Nun stehe ich hier, auf dem Hügel vor der Stadt. Wie lange dauert die
Belagerung nun schon an? Eine gute Frage, ich habe aufgehört, die Tage zu
zählen. Morgen werden wir den Angriff wagen. Dann ist es endlich vorbei.
Warum noch länger dem sicheren Ende harren, wenn dieses die Erlösung
bedeutet?
Die Sonne wirft ihr rotes Abendlicht auf die Mauern und Zinnen der Stadt.
Ich habe fast vergessen, welchen Namen sie trägt. Aber das spielt auch
keine Rolle. Sie ist eine von vielen. Auch hier werden Familien ihres
geliebten Verwandten beraubt, Mütter ihrer Söhne, Frauen ihrer Männer.
Auch hier werden Menschen ihr Heim verlieren, es in Rauch und Asche
vergehen sehen, alles, was sie je besaßen. Es wird so geschehen, wie es
bereits in anderen Städten geschehen ist, in christlichen wie in
mohammedanischen, wie es bereits geschah in Speyer, Worms, Mainz und
vielen anderen Städten und Dörfern im Heiligen Römischen Reich, wie es
stets geschieht, wenn sich all das Böse im Menschen sich einen Weg nach außen
bahnt.
Auch ich, Konrad von Reinhausen, war dabei. Ich sah das Blutbad mit
eigenen Augen. Noch immer schrecke ich des Nachts aus dem Schlafe hoch,
die Schreie der Menschen in den Ohren. Sofort gehen mir zwei Namen
durch den Kopf. Es sind jedes Mal dieselben Namen. „Hannah“, murmele
ich bestürzt, „Worms!“, rufe ich aus, die Fäuste geballt. So geht es jede
Nacht. Die Sünde, welche ich auf mich geladen habe, sie wird mich immer
verfolgen. Nur Gott, der oberste Richter, kann mich von ihr erlösen. Doch
im Leben ist mir nichts geblieben. Ich habe keinen Stolz mehr, keine Ehre
oder ritterliche Tugend. Wenn ich einst glaubte, sie besessen zu haben, dann
will ich dies heute bezweifeln.
Was in Worms vorgefallen ist, mag sich mancher nun fragen. Nun, ich
werde es erzählen, auch wenn die Erinnerung an die Geschehnisse für mich
unendliche Qual bedeutet. Dies mag ein Vorgeschmack auf die Schlünde
der Hölle sein, die mir gewiss sind.
Doch nun hört die Geschichte, die ich, Konrad von Reinhausen, zweiter
Sohn des Grafen, zu berichten weiß.
Wir schreiben das Jahr 1096. Der Aufruf des Papstes zur Befreiung des
heiligen Landes hat das gesamte Abendland in Aufruhr versetzt. Vielerorts
begannen Prediger mit feuriger Rede das Volk aufzustacheln. Und sie hatten
Erfolg. Auch ich, als ein fahrender Ritter ohne Land und Besitz, ließ mich
von der Begeisterung anstecken, versprach es doch ewigen Ruhm und große
Ehr. So zog ich aus, mich einem der Heerzüge anzuschließen. Im
Rheinlande war es dann soweit. Einer dieser Züge zog gerade, von Speyer
kommend, gen Worms. Er wurde geführt von zwei Edelleuten, dem Grafen
Emich I. von Leiningen und dem Vicomte von Melun. Es war ein bunter
Haufen, größtenteils Bauern und einfaches Volk. Vereinzelt hatten sich
einige Ritter und Mönche dem Zuge angeschlossen. Selbst Frauen und
Kinder waren unter den Kreuzfahrern. Von überall waren sie gekommen,
den Kampf gegen die Ungläubigen aufzunehmen. Sie kamen aus Flandern,
Lothringen, dem Rheinlande, Frankreich und sogar England. Beherzt zogen
wir Worms entgegen. Auch ich war Feuer und Flamme für die göttliche
Mission. Doch ahnte ich nicht, was ich finden würde und welche Ereignisse
mein Schicksal besiegeln sollten.
Am nächsten Morgen wurde eine Vorhut gebildet. Graf Emich rief nach
einer Schar tüchtiger Reiter, die mutig genug waren, in kleiner Zahl die
Reiseroute auszuspähen. Sofort meldete ich mich, da mir die Gelegenheit
gekommen schien, meinen Mut zu beweisen. Mit sieben anderen brach ich
denn auf, um unseren Weg zu sichern. Worms war unser Ziel und wir
erreichten die stolze Stadt am Abend des sechzehnten Mai. Die Hauptmacht
unseres Zuges würde in ein oder zwei Tagen nachfolgen.
So zogen wir Sieben in die Stadt ein. Als wir durch die verwinkelten
Straßen zogen, auf der Suche nach einem geeigneten Quartier, kamen wir
bald an einer Gruppe Juden vorbei.
Hermann, unser Anführer, spie aus.
„Die Stadt ist ja voll von dem Dreckspack“, war seine Stimme zu
vernehmen.
Reynald, ein junger Ritter von vielleicht zweiundzwanzig Sommern, hob
nur die Schultern und gab grinsend zur Antwort: „Was schert’s denn dich?
In spätestens zwei Tagen werden diese elenden Heiden ihren Unglauben
bereuen. Schau dir die stolze Kathedrale an“, tatsächlich kamen wir gerade
an dem Gotteshaus vorbei, „muss es dem Herrgott nicht wie eine
Verhöhnung scheinen, wenn wir vor diesem Bau zu seinen Ehren die
Anwesenheit von Verrätern dulden und sie ungestraft ihrem Tagwerk
nachgehen lassen?“
Ich schaute auf. Ging es etwa nicht nur um Obdach und die Versorgung
unseres Zuges? Sollte der Kreuzzug gleich hier beginnen? Nun ja, es
stimmte, die Juden hatten Christus verraten und ans Kreuz geschlagen. Sie
würden vor die Wahl gestellt werden, ihrem falschen Glauben
abzuschwören und dem rechten Wege zu folgen. Wenn sie der Gnade des
Herrn Ablehnung entgegenbrachten, dann würde die gerechte Strafe sie
erwarten.
Ja, ich dachte mir nichts weiter dabei, ahnte nicht, was wirklich passieren
sollte. Aber meine Gedanken eilen mir voraus.
An diesem Abend bezogen wir Quartier in einer Herberge nahe des
Nordtores. Wir hatten uns aufgeteilt, da nirgends genügend freie
Lagerstätten zu finden waren. So war ich mit Hermann und Reynald
zusammen, während die Anderen in einem Gasthof nahe der Kathedrale
eingekehrt waren. Wir scherzten und lachten. In fröhlicher Runde saßen wir
bei Bier, Brot und Käse und schmiedeten Pläne.
„Entschuldigt mich, ich muss mal austreten“, sagte Hermann irgendwann
und wankte nach draußen. Reynald und ich schauten ihm lachend hinterher.
Hermann hatte schon ein paar Humpen geleert, genau wie wir alle. Der
Rausch stieg uns bereits zu Kopfe.
Dann brachte der Wirt den Braten. Fröhlich erhob ich mich. Ich sagte
Reynald, dass ich einmal nach Hermann schauen wollte, der nun schon
länger fort war.
So trat ich in die klare Nachtluft hinaus und blickte mich um. Doch konnte
ich erst nichts entdecken. Ich ging ein paar Schritte um das Gebäude herum
und hörte eine unbeherrschte Stimme einen halbunterdrückten Fluch
ausstoßen. Sofort erkannte ich den Bass von Hermann.
Lachend trat ich in die Schatten hinter dem Gebäude. „Hermann! Wo...“
Doch mir blieben die Worte im Halse stecken. Mein Lachen erstarb
augenblicklich, sah ich doch die große Gestalt Hermanns über einen
zappelnden Körper gebeugt.
„Nun mach nicht solche Mätzchen, jüdische Hure! Du willst es doch auch!“,
vernahm ich die gereizte Stimme Hermanns.
Als ich nun gewahrte, was dort lief, sprang ich beherzt zu meinem
Mitstreiter und zerrte ihn von dem Mädchen weg. Hermann fuhr herum und
blitzte mich zornig an. „Wie kannst du es wagen!“, polterte er.
„Hermann, bei Gott! Was ist denn in dich gefahren? Wie kannst du dich an einem
unschuldigen und wehrlosen Mädchen vergreifen? Ist der Teufel in dich
gefahren?“, fuhr ich Hermann an. Dieser grunzte nur und entgegnete: „Sie ist eine
verdammte Jüdin. Dieses Gesindel zählt nichts vor den Augen des Herrn.
Und überhaupt, was kümmert es dich? Brauchst ja nicht zuschauen, wenn
es deinem zarten Gemüt nicht bekommt. Aber dann bist du auf diesem
Kreuzzug fehl am Platze. Was glaubst du eigentlich, was in zwei Tagen
passieren wird? Denk an unseren heiligen Auftrag.“ Ich konnte kaum
glauben, was ich da hörte. „Jetzt lass ab von dem Mädchen, Jüdin oder nicht
Jüdin. Sie ist wehr- und hilflos. Wir haben einen Eid geleistet, die
Schwachen zu schützen. Hast du das etwa vergessen?“
Hermann schaute mich seltsam an. Dann brach er in schallendes Gelächter
aus.
„Du bist schon ein komischer Vogel, Konrad. Als wenn ein christlicher Eid
vor Gott bei einer Jüdin von Belang wäre. Aber gut. Die Lust ist mir
sowieso vergangen.“ Er spie noch mal aus und wankte grummelnd in die
Herberge zurück. Bestürzt schaute ich zu dem bebenden Mädchen hinüber,
dass vollkommen verängstigt in der dunklen Ecke kauerte. Ihr Kleid war
zerrissen, doch hatte ich schlimmeres verhindern können. Ich ging auf sie
zu, nahm meinen Umhang ab und legte ihn dem Mädchen um die Schultern.
„Beruhige dich. Du bist jetzt sicher. Dir wird keiner ein Leid zufügen.“ Ich
versuchte zu lächeln, aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Sie
schaute mich verängstigt an. Ihre dunklen Augen hatten eine unheimliche
Tiefe. Man verlor sich darin, wenn man ihnen länger standhalten wollte. Das
zarte Gesicht war tränennass. Ihre nussbraunen Haare fielen wirr auf die
Schultern herab. Als sie mich so ansah, da begann auf einmal mein Herz
höher zu schlagen. Ich kannte dieses Gefühl nicht und fühlte mich plötzlich
sehr unwohl in ihrer Gegenwart. Was wenn sie mich in ihren Bann
geschlagen hatte? Ich beschloss, zu handeln. „Wie heißt du?“, fragte ich.
Das Mädchen, sie mochte sechzehn Winter gesehen haben, blickte wieder
auf, dann antwortete sie leise und stockend, kaum hörbar: „Ha.. Hannah.“
Ich nickte. „Also, Hannah. Ich werde dich jetzt nach Hause bringen. Dann
bist du in Sicherheit.“ Das Mädchen wusste wohl nicht so recht, was sie tun
sollte. Ihr Blick suchte mögliche Wege zur Flucht. Beruhigend legte ich ihr
eine Hand auf die Schulter. Sofort fuhr sie zusammen und drückte sich noch
tiefer in die Schatten. „Hannah, du kannst mir vertrauen. Bei meinem
ritterlichen Eid, ich werde dich sicher nach Hause geleiten.“ Ich blickte ihr
fest in die zauberhaften Augen. Nach einer Weile nickte sie zögernd. Ich
half ihr auf und begleitete sie zum Judenviertel der Stadt. Hier trennten wir
uns. Hannah lief einfach los. Ich blieb innerlich aufgewühlt zurück und
blickte ihr noch nach, bis sie verschwunden war. Dann wandte auch ich
mich zum Gehen.
„Na, was ist aus der jüdischen Schlampe geworden?“, wollte Hermann bei
meiner Rückkehr wissen.
Ich schaute auf. „Ich habe sie heimgebracht.“ Erst jetzt bemerkte ich die
Ungeheuerlichkeit meiner Worte. Reynald und Hermann tauschten
ungläubige Blicke. „Du hast was?“, fragte Reynald. „Bei Gott, hat sie dich
etwa verhext? Ich habe gehört, diese Satansbuhlen können das“, warf
Hermann ein. Mir war nicht nach einer Auseinandersetzung zumute. So
winkte ich ab, wünschte eine gute Nacht und ging auf mein Zimmer.
Diese Nacht schlief ich sehr schlecht. Immer wieder wurde ich von
Nachtmahren geschüttelt.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf und verließ die Herberge noch
bevor meine Gefährten erwacht waren. Den Tag über durchstreifte ich die
Stadt, schaute mir alles an. Außerdem ging ich zur Kathedrale, Gott in
einem Gebet um ein Zeichen bittend. Zweifel nagten an mir. Hatte ich doch
falsch gehandelt? Sie war immerhin eine Ungläubige.
Kurz überlegte ich, mich einem Priester in der Beichte zu offenbaren, doch
getraute ich mich nicht. Am Nachmittag kam ich dann am Judenviertel
vorbei. Unvermittelt blieb ich stehen und blickte mich um. Wo sie wohl
stecken mochte? Wieder quälten mich die Gedanken an das Mädchen von
gestern Abend. Was sollte das alles nur? War sie tatsächlich eine Hexe und
hatte einen Zauber gewirkt, um mich in ihren Bann zu schlagen? Eilig ging
ich weiter, diesen finsteren Gedanken den Rücken zukehrend. Als ich schon
fast am Viertel vorbei war, sah ich sie. Ich wollte meinen Augen kaum
trauen, doch es war unverkennbar Hannahs liebliche Gestalt. In mir schien
etwas vor Freude zu jauchzen. Als Hannah mich sah winkte sie mir zögernd
zu. Auch ich hob schon die Hand, um sie sogleich wieder zurückzuziehen.
Was war denn bloß in mich gefahren? Eilig wandte ich mich um und lief
schwer atmend zur Herberge zurück, keinen Blick mehr zurückwerfend.
Als ich den Schankraum betrat, sah ich Hermann, Reynald und die übrigen
Gefährten unserer Vorhut in eine Diskussion vertieft. Die Gespräche
verstummten jäh, als sie meiner gewahr wurden.
Kurz war Argwohn in ihren Gesichtern zu lesen. Besonders Hermann schien
mir den Vorfall vom Vorabend übel zu nehmen.
„Sieh an, unser Judenfreund ist zurück. Wo hast du dich herumgetrieben?
Etwa bei den Ungläubigen?“, sprach Hermann mit spitzer Zunge.
„Natürlich nicht!“, war alles, was ich herausbrachte.
Reynald nickte. „Ist auch besser so. Du bewegst dich nämlich auf sehr
dünnem Eis. Glaube ja nicht, dass wir dich schonen würden, wenn du mit
diesem Gelichter gemeinsame Sache machtest.“
Die anderen blickten mich nur seltsam an. Ich ging zum Schankwirt und
bestellte mir ein Bier.
„Übrigens“, hob Hermann zu sprechen an, „der Haupttross wird morgen
gegen Mittag hier eintreffen.“ Ich nickte nur und trank mein Bier. Es war
besser, wenn alles bald vorbei sein würde.
Am nächsten Tag trafen wir vor der Stadt mit den dort lagernden
Kreuzfahrern zusammen.
Graf Emich stand vor den versammelten Männern und Frauen und begann
laut zu sprechen:
„Und haben sie nicht unseren Herrn ans Kreuz geschlagen? Sollten wir da
tatenlos zuschauen, wie sie unbehelligt und ungestraft in Gottes Angesicht
wandeln? Wird Gott nicht Tränen vergießen, wenn er sieht, dass wir, seine
Kinder, Verräter gegen ihn dulden? Ich sage euch, damit ist jetzt Schluss!
Wir werden unsere Lande von den Ungläubigen befreien. Erst wenn dies
geschehen ist, dann wird sich unser Streben gen Jerusalem wenden! Erst
dann wird uns der Sieg im Heiligen Land sicher sein!“
Seine feurige Rede wurde immer wieder durch laute Rufe der Zustimmung
unterbrochen.
Als Emich geendet hatte, zog das Heer der Stadt zu. Auch ich war unter
ihnen. Doch schweiften meinen Gedanken ständig ab. Wo mochte Hannah
jetzt stecken? Was konnte ich nur tun?
Weit sollten wir nicht kommen. Der Bischof von Worms ließ uns durch
seine Soldaten den Weg versperren. Unter seinem Schutz stünden die Juden
dieser Stadt und wir hätten abzuziehen. Doch Emich wollte sich damit nicht
abfinden. Wir zogen uns zwar zurück, doch verblieben wir vor der Stadt.
Mein Herz machte Freudensprünge, als ich die Worte des Bischofs
vernahm. Dann hatte ich doch recht gehandelt. Und Hannah war in
Sicherheit. Ich verbrachte den Abend damit auf einer Anhöhe, weitab vom
Lager, zu sitzen und an sie zu denken. Wie gern wäre ich in die Stadt
gegangen, doch war mir der Weg verwehrt. Ich war kaum noch in der Lage,
einen klaren Gedanken zu fassen. Wieder überkam mich die Furcht vor
einem möglichen Bann. Ich hatte ein solches Feuer noch nie zuvor gespürt.
Der nächste Tag verging in langweiligem Warten.
Nichts geschah. Die Menschen um mich wurden unruhig und ungeduldig.
Warum zogen wir nicht weiter? Niemand schien die Antwort auf diese
Frage zu kennen, von dem Grafen einmal abgesehen. Doch er teilte sie
niemandem mit. Am Abend geschah es dann, dass ein Reiter aus Worms in
unser Lager geritten kam. Er trug die Farben der Stadt. Nach einer kurzen
Begrüßung verschwand er mit Emich und den anderen Führern im Zelt des
Grafen.
Nach einer halben Stunde verließ er das Lager wieder. Wir zerbrachen uns
alle den Kopf über das, was dort geschehen war.
Am nächsten Morgen wurde ich von lautem Rufen geweckt. „Die Tore! Die
Tore sind geöffnet worden! Auf! Wir ziehen in die Stadt und verrichten
unser heiliges Werk! Gott sandte uns ein Zeichen, in dem er die Tore
öffnete!“ Alles war in hellem Aufruhr. Tatsächlich hatten die Soldaten und
die Bürger von Worms den Entschluss des Bischofs nicht gutgeheißen und
sich entschlossen, den Kreuzfahrern die Tore zu öffnen, damit man die
Ungläubigen aus der Stadt jagen würde. So zogen wir denn in die Stadt ein.
Doch fanden wir das Judenviertel leer vor. Ich atmete erleichtert auf. Meine
Sorgen sollten jedoch baldigst wiederkehren.
„Die Juden haben sich in der Kathedrale verschanzt. Aber das wird ihnen
auch nichts mehr nützen. Welcher Teufel auch immer den guten Bischof
geritten haben mag, seinem fehlgeleiteten Handeln werden wir uns niemals
beugen!“, sprach Emich nach einer kurzen Unterredung mit einem Bürger
der Stadt. Alle riefen sie lautstark Beifall. Nur mir schnürte sich die Kehle
zu. Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Ich drehte mich um und blickte
in das Gesicht Hermanns. „Ich gebe dir noch einen guten Rat, Konrad“,
sprach er, „wenn du am Leben bleiben willst, kommst du lieber nicht auf
dumme Gedanken. Glaube mir, du wirst es sonst bereuen.“ Und um seine
Worte zu unterstreichen nickte er Reynald zu, der wissend lächelnd das
Nicken zurückgab. So war das also. Mein ganzer Leib schien sich zu
verkrampfen. Ich bekam kaum noch Luft. Als ich nun dem Heerzug zur
Kathedrale folgte, stets flankiert von Reynald und Hermann, betete ich,
dass Hannah nicht dort sein möge.
„Brecht die Tür auf!“, wurde befohlen und bald wurde mit Äxten auf das
Holz eingeschlagen, bis es ächzend nachgab. Hermann wandte sich mir zu.
„Ich schlage vor, du wartest hier an der Tür und kümmerst dich um jene, die
zu fliehen versuchen. Das ist wohl besser für dein zartes Gemüt.“ Hermann
lachte auf und Reynald fiel mit ein. Schon stürmte alles an mir vorbei in die
Kirche. Entsetzte Schreie wurden im Inneren laut. Dann hörte man die
Schreie von Männern, Frauen und Kindern und das Geschrei der wütenden
Meute. Nicht wenige Bürger der Stadt hatten sich den Mordbrennern
angeschlossen und Gevatter Tod hielt grausame Ernte auf dem heiligen
Boden der Kathedrale zu Worms an diesem zwanzigsten Mai im Jahre des
Herrn 1096. Ich verzog das Gesicht. Das konnte doch nicht Gottes Wille
sein! Ich musste etwas unternehmen. Doch was konnte ich schon tun? Ich
war allein und würde nur eines sinnlosen Todes sterben. Niemandem wäre
damit geholfen. Weder mir, noch Hannah, so ging es mir durch den Kopf.
Hannah! Was war mit ihr? Ich konnte doch nicht einfach zusehen! Mein
Schwert in der Hand tat ich einen Schritt auf das Portal zu, als plötzlich eine
zierliche Gestalt in mich hineinlief. Ich prallte zurück. Mein Gegenüber war
zu Boden gestürzt und rappelte sich gerade mühsam auf. Dann trafen sich
unsere Blicke. Ich konnte es nicht fassen. Hannah! Auch sie schien sehr
verwirrt, mich hier zu sehen.
„Hannah!“, keuchte ich. Sie wich einen Schritt zurück. Echte Bestürzung lag
in ihrem Blick. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Mir wollte das Herz
zerspringen. Ich tat einen Schritt auf sie zu und streckte die Hand aus.
„Hannah, es ist nicht wie es aussieht.“ Ich kam mir töricht vor. Hannah war
stehen geblieben, Eine Träne rann ihre Wange herab. Plötzlich sah ich eine
Bewegung hinter dem Mädchen, ein Aufblitzen. „Nein!“ rief ich noch aus,
doch es war zu spät. Ein Schwerthieb traf das Mädchen und sie ging vor mir
zu Boden, die Augen noch immer auf mich gerichtet. Die Trauer in ihren
Augen wich einer Leere, als sie von mir ging, bevor ich sie richtig kennen
durfte.
„Ich wusste doch, dass auf dich Verlass ist, Konrad.“ Grinsend und mit
blutverschmierter Klinge trat Hermann aus der Kathedrale. Ich sah auf.
Hermann blickte auf das erschlagene Mädchen zu seinen Füssen herab. „Da
schau her“, begann er, „ ist das nicht die kleine Hure von damals? Ich sagte
doch, sie würde bekommen, was sie verdient.“ In mir breitete sich eine
grausame Kälte aus. Mit einem Aufschrei stürzte ich mich auf Hermann und
trieb ihm den Stahl meines Schwertes in den Leib. Mit all meiner Wut und
all meinem Hass, der, wie ich heute gewiss bin, überwiegend mir selbst
galt, stach ich auf ihn ein. Ein verdutztes Aufstöhnen, dann brach der Ritter
zusammen. Hinter mir hörte ich Stimmen, die Schreie waren verstummt.
Der Geruch von Blut und Tod lag in der Luft. „Was geht da vor sich?“,
vernahm ich den Ausruf eines Bauern, der in der Nähe stand. Ich beachtete
ihn nicht, beugte mich zu dem Leichnam Hannahs hinab, hob sie vom
Boden auf und lief zu meinem Pferd, die Rufe und Schreie hinter mir
lassend. Dann verließ ich Worms.
Ich ritt nach Süden, wie lange, ich weiß es nicht mehr. Die Tränen der
Verzweiflung liefen in Strömen meine Wange herab. Irgendwann am Abend
bettete ich Hannah an einem Bach auf ein Moosbett. Diese Nacht hielt
ich an ihrem Lager Totenwache und am nächsten Morgen bestattete ich ihren
Körper.
Nun kennt ihr die Geschichte meines Sündenfalls. Lange habe ich sie in
meinem Inneren bewahrt, doch nun, am Vorabend des siebzehnten Mai
1097, hier am Fuße der Stadt Nicäa, kurz vor meinem sicheren Ende, sollten
meine Worte das Grauen von damals noch einmal zum Leben erwecken.
Ich hatte es zugelassen, dass so viele unschuldige und wehrlose Menschen
sterben mussten.
Man hat mir die Liebste vor meinen Augen genommen, ohne dass ich auch
nur einen Streich zu ihrer Rettung geführt hatte. Durch mein Fehlen habe ich
Hannah noch im Tode alles genommen. Das haben mir ihre Augen verraten.
Auf dieser Welt hält mich nichts mehr. Daher bitte ich dich, gnädiger Gott,
erhöre mein Flehen. Vergib mir armem Sünder, mag meine Schuld auch
schwer wiegen und erlöse mich aus der Hölle dieser trostlosen Welt. Amen.
Vorheriger TitelNächster TitelDiese Erzählung wurde 2005 in der Anthologie "Wind der
Liebe", herausgegeben von Hellmut Schmidt, Richmond
Verlag, veröffentlicht.Jörg Fischer, Anmerkung zur Geschichte
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jörg Fischer).
Der Beitrag wurde von Jörg Fischer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2014.
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