Peter Spiegelbauer

CCCXVIII

Endlich ist es Freitag. Nur noch ein paar Stunden, und sie kann endlich mit ihrem Sohn nach Italien fahren. Ein wenig ausschlafen, versuchen zu entspannen und in der Sonne liegen, bevor sie der Alltag wieder einholen wird. Gewissenhaft räumt sie ihre Unterlagen, und sonstige Utensilien, von ihrem Arbeitsplatz, aus den Ablagen, und verstaut sie in ihren Tragetaschen. Sie ist allein im Vortragszimmer und begrüßt es, endlich ungestört etwas für sich selbst tun zu können, wo sie doch sonst immer für andere da ist.

Plötzlich reisst ein Windstoß ihr mehrere Zettel aus der Hand. Sie fliegen wild herum und für einen Moment hat sie das Gefühl mitten in einer Schneekugel zu stehen. Sie lächelt, geht zur Türe und schließt sie, um den Luftstrom zu unterbrechen. Wie auf Kommando tänzeln alle Blätter langsam zu Boden. Mit einem Seufzen kniet sie sich hin, und versucht die durcheinandergekommenen Skripten wieder zu ordnen.
Da bemerkt sie ein Blatt Papier, dass gar nicht zu ihren Unterlagen gehört. Anscheinend hat es irgendjemand vergessen. Sie dreht das gefaltete Papier hin und her, unschlüssig darüber, ob sie es wegwerfen oder behalten soll. Als sie es umdreht liest sie ihren Namen. Mit einem Mal wirkt sie wie eine neugierige Katze, die nicht weiß wie sie sich an die Maus herantasten soll, um sie nicht zu verjagen.

Sie denkt kurz nach, wer ihren Namen auf das Papier geschrieben haben könnte. Nachdem sie kurz im Geiste eine Liste von in Frage kommenden Personen erstellt, fällt es ihr schlagartig ein. Es war sicher der kühl wirkende Kursteilnehmer, der letzten Wochen zu ihren Zuhörern zählte. Hin und wieder sah er sie so eigenartig an, dass sie nie wusste, wie er es meinte. Seine Blicke hätten vermutlich alles mögliche bedeuten können. Er war immer so merkwürdig distanziert ihr gegenüber, doch andererseits, schien er auch „interessiert“ zu sein. „Ein ziemlich undurchsichtiger Mensch“, dachte sie bei sich. Anscheinend hält sie gerade so etwas wie seine Abschiedsworte in Händen.

Wie ein kleines Mädchen, das gerade ein Geheimnis entdeckt hat, sieht sie sich um, obwohl es sehr unwahrscheinlich wäre, dass jemand von den Kollegen um diese Uhrzeit in Seh- oder Hörweite ist, um sie zu beobachten oder zu belauschen. Nur sie und der „Brief“. Kurz überlegt sie ob es nicht vielleicht besser wäre ihn einfach wegzuwerfen, entscheidet sich dann aber dagegen, setzt sich auf ihren Bürosessel und beginnt zu lesen...

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Unehrlichkeiten
 
Ich war nicht ehrlich zu dir. Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht aber auch nicht. Tatsache ist... ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich weiß nicht was ich denken soll. Ich weiß nicht was ich fühlen soll. Seit dem ich dich das erste mal sah, wollte ich dich. Das ist die Wahrheit. Doch was ändert das schon? Ich wollte mich nicht von dir distanzieren, auch wenn es so gewirkt hat.

Ich wollte dich nicht verletzen, auch wenn ich es manchmal tat. Ich wollte dich einfach nur umarmen und dich küssen. Mehr wollte ich nicht. Die meiste Zeit über habe ich klare Vorstellungen von dem was ich erreichen will, dem was erlaubt ist und was nicht. Klare Definitionen von mir und meinem Leben.

Wenn ich in deine Augen sehe, verliert das alles an Bedeutung. Warum das so ist, weiß ich nicht. Will es gar nicht wissen. Wohin ich auch sehe, sehe ich dich. Fühle dich. Trostlos ist es für mich ohne dich zu sein. Das ist die Wahrheit.

Die Schmerzen die daraus resultieren, dass wir uns jetzt nicht mehr täglich zu den „Unterrichtseinheiten“ sehen werden, und die Schmerzen, die ziemlich sicher noch kommen werden, bin ich bereit zu ertragen. Mich ihnen hinzugeben und mich in ihnen zu vergessen. So wie ich mich mit dir vergessen hätte, wäre mein Verstand nicht stärker als mein Herz gewesen.

Wie es mit meiner Freundin und mir weiter geht, weiß ich nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Ich weiß nur eines... der Sturm hat gerade erst begonnen...
Da ich unehrlich zu dir war will ich versuchen es mit den ehrlichsten Worten, die ich momentan zustande bringe, wieder gut zu machen.
 
...Ich liebe dich...
 
Inkognito

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Fassungslos sieht sie auf den Brief. Rastlos verfolgen ihre Augen immer wieder bestimmte Textstellen, als ob sie sie auswendig lernen will. Es öffnet sich die Türe und ein Kollege streckt seinen Kopf herein.

„Du bist noch da? Ich dachte du wärst längst weg.“

Wie betäubt löst sie sich von den Zeilen und sieht ihn mit verwirrtem Blick an.
„Nein... ich meine... Ja. Natürlich bin ich weg.“ Sie zwingt sich zu einem Lächeln, das aber misslingt, so lässt sie das Lächeln vorerst bleiben.
„Nur noch... ein paar Kleinigkeiten, die ich noch packen muss. Ein paar Minuten und ich bin weg. Versprochen.“

„Ist alles ok? Du wirkst so... komisch. Alles in Ordnung?“

„Oh ja, alles bestens.“ Versichert sie, den Blick wieder auf die Unordnung gerichtet. „Nur ein paar Minuten noch.“ Langsam beginnt sie wieder einzupacken.

„Na gut noch ein paar Minuten. Dann sperr‘ ich die Türe zu, ob du drinn bist oder nicht.“ Scherzt er, und verschwindet wieder.

Sie wartet ein paar Momente und atmet dann mehrmals tief ein und wieder aus, um sich zu beruhigen. Die Türe hatte der Kollege nicht geschlossen und so erfasste erneut ein Luftzug den Brief. Er flattert ein paar Schwünge durch den Raum und schwebt schließlich, wie eine weiße Taube mit ausgebreiteten Flügeln, aus dem offenen Fenster. Sie sitzt wie gelähmt auf ihrem Sessel, und kann ihm nur noch hinterherblicken, und zusehen wie er aus ihrem Leben verschwindet.
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“Les vrais paradis sont les paradis qu’on a perdus.” — Proust

 

Doubt thou the stars are fire;
Doubt that the sun doth move;
Doubt truth to be a liar;
But never doubt i love.

- William Shakespeare
Peter Spiegelbauer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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