Christiane Mielck-Retzdorff

Silberhochzeit


 
Corinna saß vor dem alten Schminktisch ihrer Großmutter, der mit seinem weißen Schleiflack weder schön war, noch in das moderne Schlafzimmer passte und schaute in den Spiegel. Sie hatte sich nie von diesem Möbel trennen können, weil es die Erinnerung an eine Frau bewahrte, deren einfache Weisheiten sie durch ihre Jugend begleitet hatten. Nun war sie 48 Jahre alt, hatte zwei Kinder und würde vielleicht selbst bald Großmutter werden. Zwar deutete bisher nichts darauf hin, da ihre Tochter und ihre Sohn studierten, keine feste Partnerschaft pflegten und eine Karriere in der Wirtschaft planten, doch man konnte ja nie wissen.
 
Sie war nie eine Schönheit gewesen, aber das Alter hatte bisher wenig Spuren in ihrem Gesicht oder an ihrem Körper hinterlassen. Einige Lachfalten säumten die blauen Augen, das mittlerweile gefärbte blonde Haar fiel noch voll auf ihre Schultern und mit Gewichtsproblemen hatte sie nie kämpfen müssen. Die Arbeit als Arzthelferin, in Haushalt und Garten machten Sport überflüssig. Morgen würde sie in großem Rahmen ihre Silberne Hochzeit mit Lothar feiern.
 
Das Ehepaar beging den Abend vor dem Ereignis getrennt, jeder mit seinen Freunden, so wie sie es vor einen Vierteljahrhundert auch getan hatten. Wie schnell die Zeit doch verflogen war. Corinna blickte auf ein erfülltes, wenn auch wenig spektakuläres Leben zurück. Alles hatte sich wie selbstverständlich aneinander gefügt. Gleich würde sie sich mit drei Freundinnen beim Italiener treffen und sich anhören, wie aufregend sich deren Alltag gestaltete. Sabine und Andrea waren geschieden und ständig auf der Suche nach dem einzig richtigen Partner. Sibylle war schon das dritte Mal verheiratet, doch zweifelte auch an dieser Beziehung und schaute sich bereits nach Nummer vier um.
 
Corinnas Gedanken streiften in die Vergangenheit. Wie hatte sie sich als junge Frau eigentlich ihr Leben vorgestellt? Einerseits wurde von ihr erwartet, dass sie heiratete und Kinder kriegte, so wie es in ihrer Familie üblich war. Doch hatte sie damals nicht auch andere Träume oder war sie tatsächlich so langweilig, wie ihre Freundinnen sie oft nannten? War sie wirklich seit 25 Jahren mit Lothar glücklich? Natürlich war sie einst verliebt in den gutaussehenden, zielstrebigen jungen Mann gewesen. Vielleicht beneideten ihren Freundinnen, die drei Brautjungfern, sie damals sogar, als sie schon mit 23 Jahren in den heiligen Stand der Ehe trat.
 
Hatte sie sich nicht früher gewünscht, die Welt zu bereisen, andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Nun machten sie jedes Jahr Urlaub in St. Peter Ording an der Nordsee, immer in demselben Appartement. Anfangs war diese Entscheidung den Kindern geschuldet, später der liebgewordenen Gewohnheit. Familienfeste und gelegentliche Besuche der Konzerte des örtlichen Gesangsvereins, dem Lothar schon viel Jahre angehörte, waren die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben. Natürlich gab es auch Grillabende mit Nachbarn und andere Einladungen. Auf den Abiturfeiern der Kinder hatte das Ehepaar ausgelassen getanzt.
 
Corinna graute beinahe vor dem Treffen mit ihren Freundinnen und sie fragte sich, warum sie sich dieses immer wieder antat. Meistens wurde über Männer gesprochen, neue Eroberungen, Partnerschaftsbörsen im Internet und über das andere Geschlecht gelästert. Sie selbst war zum Zuhören verdammt, oft bedacht mit mitleidigen Blicken der Frauen, die sich damit rühmten, sich nicht zufrieden zu geben, sondern die gesamte Fülle des Lebens zu genießen. Deren Verflossene und Kinder fanden selten Erwähnung. Neue Beziehungen, Sex und Trennungen waren ja viel spannender.
 
Weitere Themen bei den gemeinsamen Essen mit reichlich Alkohol waren Schönheitsoperationen, aufreizende Kleidung und die Beschreibung des perfekten Partners. Dazu konnte und wollte Corinna wenig sagen. Sie war zufrieden mit ihrem Leben, stolz auf ihre Kinder und fühlte sich bei Lothar geborgen. Doch sie begann nach den Treffen mit ihren Freundinnen immer häufiger an sich selbst zu zweifeln. War sie noch begehrenswert? Stellte sie an sich und andere zu geringe Ansprüche? Machte sie sich aus Trägheit selbst etwas vor? Tötete der gleichförmige Alltag ihre Träume?
 
Plötzlich meinte Corinna das Gesicht ihrer lange verstorbenen Großmutter im Spiegel zu sehen, ihre wachen Augen und ihr gütiges, verständnisvolles Lächeln. Die Erinnerung an den Satz, den die alte Dame einst vor der Hochzeit zu ihrer Enkelin sprach, gesellte sich dazu: Freu dich an dem, was du hast, denn du weißt nie, was du bekommst. Seltsam, dass Corinna gerade heute an die Worte dachte, doch sie erheiterten ihre Laune. Wie einfach die Weisheiten ihrer Großmutter doch gewesen waren. Sie hatten eine so überzeugende Selbstverständlichkeit ohne den Anspruch auf herausragende Erkenntnisse. Fröhlicher Stimmung machte sie sich auf den Weg zu ihren Freundinnen und es wurde, entgegen aller Befürchtungen, ein sehr vergnügter Abend.
 
Nachdem am folgenden Tag die Gesellschaft üppig zu Abend gespeist hatte, begab sie sich in einen Festsaal, in dem schon bald Musik zum Tanz auffordern sollte. Doch zuerst stellte sich Lothar vor die Gäste und bat um Ruhe. Da er kein Mann der großen Reden war, hatten alle Verständnis dafür, dass er sich auf eine kurze Begrüßung beschränkte. Dann reichte ihm jemand eine Gitarre. Leise und zaghaft erklangen die ersten Töne. Doch dann erfüllte der kräftige Bariton von Lothar den Saal. Mit weicher, gefühlvoller Stimme sang er, sich selbst auf der Gitarre begleitend, das bekannte Lied von Elvis Presley „Love me tender“. Dabei richtete er liebevoll den Blick auf seine Frau Corinna, die niemals damit gerechnet hätte, dass ihr Mann seiner Zuneigung auf so eine romantische Weise Ausdruck verleihen konnte. Bald füllten sich ihre Augen mit Tränen der Rührung. Als der letzte Ton verklungen war, klatschten die Gäste begeistert in die Hände, während  Corinna sich in die Arme ihres Mannes stürzte. Die Gitarre glitt scheppernd auf den Boden. Beide schmiegten leidenschaftlich ihre Körper aneinander und spürten heftig die Liebe, die oft nur im Verborgenen geschlummert hatte.
 
Als sie sich mit strahlenden Gesichtern voneinander lösten und die Gäste ihre Gespräche wieder aufnahmen, bat Lothar erneut um Ruhe. Den meisten Anwesenden war bekannt, dass die Jubilare am nächsten Wochenende zu einer zweiten Hochzeitsreise, vermutlich wie immer nach St. Peter Ording, aufbrechen wollten. Nun überreichte Lothar seiner Corinna einen verzierten Umschlag. Darauf waren weiße Strände, Palmen und das Meer zu sehen. Mit zitternden Händen, bewegt und sichtlich überrascht, öffnete die Frau diesen. Staunend und ungläubig erfuhr sie nun, dass ihr Mann eine zweiwöchige Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Luxuskabine gebucht hatte. Mit Freudentränen in Augen küsste und herzte sie ihren Mann. Dann schwenkte sie das bunte Papier in der Luft und rief die frohe Kunde hinaus. Sofort ertönte lauter Applaus. Als Corinna ihren Blick über die Gäste schweifen ließ, schaute sie auch auf die Gesichter ihrer Freundinnen. Deren Mienen schwanken zwischen ehrlicher Freude und unverhohlenem Neid. Wenn Corinna jemals Zweifel an ihrer Ehe oder ihrem Leben hatte, war dieser verflogen und dem Gefühl gewichen, die glücklichste Frau der Welt zu sein. Hatte ihre Großmutter nicht auch einmal gesagt: Das wahrhaft Wertvolle liegt oft vergraben und wartet geduldig auf seine Entdeckung. 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
Die junge Frau muss gegen Ablehnung und Misstrauen kämpfen. Doch auch der Lehrer sieht sich plötzlich einer bösartigen Anschuldigung ausgesetzt. Trotzdem kommt es zwischen beiden zu einer zarten Annäherung. Dann treibt ein Schicksalsschlag den Mann zurück auf das elterliche Gut, wo ihn nicht nur neue Aufgaben erwarten sondern auch Familientraditionen, die ihn in Ketten legen.

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