Birgit Enser

Wenn Abraham Gott getrotzt hätte ...

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, so vielen Jahren, dass kein Mensch sie mehr zählen mag, ein Mann namens Abraham, der lebte mit seiner Frau Sara und seinem Sohn Isaak in recht ärmlichen Verhältnissen am Rande eines Gebirges.
Eines Tages hatte er einen Traum. Er träumte, Gott spräche zu ihm und als gottesfürchtiger Mann hörte er ihm auch aufmerksam zu, doch die Worte, die er vernahm, ließen ihm das Blut in den Adern gefrieren. Denn Gott sprach: ´Ich bin der Herr, dein Gott, und ich verlange von dir, dass du mir deinen Sohn opferst. Morgen früh, wenn der Tag anbricht.´

Abraham konnte natürlich nicht mehr schlafen. Er stand auf, trat an das Bett seines Sohnes, der friedlich und ohne Sorgen schlief und stellte sich vor, wie er ihn morgen töten würde. Ihm wurde ganz schlecht bei diesem Gedanken. Isaak war sein einziger Sohn, er war ihm und seiner Frau von Gott geschenkt worden, als sie schon glaubten, nie mehr Kinder bekommen zu können.

Warum wollte Gott ihnen den Jungen denn nun wieder wegnehmen?

Abraham dachte daran, wie er noch gestern mit Isaak auf dem Feld gewesen war. Der Junge hatte ihm viele Fragen über Gott gestellt, und Abraham hatte ihm versichert, dass er ein gerechter, ein guter Gott war, auf den man zählen konnte.
Isaak hatte ihm fröhlich singend bei der Feldarbeit geholfen, er war ein unbeschwertes, glückliches Kind mit einem großen Vertrauen in die Liebe seiner Eltern und auch in die Liebe Gottes zu ihm.
Später war Abrahams Frau Sara hinzugekommen. Sie tat dies manchmal, wenn Isaak mit ihm auf dem Feld war, und wie immer, wenn sie ihren Sohn sah, ging ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie hatte viel durchmachen müssen, bis sie endlich ihren Sohn in den Armen halten konnte, hatte auch gewusst, dass ihr Mann sie betrog, doch seit der Geburt des Sohnes hatte sie eine andere Ausstrahlung bekommen. Sie war selbstsicherer geworden, hatte wieder einen stolzen, aufrechten Gang bekommen, ja, sie war noch schöner geworden in Abrahams Augen. Es war jedoch eine Schönheit, die von Innen heraus strahlte.

Abraham schrak aus seinen Gedanken hoch, und er merkte, wie ihm Tränen über seine schon recht runzligen Wangen liefen. Sicher, er wusste, Gott meinte es gut. Er hatte noch nie etwas ganz und gar Unmögliches verlangt, etwas dass so über seine Kräfte ging wie dieses.

Sobald die Sonne begann, die Erde zu erobern, machte sich Abraham auf zu der Stelle, die Gott ihm genannt hatte. Doch er ging allein, Sara und Isaak schliefen noch.
Mit müden, schmerzenden Beinen bestieg er den nahegelegenen Berg, und als er oben angekommen war, hockte er sich auf die Erde und wartete. Er ließ seine Blicke schweifen und unten im Tal konnte er sein Haus sehen, und er fühlte sich gut, als er daran dachte, wie seine Frau und sein Sohn dort langsam aus ihrem Schlaf erwachten, wie Isaak in das Bett seiner Mutter kroch, sie wachkitzelte und wie die beiden dann gemeinsam das Essen vorbereiteten. Bei diesem Gedanken lächelte Abraham mit Tränen in den Augen.

´Was bringt dich so zum Lächeln, Abraham?´ hörte er die Stimme Gottes. ´Ach Herr´, Abraham lächelte immer noch. ´Ich muss an Sara und Isaak denken, wie fröhlich sie immer sind, wie unbeschwert.´

´Ja, ich weiß das.´ sagte Gott ´Doch wie ich sehe, bist du allein gekommen. Hast du denn nicht verstanden, was ich dir aufgetragen habe?´

´Doch Herr, ich habe das sehr gut verstanden, und glaube mir, ich habe den Rest der Nacht am Bett meines schlafenden Sohnes verbracht. Ich habe gegrübelt, ich hab dich sogar verflucht, Herr.´

Von Gott kam ein dumpfes Brummen, von dem Abraham nicht wusste, wie er es einschätzen sollte. Doch mutig redete er weiter: ´Herr, ich werde es nicht tun. Es ist nicht Recht. Er ist ein Kind, er schaut zu mir auf, so wie ich zu dir aufschaue. Ich werde ihm und Sara dies nicht antun. Dies ist mein letztes Wort, und nun kannst du mich bestrafen, wenn du magst.´

´So, du widersetzt dich mir, Abraham? Das hast du noch nie getan!´

Konnte es sein, dass Gott ein leichtes Lachen in der Stimme hatte? Abraham schöpfte Hoffnung. Er legte die Hände an die Knie und senkte seine Kopf und lauschte.

´Geh nach Hause, Abraham. Ich werde dich und deine Familie segnen. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Ich sehe, dass ich mir um euch keine Sorgen mehr machen muss. Ihr seid erwachsen geworden. Nun geh, Abraham, Sara macht sich schon Sorgen.´

Diesmal war sich Abraham sicher, dass Gott leise lachte. Und auch er strahlte über das ganze Gesicht, als er rief: ´Ich danke dir, Herr. Dir zu Ehren werde ich achtsam mit meinen Mitmenschen umgehen, und ich werde sie lehren, es mir gleich zu tun.´

´Dessen bin ich mir sicher, Abraham, und nun lauf los ... wenn du das noch schaffst, mit deinen alten Knochen.´

Lächelnd sah Gott zu, wie Abraham den Berg hinunterlief. Er schüttelte den Kopf. Diese Menschen, sie blieben ewig wie die Kinder und doch hatte er ein gutes Gefühl, und er war stolz auf Abraham.

Die Menschen waren auf dem richtigen Weg. Er konnte sich ein wenig ausruhen.


Birgit Enser
18.05.2003

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