Bernhard Pappe

Heinrich Heine, Ernst Jandl und das Tschingderassabum


Denke ich an Jandl in der Nacht, hätte dann Heine gelacht? Hätten beide gelacht über ein Tschingderassabum?
Manch einer wird sich jetzt fragen, was nach so einem Anfang noch kommen kann. Was verbindet Ernst Jandl mit Heinrich Heine? Nun, beide waren Wortakrobaten par excellence und sie hatten Sinn für Humor, was für die Geschichte von Bedeutung ist. Bleibt noch, den Bezug zum Tschingderassabum zu verdeutlichen. Hier bitte ich um etwas Geduld. Keine Angst. Die Geschichte hat ihre innere Logik, auch wenn sie Züge von Absurdität trägt, das gebe ich hier gern zu und auch zu Protokoll.
Wer so durch das Leben schlendert, der wird der Kakophonie nicht entkommen. Manchmal fühlt man sich von ihr gar umzingelt. Viele Stimmen, die einen akustischen, sinnentleerten Brei ausbilden. In der Geschichte geht es mir nicht um den sogenannten „Partyeffekt“, der das gezielte Heraushören einer Stimme aus einem akustischen Rauschen, eben einer Menschenansammlung, beschreibt. Er stellt eine Höchstleistung des Gehirns dar und ich ziehe vor ihm meinen Hut.
Mit der Kakophonie ist jener Meinungsbrei gemeint, der entsteht, wenn jeder zu jedem Thema etwas zu sagen hat und dies auch tut. Ein Durcheinander der Stimmen. Das eigentliche Thema wird erlegt und seine Reste werden unter dem Meinungsbrei trefflich begraben. Der ist zäh und biegsam und taugt noch nicht einmal für das Tragen eines Grabsteines, in dem man das ursprüngliche Thema eingraviert hinterlassen könnte. Übertreibe ich? Mag sein. Wie hoch ist die Neigung von Menschen zur Selbstdarstellung? Wer schaut bei der Antwort in den Spiegel?
Im Berufsleben gibt es diverse Möglichkeiten, bei denen viele Menschen zusammensitzen. Früher nannte man das Besprechung und heute eben Meeting, was keinen Unterschied in der Qualität der Veranstaltung macht. Die Neigung zur oralen Inkontinenz (ich gebrauche die Redewendung hier mal) ist hoch und Kakophonie eine zwangläufige Folge, da ja jeder zu Wort kommen und gehört werden will, meist parallel stattfindend.
Diese Art Termine habe ich regelmäßig und es stand mal wieder einer mit vorhersehbarer Kakophonieausprägung an. Was tun? Einfach die eigene Klappe halten und für sich abtauchen? Was, wenn das Abtauchen zu tief wird und das Auftauchen zu lange währt? So verfiel ich im Vorfeld des Termins auf eine andere Idee. Warum nicht der äußeren Beschallung durch die Mitmenschen ein inneres Instrumentarium entgegensetzen. Quasi „a inner wall of sound“.
Es gibt da das schöne Wörtchen Tschingderassabum. Spricht man es aus, ist es auditiv durchaus gewaltig. Tschingderassabum, Tschingderassabum. Also innerlich vor sich hersagen. Das ist wenig kreativ. Man kann die Leerzeit eines solchen Termins auch als auditive Lehrzeit nutzen.
So lassen sich die Silben tauschen in ein Bumderassatsching oder über Weglassen in ein Bumderassa wandeln. Was für Möglichkeiten, was für „Melodien“ sind innerlich abrufbar!

Bumderassa
Bumderassa
Tsching

Wer’s komplizierter liebt:

Bumtschingderassa
Bumderassa
Bum Bum
Derassa
Tsching

Jeder persönliche Geschmack ist da, denke ich, abbildbar. Von Jazz bis Marsch (Sollte es sich als notwendig erweisen, jemand innerlich einen zu blasen.) ist alles drin. Nicht zu vergessen, die mögliche Tempovariation in der inneren Darbietung. Damit ist locker ebenso ein Blues machbar. Das Bum Bum formt herrlich Basslinien.
Sollten all die Variationsmöglichkeiten nicht ausreichend erscheinen, dann wäre für die Liebhaber volkstümlicher oder karnevalistischer Richtungen die Nutzung des Humba Täterä anzuraten. Gern in Kombination mit einem Tschingderassabum. Möchte jemand hingegen mal Elefant im Porzellanladen der Worte spielen wollen, dann sei hier ein Törööö als weitere Möglichkeit der inneren Orchestrierung aufgezeigt. Hinsichtlich der Farben der genutzten Elefanten bestehen keine Einschränkungen.
So sage der hochgeschätzte Leser, dies sein alles Spinnerei. Mitnichten! Ich habe es an jenem Tage erfolgreich getestet und hernach vielfach mit Erfolg praktiziert. Zwei Aspekte müssen hierbei bedacht werden. Das Ganze hat ein gewisses Suchtpotential, weil, einmal probiert, der ungeheure Spaß an der Sache hochkommt. Da ist dann noch das Gefahrenpotential, wenn man versehentlich vom inneren Modus in den äußeren Modus schalten würde. Wie viele Fragezeichen mögen wohl auf den Gesichtern der anderen Beteiligten dabei entstehen?
Gibt man ein solches Geheimnis preis (Ich sollte mir die Veröffentlichung der Geschichte reiflich überlegen.), dann gibt es gewiss genügend Nachahmer. Warum eigentlich nicht! Man stelle sich vor, in so einer Besprechung sagt keiner mehr ein Wort und alle sind mit ihrem inneren Orchester beschäftigt. Die übliche akustische Umweltverschmutzung käme nicht zum Tragen. Ich stelle mir gerade vor, alle würden in diesem Moment auf den äußeren Modus umschalten. Ist das dann wieder Kakophonie?
Ich lasse die Antwort offen und stelle an das Ende der Geschichte, wie kann es anders sein, ein kräftiges Tschingderassabum und als Zugabe ein paar gereimte Worte.

Tschingderassabum
Nicht dumm
Sagte der Heine
Von ganz alleine
Ernst Jandl
Trug am Bandl
Das Wort
Fort

© BPa / 10-2014

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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