Horst Werner Bracker

. . . Hunger (1)

 

Der Tortenboden

Tagelang hatte es geschneit. Der heftige Wind hatte den Schnee zu meterhohen Schneewehen aufgetürmt. Alle Straßen waren unpassierbar. Über Rundfunk wurden die Menschen aufgefordert, die Straßen vom Schnee zu räumen und passierbar zu machen. Erst um die Mittagszeit des dritten Tages brach die Wolkendecke auf und ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über das tief verschneite Dorf. Über einen Meter Neuschnee war gefallen. Der klirrende Frost hatte die Fensterscheiben vereist, und hatte dicke Eiszapfen an die reetgedeckte Kate des Hauses wachsen lassen. Es war so bitter kalt, das der Atem an den Wänden des Schlafzimmers zu Eis gefror. Das Thermometer zeigte über zwanzig Grad Minus. Der Winter 1946 sollte in die Geschichte: als dem Jahrhundert Winter eingehen.
Ein Geräusch hatte mich geweckt.
Ich öffnete ein wenig die Augen und blinzelte durch die Augenlider. Am Fußende stand Mutter und weinte. Sie hatte ihre Arme unter die blau, weiß gestreifte Schürze gesteckt und lauscht auf die Atemzüge ihrer sechs Kinder. Die eng aneinander gekuschelt in ihren Betten schliefen. Dicke Tränen rollten über ihre einfallenden Wangen. Ihr Gesicht war blas und abgezehrt. Hunger und Krankheit hatten tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie wusste, bald würden die Kinder wach werden und nach Brot verlangen. Doch es war kein Brot da. Nichts, womit sie den Hunger der Kinder hätte, stillen können. Davor hatte sie Angst. Schon oft hatte ich Mutter so dastehen und weinen sehen. Mit meinen acht Jahren verstand ich die ganze Tragweite des furchtbaren Geschehens.

Ich schloss die Augen. Jedes Mal schnürte es mir den Hals zu, Mutter so verzweifelt Weinen zu sehen. Der furchtbare Krieg war zwar zu Ende aber die Nachkriegszeit brach mit Not und Hunger über das vom Krieg zerschundene Land herein.

Hunger! Um die Mittagszeit wurden die Kinder wach. In der Zeit des Schlafens hat der Schlaf den Hunger vergessen lassen. Doch nun, wo sie wach waren, brach das Hungergefühl mit Macht über die kleinen Seelen herein. Mama Hunger! Mama Essen!
Sie fingen an zu weinen. Sie wussten nichts von der großen Hungersnot, die über das Land hereingebrochen war. Wussten nichts von den seelischen Nöten in der sich Mutter, beim Anblick ihrer hungernden Kinder befand. Sie forderten ihr Recht auf Nahrung, auf Leben! Aber der Brotschrank war leer. Es gab nichts.- womit sie den Hunger ihrer Kinder hätte stillen können. Außer, ein Paar angefrorene Steckrüben. Sie trat an das Schlafzimmer Fenster, ob ihre Arme wie flehend `gen Himmel und presste ihre Stirne gegen das mit Eisblumen geschmückte Fensterglas. Ihre Hoffnung ruhte allein auf die älteste ihrer Töchter Renate. Sie war gerade mal zwölf Jahre alt und half seit drei Wochen bei einem der größten Bauern im Dorfe in der Küche mit. Dafür durfte sie mittags mit am Tisch sitzen. Heute war der 24. Dezember 1945 Heiligabend. Sie würde bestimmt Brot, ein Stück Wurst oder ein Stück Speck mitbringen. Die Bäuerin wusste ja, wie es um Mutter stand mit ihren sechs Kindern, der Vater in russischer Gefangenschaft. Hört Kinder, ich kann Euch kein Brot geben, es ist kein Brot da. Renate wird vom Bauer bestimmt etwas zum Essen mitbringen. Ihr müsst tapfer sein und warten bis Renate kommt. Ihre verheißungsvolle Ansprache verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie begannen sofort zu spekulieren, was die ältere Schwester wohl alles mitbringen würde. Der Bohrende Hunger beflügelte ihre Fantasien, Brot, Speck und Wurst. Kartoffeln und Weißkohl, vielleicht Kuchen sogar. Den ganzen Tag liefen die Geschwister auf die Straße und schauten den langen Feldweg hinauf. Aber außer Schnee war nichts zu sehen. Erst am späten Nachmittag, es begann dunkel zu werden, - ein schwarzer Punkt am Horizont. Renate kommt! Renate Kommt! Sie sprangen vor Freude hin und her. Ihre Augen strahlten. Endlich bekamen sie etwas zu essen. Sie fingen an zu raten, was die Große Schwester wohl von einer der größten Bauern im Dorfe mitbringen würde. Endlich, hatte das hungern ein Ende. Ich ging hinterm Haus in den Schuppen und setzte mich auf dem Holzklotz. Ich ahnte, ja wusste genau, dass all die Wünsche meiner Geschwister nicht erfüllt werden würden. Ich kannte den Geiz der Bauern. Die durchweg alle Nazi Größen waren. Die selbst nicht im Krieg waren und ihre Sohne ebenfalls nicht.
Ich konnte die enttäuschten Gesichter meiner Geschwister nicht ertragen. Lange Zeit saß ich auf dem Holzklotz, weinte und fror entsetzlich. Ich weis nicht, wie lange ich im Schuppen gesessen habe. Plötzlich öffnete sich die Schuppentür, im Türrahmen stand Mutter. Einen Augenblick blieb sie reglos stehen. Dann trat sie zu mir hin und drückte mich wortlos an sich. Mit ihrer Schürze, trocknete sie meine Tränen. Komm ins Haus mein Junge, sagte sie mit Tränen erstickter Stimme, es ist Weihnachten! Heiligabend!
Renate, brachte einen leeren, hölzernen Nähkasten und einen zwei Zentimeter hohen Tortenboden, dessen Unterseite schwarz verbrannt war. Den Tortenboden schnitt  Mutter in sechs Teile. Sie selbst,- ging leer aus.
Um 17 Uhr gingen wir schlafen.
 

Januar 1946

Bin mit Uwe und Ernst in den Wald gegangen. Vielleicht erwischen wir ein Kaninchen oder einen Hasen im Moor.
Es ist bitter kalt, um die zwanzig Grad minus… Unsere ausgehungerten Körper haben keine Energien mehr. Es fehlt ihm permanent an Kohlehydrate. Der Körper kann keine Wärme mehr erzeugen. Wir hatten Vaters alte Jacken angezogen, die seit langer Zeit im Schuppen an der Wand hingen. Die Jacken waren viel zu groß aber sie boten einen gewissen Schutz, vor den beisenden Ostwinden. Lange Zeit standen wir in einer Fichtenschonung und nagten die trockene Rinde von den Zweigen. Wir hatten die Jacken weit über die Köpfe gezogen, so dass nur noch die Gesichter hervorlugten. Welch ein trauriger Anblick, meine Brüder so da stehen zu sehen. Kleine, frierende,  zerlumpte Gestalten, die ihren Hunger mit trockener Fichtenrinde zu stillen suchten. Ihr Anblick machte mich traurig und trieb mir die Tränen in die Augen.


Während ich diese Zeilen schreibe, verbreiten die Medien die Nachricht, dass die beliebte Schauspielerin Vieta Pohl mit 73 Jahren verstorben ist. In einem ihrer letzten Interviews sagt Vita Pohl auf die Frage des Journalisten, warum sie sich für die hungernden Kinder in aller Welt einsetzt: Ich habe nach dem Kriegsende als Kind furchbar unter Hunger und der eisiger Kälte gelitten. Damals habe ich gesagt, wenn ich je wieder satt zu essen habe und wenn meine vom Frost zerstörten Füße wieder geheilt sind, will ich mich um die hungernden Kinder in aller Welt kümmern. Auch sie ein Kind der Nachkriegszeit.

Gott, hab dich selig!  Vieta

 

 


 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Horst Werner Bracker).
Der Beitrag wurde von Horst Werner Bracker auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Horst Werner Bracker als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Du und ich - Gedichte über Freundschaft und Liebe von Marion Neuhauß



Das Buch ist ein Ehrenplatz für die intensiven Gefühle, die uns durch Freundschaft und Liebe erfüllen. Die Gedichte und Fotos lassen uns die Dankbarkeit darüber bis in die hinterste Ecke spüren. Und machen uns bewusst, welch Geschenk es ist, gute Freunde zu haben oder Familie, die einen liebt!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (5)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Horst Werner Bracker

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

. . . . auf dem Bürgermeister Amt von Horst Werner Bracker (Erinnerungen)
eine sehr kurze Geschichte...autobiographisch von Rüdiger Nazar (Wahre Geschichten)
Alte bleiben länger jung von Norbert Wittke (Gedanken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen