Es gewinnt nicht der, der nichts wagt. Es gewinnt nicht der an Erfahrung, der nichts ausprobiert. Nicht alles ist eine Erfahrung wert oder ist es wert, ein Wagnis dafür einzugehen. Wüsste man das alles immer vorher!
In diversen Darbietungen sah ich immer wieder mal Freiwillige, die sich hypnotisieren ließen. Die scheinbar gewollte Willenlosigkeit auf einer Bühne? Darin sah und sehe ich keine zwingende Erfahrung für mich. Vor geraumer Zeit las ich einen Artikel über die angeblichen Vorteile der Selbsthypnose zur Überwindung von Süchten. Ich habe nie geraucht, also könnte ich es mir mittels Selbsthypnose höchsten angewöhnen. Was für ein Vorteil!
Über Jahre hinweg faszinierte mich das Thema Meditation und tut es noch heute. Die Lehren des Fernen Osten sind seit Jahrzehnten in Europa präsent. Eine sehr tiefe Entspannung, ein Eintauchen in eine völlig andere Art der Wahrnehmung, es reizte mich schon. Jahrelange Übung schreckte mich ab. Konnte man das überhaupt für sich selbst erlernen oder bedurfte es zwingend eines Lehrers? Das Wort Guru hat einen sehr unangenehmen Beigeschmack. Es gibt auch hier genügend Schindluder, der getrieben werden kann. Spreu gilt es vom Weizen zu trennen. Das war und ist mir zu viel Aufwand.
Mir fiel in einem Magazin, welches auch Themen der Psychologie abhandelt, ein Artikel über Selbsthypnose in die Hände, den ich begierig aufgriff, mit großem Interesse las, gerade weil in ihm eine Anleitung zum Selbstversuch enthalten war. Sind Physiker neugieriger als andere Menschen? Die Beurteilung überlasse ich eben jenen anderen Menschen und das Ergebnis ist mir übrigens egal. Es kam mir die Abhandlung eines sehr berühmten Berufskollegen in den Sinn. Richard P. Feynman musste sich damals unbedingt in einen Floating-Tank legen, um so das Gefühl vermeintlicher Schwerelosigkeit in völliger Abgeschiedenheit zu erfahren. So extrem wollte ich es nun doch nicht treiben. Mein Experiment bedurfte nur eines bequemen Stuhls in sanfter Sommersonne.
Die Anleitung zur Selbsthypnose klang recht einfach. Man merke sich mit hoher Aufmerksamkeit sieben Dinge in der Umgebung. Dann zähle man diese Dinge in Gedanken wieder auf und lasse bei jeder Runde eines der Dinge weg. Nachdem das letzte Ding aufgezählt ist, gibt man sich einem positiven Gedanken hin, schließt die Augen und zack, das Ziel ist erreicht. Alles einfach und ein Erwachen jeder Zeit aus eigenem Willen möglich. Dieser Versuchung widerstand ich nicht, also einmal ausprobieren. Konnte ja nichts passieren. Vielleicht ein Kippen vom Stuhl? Blödsinn!
Ich setze mich bequem auf den Stuhl und schloss in der Sonne meine Augen. Ihr Licht drang durch die Lider hindurch. Für ein paar Minuten verharrte ich so. Eine Einstimmung? Es galt die sieben Dinge auszusuchen, was schnell vollbracht war. Ich dachte kurz darüber nach, warum eigentlich sieben Dinge und nicht acht oder fünf? In dem Artikel wurde das nicht näher erklärt. Ich schob den Gedanken zur Seite, weil er vom eigentlichen Experiment abzulenken drohte. Die Prozedur des Rückwärtszählens begann und mit dem letzten Ding gab ich mich dem Gedanken „Ich tauche ein“ hin, schloss die Augen.
Die Welt fühlte sich anders an. Im Nachgang ist das schwer zu beschreiben. Die Welt war noch da, spürbar zwar (Sonne auf meiner Haut, das Zwitschern von Vögeln im Hintergrund), aber irgendwie weit weg. Sie spielte in diesem und den nachfolgenden Augenblicken keine große Rolle, sie war nicht dominant. Mag sein, das Bild eines semitransparenten Vorhanges ist zutreffend, der die Empfindung der Sinne zu dämpfen vermag. Da war keine Angst, sich von der Welt weit zu entfernen. Eine Rückkehr war garantiert und in jedem Augenblick möglich. Ich genoss die Stille der devoten Welt, die Abwesenheit ihrer Dominanz. Ein Rufen erklang aus irgendeiner Ferne. Ich wusste, es war eine Art „Weckruf“. Ich wusste ebenso, dass es meine Entscheidung war, in eben jener dominanten Welt wieder aufzutauchen und ich fiel in Devotion in sie zurück.
Das Fallen vom Stuhl blieb mir, Gott sei Dank, bei diesem Experiment erspart und das damit zwangsläufig verbundene Gelächter auch.
© BPa / 09-2014
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2014.
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