Sandra Strauss

Die Küche

Nun war es endlich doch geschehen.
 
Sie wusste, dass er da war, noch ehe sie die hell erleuchtete Küche ganz betreten hatte.
Er hatte sie kommen gehört - natürlich, sie hatte die Haustüre keineswegs leise hinter sich geschlossen. Warum auch? Hatte er nicht gesagt, er würde nicht vor sechs Uhr am Morgen heim kommen? So war es ja immer gewesen. Gott, wie sie diese stundenlangen Geschäftsbesprechungen hassen gelernt hatte!
Doch nun war er tatsächlich einmal früher nach Hause gekommen, zu ihr. Ausgerechnet in dieser Nacht.
Er lehnte am Kühlschrank, mit einem Glas Wasser in seiner Hand. Seine Schuhe musste er bereits an der Haustüre ausgezogen haben, denn er stand mit einfachen grauen Socken auf dem kalten Fließenboden. Er trug noch immer seinen besten Anzug und seine Lieblingskrawatte, die gelockert um seinen Hals hing (rosa und beige, sie hatte das Ding immer schon furchtbar gefunden).
Sicher hatte er befürchtet, sie könne sonst wach werden.
Sie hatte zunächst überlegt, ob sie schnell nach oben gehen sollte. Einfach so tun, als hätte sie das Licht in der Küche nicht bemerkt und schnell erst einmal aus diesem Abendkleid schlüpfen. Dann hätte sie ihm sagen können, dass sie sich spontan mit einer Freundin getroffen hatte und dabei war es eben spät geworden.
Doch stattdessen war sie zielstrebig auf die Küche zugesteuert. Sie hatte einfach nicht schnell und klar genug nachgedacht...
Nun stand sie also vor ihm, in einem brandneuen Ausgehkleid. Es war natürlich mehr als aufreizend und knapp geschnitten und sie hatte in der Eile nicht einmal die Zeit gefunden ihre Haare wieder ordentlich zusammenzustecken.
Was sollte sie sagen? Sollte sie lügen? Sollte sie ihm endlich die Wahrheit sagen? Die Wahrheit, die ihm doch eigentlich hier in dieser Küche letztendlich ins Gesicht springen musste.
Was dachte er? Was dachte er bei ihrem Anblick, hier in ihrer gemeinsamen Küche, in einem verführerischen Kleid, das er nie zu sehen bekommen hatte und um halb zwei Uhr morgens? Sie sollte schließlich längst im Bett liegen.
Was dachte er?
 
Er hatte sich eigentlich nur schnell einen Schluck Wasser aus der Küche genehmigen wollen. Die Schuhe hatte er leise ausgezogen, um sie nicht aufzuwecken. Doch anscheinend hätte er sich diesen Aufwand sparen können.
Wo kam sie her und warum lag sie nicht längst im Bett?
Das kam nun doch sehr überraschend für ihn.
Und er mochte keine Überraschungen.
Bisher hatte doch alles so wunderbar funktioniert. Er kam spät nach Hause, während sie bereits tief und fest schlafend im gemeinsamen Bett lag. Auf diese Weise hatte er immer genügend Zeit gehabt ausgiebig zu duschen, seine getragene Kleidung in der Wäschetrommel verschwinden zu lassen und somit alle möglichen Spuren zu beseitigen.
Er sah kurz an sich hinunter und stellte das Wasserglas ab. Bestand eine Möglichkeit, dass er sie begrüßen könnte ohne dass sie etwas bemerkte?
Wohl kaum. Er roch ja sogar selbst noch das auffällig süße Parfüm das an ihm zu kleben schien.
Das hatte er nun davon. Warum war er auch so früh nach Haus gefahren. Zu einer späteren Zeit wäre sie längst im Bett gewesen und alles wäre wie gewohnt verlaufen! Doch daran war jetzt nicht mehr zu denken.
Was dachte sie wohl? Ob sie es nun endgültig wusste? Sein Erscheinungsbild und sein Verhalten mussten ihn sicher verraten. Er stand da wie erstarrt, er konnte sich einfach nicht bewegen, wusste nicht was er als nächstes tun sollte, was er sagen sollte.
Und auch sie stand einfach nur da, in ihrem schwarzen Kleid und starrte ihn unverwandt an.
 War dieses Kleid neu? Er kannte es nicht. Sie sah hübsch darin aus.
»Möchtest du einen Kaffee?« brachte er schließlich zögerlich heraus.
»Ja, bitte«, antwortete sie ihm leise.
Es war ein Anfang.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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