Irene Beddies

Die Frau im Tempel


 
Ingela kam, gebückt über ihren Rollator, an die bekannte Wegkreuzung im Wald.
Der Wald war eher ein größerer Park nahe dem Altenheim, in dem sie seit drei Jahren untergebracht war. Die Wege waren gut befestigt, so dass es kein Problem für sie war, dort spazieren zu gehen.
Als sie an der Kreuzung angekommen war, überlegte sie, welchen Weg sie ein Stückchen weiter noch gehen sollte, bis es Zeit war, umzukehren.
Sie hob den Blick, um nach dem Stand der Sonne zu schauen und erstarrte.
Mitten auf der Kreuzung stand ein runder Tempel. Er war erheblich größer als ein Gartenpavillon. Seine Säulen waren aus weißem Marmor. Sein Dach war der blaue Himmel, seine Wände das umgebende Laub der tiefhängenden Äste von Buchen.
Mitten im Tempel saß eine alte Frau auf einem Säulensockel. Sie war in ein dunkles Tuch gehüllt. Ihre Haare waren schneeweiß. Sie lächelte Ingela aus großen blauen Augen an und bedeutete ihr, sie solle näher kommen.
Ingela schob sich mit dem Gehwagen in das Rund der Säulen und blieb der Frau gegenüber stehen, dann drehte sie entschlossen den Rollator um und setzte sich auf dessen Sitz.
Beide Frauen musterten einander einen Augenblick, dann lächelte die Unbekannte.
„Du siehst bedrückt aus“, begann die Weißhaarige zu sprechen. „Erzähl mir von deinem Leben.“
„Wo soll ich anfangen?“
„Beim heutigen Tag und dann rückwärts.“
Ingela kam das alles merkwürdig vor, aber wie unter einem Zwang fing sie an zu sprechen.
„Ich habe Angst“, begann sie „Angst vor der Dunkelheit. Am Tag ist sie verschwunden, aber wenn der Abend kommt, legt sie sich wie eine schwere Decke auf mich.“
Die andere nickte verständnisvoll mit dem Kopf, sagte aber nichts.
„Das war nicht immer so. Erst seitdem ich krank war und an den Rollator gebunden, das heißt, seitdem ich im Altersheim untergekommen bin, ist das so. Vorher…“.
Und Ingela erzählte vom Tod ihres Mannes, vom Weggang der Kinder, von ihrem Berufsleben, dem Studium, der Schulzeit, der frühen Kindheit. Die Worte sprudelten immer zusammenhängender aus ihrem Mund, immer klarer stiegen die Bilder in ihr auf, je weiter sie in die Vergangenheit blickte. Ihre strengen Gesichtszüge lösten sich, immer öfter lachte sie auf oder kicherte.
Als sie nicht mehr weiter wusste, bat die Andere sie, sich an den ersten Eindruck in ihrem Leben, den sie behalten hätte, zu erinnern. Lange dachte Ingela nach, dann schnüffelte sie in die Luft und es platzte förmlich aus ihr heraus: „Apfelrosenduft  an einem See, wo ich mit meinen Eltern, der Oma und meiner Schwester spazieren ging.“ Sie lächelte glücklich in ihren Schoß.
Es war ihr als berührte eine zarte Hand flüchtig ihr Haar in einem liebenden Streicheln.
Als sie aufsah, war niemand dort. Der Tempel war verschwunden, und sie saß mitten auf der Wegkreuzung im Sonnenschein. Langsam ging sie den Weg zurück zu ihrem Heim.
Am Abend, als es schon dunkel war, strömte Apfelrosenduft durch ihr Zimmer. Sie atmete ihn tief ein. Der Duft begleitete sie während ihrer Verrichtungen, sie roch ihn noch im Bett und schlief ohne Angst ein.

Fortan verließ der Rosenduft ihren Raum nicht mehr, obwohl ihn andere Menschen nicht wahrnehmen konnten. Immer tiefer verkroch sich Ingela in ihm und fühlte sich glücklich.
Anderes nahm sie nach einiger Zeit nicht mehr wahr. Sie war da angekommen, von wo sie ins bewusste Leben gestartet war.
 
© I. Beddies




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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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