Christa Astl

Am Zebrastreifen


 
 
Donnerstag, später Nachmittag. Frau Lehmann muss noch einkaufen, denn morgen kommt ihr Sohn zum Mittagessen. Sie freut sich schon die ganze Woche darauf.
Es hat aufgehört zu regnen, sodass sie wenigstens keinen Schirm braucht und den Stock nehmen kann. So geht sie mit ihren zweiundachtzig Jahren doch etwas sicherer. Gottlob ist es ja nicht sehr weit bis zum Supermarkt, aber sie muss zwei Straßen überqueren. Beide mit Ampel.
Im Supermarkt ist viel los, beim Fleischer muss sie lange anstehen, ebenso auch beim Bäcker. Und dann erst die lange Schlange vor den Kassen! "Hoffentlich wird mir nicht schlecht, wenn ich so lange stehen muss!" Frau Lehmann beobachtet, welche Warteschlange sich am schnellsten vorwärts bewegt, und stellt sich mit ihrem Wagen dort an. Vor ihr ist ein junger Mann, der einige Kisten Bier in seinem Einkaufswagen hat und ein paar Flaschen Schnaps, Chips und sonstiges aufs Band stellt. "Die werden wohl eine Party geben, nichts wie saufen, die heutige Jugend!", denkt sie. "Das macht mein Fredi wenigstens nicht". Ein gewisser Stolz über den braven Sohn erfüllt sie und die Vorfreude auf das gemeinsame Mittagessen wächst weiter.
Als sie den Laden verlässt, ist es schon dämmerig, die Straßenbeleuchtung blendet schmerzhaft ihre Augen. Die gekauften Sachen hat sie in eine große Plastiktüte gefüllt, einen Teil in ihre Umhänge-Einkaufstasche, damit sich das Gewicht besser verteilt. "Sind die aber schwer! Ob ich mir nicht zu viel zugemutet habe?" Sie versucht so schnell wie möglich zu gehen. Die Griffe der Tasche schneiden in die Hand.
Die erste Kreuzung hat sie gut überwunden, hundert Meter weiter, dann kommt die Hauptstraße, wo die Grün-Phase immer so kurz ist.
Viele Leute waren auf das Umschalten der Ampel, dann setzt sich die Menge in Bewegung und eilt hinüber. Frau Lehmann kann dem Tempo nicht folgen, lässt sich an den Rand des Zebrastreifens drängen. Auf halbem Weg springt die Ampel auf Rot. Kurzes Zögern, soll sie wieder zurück? "Nein, doch lieber schnell weiter, die werden mich schon sehen!" Noch ein Viertel des Weges, hinter ihr setzen sich die Autos schon Bewegung, auch neben ihr heulen die Motoren ungeduldig auf. "Es geht halt nicht schneller, habt doch Geduld."
Zu allem Unglück reißt plötzlich der Griff der schweren Plastiktasche. Der Inhalt ergießt sich auf die Fahrbahn. Brot, Fleisch, Reis, Mehl und drei Coladosen liegen verstreut herum. Ungeachtet dessen, dass die ersten Autos schon in Bewegung sind, will sie alles aufheben. "Ich kann doch die guten Sachen nicht einfach liegen lassen! Sie haben ja alle Geld gekostet. Wer hilft mir denn?"  Sie fuchtelt mit ihrem Stock, um sich Aufmerksamkeit der Autofahrer zu verschaffen und bückt sich schwerfällig. "Helfen Sie mir doch bitte!", ruft sie einem Mann zu, der am Straßenrand steht:  - "Nein, es ist doch jetzt Rot", entgegnet er stur und bleibt stehen. Einige andere Passanten schauen amüsiert zu.
Fleisch und Reis hat sie bereits in der Hand. Da braust ein Autolenker vorbei, gezielt auf die Mehlpackung zu - weißer Staub wirbelt auf und breitet sich auf der Straße aus. Mit Absicht hat er das getan! Eine Cola-Dose ist weit weg gerollt, die wird sie auch nicht mehr erwischen - und ein Auto fährt knapp daran vorbei. Eine Fahrspur hat Frau Lehmann blockiert, die Fahrer der entgegenkommenden Autos grinsen belustigt zu der am Boden herum kriechenden Alten herüber. Ein Auto vor ihr hupt, der Fahrer schreit zornig ein Schimpfwort herüber. Sie bückt sich wieder, das Brot! - - Da geschieht ein Wunder. Zwei Autos weiter hinten in der wartenden Reihe geht eine Tür auf, ein älterer, grauhaariger bärtiger Mann kommt auf sie zu, hilft die restlichen am Boden liegenden Lebensmittel aufzulesen und führt die Frau auf den sicheren Gehsteig.
"Warten Sie hier, ich bringe Sie heim", sagt er und eilt zu seinem Auto zurück. Ihre Sachen hat er noch in der Hand und legt sie auf den Rücksitz. Er fährt in die Haltebucht vor der Ampel, hilft Frau Lehmann beim Einsteigen und bringt sie bis vor die Haustüre. "Soll ich Ihnen die Dinge hinauftragen?", bietet er sich an. "Nein danke, ich wohne ja im Erdgeschoß", winkt sie ab. Er kramt eine Stofftasche hervor und steckt die Lebensmittel aus der zerrissenen Tüte hinein. "Sonst verlieren Sie nochmals etwas", meint er.
Bevor Frau Lehmann weiß, wie sie sich bedanken soll, ist er schon eingestiegen und fort. Ihren Dank richtet sie an den Himmel, der ihr vielleicht diesen Engel geschickt hat, und schließt die Bitte daran, dass er diesen Fahrer besonders beschützen möge.
 
 
ChA 26.10.14

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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