wir auch immer waren. Teufel? Gutes Stichwort. Wäre das etwa die monoton übrig bleibende Alternative? Im Gegensatz zu der mannigfaltigen Möglichkeit des ständigen Kampfes, des Weitermachens, des Nicht-Aufgebens. Weiterleben, seinen Lieben eine Freude machen…niemand kann es nachempfinden wie es ist, sich seinem Leben bewusst zu sein, aber zu wissen, das Der Tod eine allzu süße Alternative zum ständigen Trott des Leids, der Enttäuschung ist. Wiederum erwachte ich aus einem Traum, der mir weismachte, ich sei dort, nicht hier, nah nicht fern, könnte reden, aber nur krächzen, musste schreien, zum flüstern. Vorgegaukelte Realitäten, meine Familie mit mir, ich mit ihr. Ich sah auf, durch halbgeschlossene Lieder. Müdigkeit ergriff meinen Körper und lockte mich, endlich aufzugeben. Verlockende Angebote, doch kalte Finger, tastend, fühlend, grabschen, zerrend, reißend. Ich fühlte mich wie in einem Strom der Zeit gefangen, der sich endlos hinschleppt, niemals anhält, sein Bett immer sucht. Ich blickte auf zu dem Fährmann, der nun schon die ganze Zeit mich in diesem Boot, dieser Nussschale, von einem mit einer Kerze versehenen Totenkopf beleuchtet, an einer Kette hängend, pendelnd, schwankend. Das Boot bewegte sich still und waagerecht, fast wie auf unsichtbaren Schienen stetig vorwärts, ohne zu ruckeln, zu schwanken zu wackeln. Irritation überkam mich beim Anblick dieser Leuchte. Der Fährmann drehte mir sein Gesicht zu. Schrecken durchfuhr meine Glieder und gleichsam, wenn auch völlig ungewollt und stupide wirkend ein Hauch von Hingezogenheit, Vorfreude, auf das was aus seinem Gesicht sprach. Gesicht? Welches Gesicht? Man konnte nur zwei rot leuchtende Punkte sehen, die mich fokussierten, anleuchteten, verfolgten, durchbohrte, mir Kraft zu rauben schien. Knochig war er, durch und durch tot. Er hob seinen langen bemantelten Arm und deutete nach vorn. So stark sich meine Augen auch anstrengend erkannten sie nichts als Schwärze. Welche süße Ironie dies war: Genau zu dem, wie sich die Menschen den Tod vorstellen, als etwas schönes, helles, grelles, warmes war eben das, was mir widerfuhr, gegenteilig. So wie ich mir den Tod vorgestellte hatte widerfuhr mir es. Kalt, ohne Halt, dunkel, unlebend, oder besser Untot, irr, völlig Wirr, einem den Verstand raubend, gefügig machend, unterjochend und vergessend. Wieso berichten so viele Menschen von einem Licht? Ein Licht das nicht existent ist. Vielmehr ist es eine Ausbreitung eines dunklen Schattens, der sich den Sekunden über einem legt und dann ein großer Mann mit Kutte und schwarzem Pferd, der einem den Weg weist. Danach fand ich mich eingeschüchtert und Müde in diesem Boot mit dem ungeheuren Fährmann. Doch wie sollte ich mich nun an diesem offensichtlichen Scheidepunkt, Wendepunkt der Existenz, abwenden, umdrehen, einfach weggehen oder aufgeben? In mein von der Kälte und der Müdigkeit stark zugesetzten kopf kehrte allmählich ein Lebenszeichen zurück. Zuerst Schwach, denn stärker und leuchtender. Die Finger zogen sich unter gewaltigem Kreischen und schrecklichen Tönen zurück, die Kälte verschwand. Hirngespinste gaukelten mir Bilder vor, die nicht wirklich sein konnten. Oder etwa doch? Ich merkte wie sich eine gewisse Lebenskraft, eine gewisse Stärke in meinen Körper zurück fand. Die Dunkelheit schien hinter mir, stattdessen schien ich empor zu schweben, von gewaltigem Lichte empfangen und gestärkt. Aus allen Himmelsrichtung stöhnte es und ein seltsamer Rauch flog mir zu, mit jedem Atemzug den ich nahm, mit jedem Füllen meiner Lungen. Ich sog die ganze Lebenskraft wieder in mich auf, die verloren hatte. Ich schwebte immer höher, eine Lichtkugel in tödlicher Dunkelheit. Die Schatten schienen von mir gewichen, selbst die eisigen grausamen Hände und stimmen zerrten nicht mir an mir, kamen nicht hinterher, mit solcher Geschwindigkeit stieg ich empor. Und dann umfing mich plötzlich wieder Dunkelheit. Was war geschehen? Die neu gewonnene Freiheit, das Licht, die Wärme wieder verschwunden? Ich öffnete meine Augen, halb im Schlafe des Vergessens und halb in froher Erwartung. Über mich gebeugt, ein wundervolles Wesen, wunderschön anzusehen. Eingehüllt in schwarze Tracht und Trauer im Antlitz widerspiegelnd. Sie hatte mich gerade geküsst, wie meine Träume mir zeigten, doch ich es auf die Agonie schob, die mir dinge vorspielte, die nicht wahr waren. Nun war ich eines besseren Belehrt. Dieses wunderschöne Gesicht wurde von einem Schlag aus der Trauer in Erstaunen dann in unsagbare Freude, Glück und Liebe gerissen. Tränen strömte ihre Wangen herab, wie ein silberner Fluss, ergossen sich auf meine Laken. Blind vor Tränen umschlang sie mit ihren Armen meinen Hals und presste ihren Kopf dicht an den meinem, ihre Augen in meiner Schulter vergraben. So wie mir es bis gerade schier unmöglich erschien, mich aufzuraffen, gelang es mir jetzt im Gegensatz zu vorher mit Leichtigkeit, meinen Blick zu wenden. Allerdings geschah dies in Wirklich natürlich langsam und zaghaft nur ich fühlte eine Leichtigkeit, als wäre mir das Gewicht der Welt von den Schultern geraubt. Ich sah einen bekittelten Mann neben mir stehen, der selbst fast Tränen in den Augen zu haben schien, als er mein Erwachen sah. Der ganze Raum war gleißend hell und ich könnte nur diese beiden sehen. Erst später wurde mir erzählt, dass ich mehr als 1 Jahr im Koma gelegen hatte, nachdem der Unfall passiert war. Mir wurde danach erst klar, dass nicht jeder Verlust etwas Schlimmes ist. Jeder Verlust birgt irgendwo einen Anfang, auch wenn man ihn nicht sofort erkennt. Ich verlor einen Teil von mir, einen schlechten Teil und gewann dadurch die unendliche Zuneigung und höchstes Glück auf Erden. Auch wenn viele Menschen den Tod als das Ende sehen und ihn sich wünschen, weil sie denken das er Angenehm ist, sollte dies warnen. Der Tod ist grausam, schrecklich. Verfallt ihm nicht, wenn ihr es nicht wollt. Nur wenigen ist die Gabe überlassen, den Fängen des Orcus zu entkommen und den Lockungen des Fährmanns und des Ufers zu entsagen. Möge dies ein Beispiel sein für all diejenigen, die sich ein ach so falsches Bild von der langen Reise machen…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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