Hedy Hubmann

Soo kuhl !!


Susi, die Leitkuh und ihre Mitkühe stehen auf der Weide. Rosa, Trude und Berta stecken
wieder ihre Köpfe zusammen und tratschen. Sie haben es gut, sie sind Teil einer Herde von
einem Bio-Bauern. „Wenn man so die Bilder sieht aus dem Ausland – in Amerika
beispielsweise – da sind hunderte von Rindern zusammengepfercht auf einem kleinen
Flecken Land. Kannst Du Dir vorstellen, wie das stinkt, muht Rosa. Und in Südamerika erst,
da rauchen die Menschen das Gras, ereifert sich Berta. Und den Rest schmuggeln sie für
viel Geld nach Europa. Da bleibt für die Kühe nichts übrig.
Dafür sind in Indien die Kühe heilig. Die können hingehen wo sie wollen, entgegnet Trude.
Allerdings müssen sie ihr Fressen und das Wasser selber suchen. Freiheit hat eben seinen
Preis.

Plötzlich wird ihre Idylle gestört. Der Bauer Martin treibt fünf Kühe vor sich her. Der wird die
doch wohl nicht auf unsere Weide bringen. „Schau mal wie die aussehen, zottiges Fell,
Fransen über den Augen und klein. Das sind schottische Hochlandrinder weiss Trude –
Ausländer! Ungepflegt noch obendrein – wie unkuhl – Fransen über den Augen ist doch gar
nicht in.“
Dafür brauchen die Hochlandrinder keine Sonnenbrillen. Die Bauernregierung hat den
Antrag der Schweizer Kühe „Wir brauchen Sonnenbrillen“ abgelehnt. Kühe brauchen keine
Sonnenbrillen – so wie die Schweizer keine Kampfflugzeuge brauchen.
Tatsächlich – die kommen auf unsere Weide. „Was wollen die denn hier“, sagt Rosa, eine
stattliche weiss-braun gefleckte Kuh, die Schönste von allen. Sie legt übrigens Wert darauf,
dass ihre Flecken nicht braun wie Kuhfladen sind sondern mokkafarben – oder
cognacfarben. Und eine Sonnenbrille trägt sie trotzdem, auch wenn sie nun nicht vom Staat
finanziert wird.
Etwas unsicher und schüchtern stehen die Neuankömmlinge am Rand der Weide, bleiben
dicht zusammen: Zwei Kühe, ein Rind und zwei Kälbchen. Einen Stier gibt es da offenbar
nicht. „Wir haben ja auch keinen Stier, bemerkt Berta – meiner jedenfalls ist gleich nach der
Besamung wieder abgehauen. So sind eben die Männer – pardon Stiere.“
Nun gesellt sich auch noch Jungbulle Timo zu den drei Tratschtanten. „Habt Ihr gesehen, wir
bekommen Zuwachs. Die junge Hochlanddame sieht doch kuhl aus mit ihren Fransen über
den Augen.“„Findest Du - muht Trude ganz giftig – die ist doch so was von ungepflegt! Die
sollte mal ganz dringend zum zum Frisör und zum Klauenschleifer.“
„Eifersüchtig?“ grinst Timo. Ich nehme mal Kontakt auf und trottet in Richtung
Neuankömmlinge. „Nichts da“ schnaubt die Leitkuh Susi. Das Aussenministerium ist immer
noch meine Sache. Unwillig bleibt Timo stehen und sieht zu, wie Susi die Neuen begrüsst.
„Hallo, ich bin Susi, die Leitkuh –äh Aussenministerin und wer ist bei Euch die Chefin? Die
Leitkuh der Hochlandrinder stellt sich vor. „Ich heisse auch Susi, was für ein Zufall!
Allerdings schreibe ich mich Suzie – auf Englisch. Und das ist meine Familie: Dolly, Maggie
und die Zwillinge Tom und Jerry.“
„Und, was macht ihr hier, seid ihr Asylanten oder Wirtschaftsflüchtlinge?“ „ Nein nein, wir
sind Fachkräfte, wir wurden eigens rekrutiert. Und was für ein Fach beherrscht ihr dann? Wir
produzieren Milch! Dass ich nicht lache, erwidert Susi. Wie wenn es in der Schweiz nicht
genug Kühe gäbe. Schon mal was von Milchschwemme und Butterberg gehört?“
„Da musst du den Bauern fragen, warum er uns geholt hat, entgegnet Suzie.“
Rasch ist das Eis gebrochen. Timo macht Dolly Komplimente – er findet ihre Fransen ja soo
kuhl. Bald grasen sie immer nebeneinander. Tom und Jerry toben mit den Braunfleck-
Kälblein umher und treiben allerlei Unfug: rennen davon, wenn der Bauerngehilfe sie
in die andere Weide treiben möchte, versuchen auch mal bei einer andern Kuh als bei der
eigenen Mutterkuh Milch zu bekommen und machen ihren Mittagsschlaf gemeinsam unter
dem Apfelbaum. Auch der Tratschklub hat mit Maggie ein weiteres Mitglied gewonnen.
Schnell wird sie über das Leben der ansässigen Schweizer Herde informiert:
Wer wo wann was mit wem und warum!

Die beiden Leitkühe Susi und Suzie unterhalten sich über Gott und die Welt, über die
EU, Kälbchenerziehung und dass das Gras auch nicht mehr ist, was es einmal war.
Die Herde leiten sie fortan einträchtig gemeinsam und geben ihr den Namen Swiss
Highland Herde..
Kurze Missstimmungen gibt es nur, wenn die Schweiz gegen Schottland spielt.
An der Europameisterschaft U17 im Mai 2014 auf Malta zum Beispiel: da waren die Schotten
den Schweizern klar überlegen.
Alles in Allem kann man aber von einer gelungenen Integration reden. Die Bauernzeitung
widmete den Kühen von Swiss Highland eigens einen Leitartikel mit der Überschrift:
Sind Kühe eigentlich wirklich dumm? Oder sind sie uns Menschen nicht einfach
voraus?

Hedy Hubmann Juni 2014

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