Jonas Galm

Der Vollmilch-Schoko-Osterhase -- Eine Weihnachtsgeschichte

Es war einmal ein Mann, der lehnte sein Fahrrad an die gegenüberliegende Hauswand und schloss es nicht ab, bevor er den Supermarkt betrat. Die Tür öffnete sich einladend und ganz von selbst, die Regale luden ihn lachend auf einen Kaufrausch ohne Wiederkehr ein, und leise, ganz dezent, hieß ihn eine Easy-Listening-Version von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ willkommen. Der Mann hasste Weihnachtslieder. Er hasste Weihnachtslieder und die Menschen, die sie geschrieben hatten, konnte nicht einmal lachen über die glücklichen Familien, die sie Jahr für Jahr reproduzierten, in einem sich ständig wiederholenden Prozess ihr Betonlächeln perfektionierten und ihre Manieren auf Hochglanz polierten.
Und nicht nur die, sie waren ihm manchmal alle zuwider, seien es nun Dicke oder Doofe, Philosophiestudenten oder Schulabbrecher, Agnostiker oder der Papst, Anhänger dubioser Sekten (Kirche, Bayern München) oder wohltätiger Vereine (CDU), Frisöre, Lobbyisten, Kleinkünstler oder Alkoholiker, Rentner oder Kindergartenkinder.

Und dann, in einigen wenigen Momenten der Besänftigung, hatte er Mitleid mit ihnen, er hatte Mitleid mit den Gelehrten und denen, die lehrten, was man ihnen einst selbst eingetrichtert hatte, Mitleid mit den milliardenschweren Unternehmern, mit gläubigen Christen und wiedergeborenen Buddhisten, Pazifisten, von Plagiatvorwürfen geplagten Politikern, mit Psychopathen und Proktologen, ob sie nun promoviert oder sich preiswert prostituiert hatten, sie taten ihm leid.

Und der Mann wusste, er erkannte diese Menschen, wenn er sie sah.

Er sah die Traurigkeit in den blauen Augen der rosafarbenen Frau, die vor ihm an der Kasse stand und gerade im Begriff war, ihre Einkäufe zu bezahlen, er sah, wie ihr Mann sie verlassen hatte, nachdem er von ihrem heimlichen Liebhaber erfahren hatte, wie der sich ebenfalls aus dem Staub gemacht hatte und wie sie jetzt alleine dastand, quasi nackt. Nackt auf einer metaphorischen Ebene. Er sah der Kassiererin an, dass ein erheblicher Anteil ihres Gehaltes für Schnaps und Bier und Kippen draufging, Alkohol und Zigaretten für ihren Freund, der sie schlug, jeden Tag und selten, wenn er dazu imstande war, auch in der Nacht.
Der Mann überlegte noch, ob sie es vielleicht nicht anders verdient hatten, dann kam er an die Reihe, der Mann lächelte freundlich, die Kassiererin lächelte zurück, der Mann bezahlte, wünschte ein frohes Fest und verließ den Laden. Ein LKW-Fahrer, dessen Gebiss jegliche Systematik vermissen ließ, wollte wissen, wie er von hier nach Straße soundso, Nummer soundso gelangen würde, und der Mann lächelte freundlich und gab ihm Auskunft, obwohl er doch wusste, dass der LKW-Fahrer erst kürzlich Frau und Kinder in einem Unfall verloren hatte, und dass er nun regelmäßig wildfremde Menschen beim Beischlaf beobachtete, um die Zeit totzuschlagen.

Der Mann machte weitere Besorgungen, er kaufte Geschenkpapier und Grußkarten, glitzernde Girlanden, Lametta in Unmengen, Lebensmittel, die ein wahrhaft königliches Festmahl versprachen. Er biss sich an selbstgebackenen Plätzchen fast einen Schneidezahn aus, trank gepanschten Glühwein und rauchte mit einem Obdachlosen seine erste Zigarette. (Zitat: Hust hust würg hust, Oh, das schmeckt ja nach Nikotin! Zitat Ende)

„Für meine Familie“, sagte der Mann immer an der Kasse, oder „Für meine Freunde“, oder „Für meine Kinder, die kommen mich besuchen“, oder, als er in der Tierhandlung das Katzenfutter auf den Tisch legte: „Für Ludwig, meinen Hamster. Ich hatte davor schon 13. Die hießen alle so.“ Dann lächelte er die Kassiererinnen an, und die Kassiererinnen lächelten zurück.

In einem kleinen, schmutzigen Laden sah er im Schaufenster ein Schild, es wies auf ein Sonderangebot hin – 3 Nikoläuse zum Preis von einem. Es waren diese pausbackigen, breit grinsenden Schokonikoläuse, und etwas verdeckt stand hinter ihnen ein Osterhase in einer goldfarbenen Verpackung und mit einer roten Schleife um den Hals. Er betrat den Laden, trat vor die Theke, der Inhaber beglückwünschte den Mann zu seinem finanziellen Scharfsinn, berechnete ihm 3 Nikoläuse zum Preis von einem und gab das Wechselgeld heraus. Den Hasen bekam der Mann umsonst dazu, vielleicht war er bereits abgelaufen (der Hase). „Für meine Neffen, die haben Geburtstag“, sagte der Mann noch. „Zwillinge sind's, und sie werden sechs Jahre alt, und ihr Bruder, der kriegt auch einen, er ist, ich weiß nicht, dreizehn oder vierzehn oder sowas.“ Dann lächelte er freundlich, wünschte ein frohes Fest und verließ den Laden.

Er stieg auf sein Fahrrad, das er an die gegenüberliegende Hauswand gelehnt hatte. Der Wein machte sich bemerkbar und es begann zu schneien.

Sein nächstes Ziel war ein Waisenhaus, ein Obdachlosenheim, irgendein Ort, an dem es Bedürftige gab, die an Heiligabend etwas Menschlichkeit verdient hatten. Er fand keines. In seiner Stadt gab es Bars und Nachtclubs im Überfluss, Banken, Fast-Food-“Restaurants“ und „Bekleidungs“-Filialen, ein Einwohnermeldeamt, eine integrierte Gesamtschule und ein Gefängnis, etwas außerhalb der Stadt stand ein Gefängnis. Resozialisierung am Arsch, dachte der Mann.

Der Nachtwächter war ein dicker, unförmiger Herr, und als er ihm die Lebensmittel auf den Tisch legte und ihn bat, sie an die Zellenbewohner zu verteilen und die Nikoläuse an das Personal, wusste der Mann bereits, dass das niemals eintreten würde, er sah den dicken Nachtwächter zurückkommen zu seiner genauso dicken Frau und ihren noch dickeren Kindern, ganz stolz auf den dicken Fang, den er gemacht hatte. Dick und fett und dekadent sah er sie da sitzen. Sie widerten ihn an. Der Mann hasste den Nachtwächter und er hasste seine Familie. Zum Abschied lächelte er freundlich und wünschte ihm und seinen Lieben ein frohes Fest. Ein großer, grauer Müllcontainer schien ihm der geeignete Ort für die restlichen Einkäufe, und endlich war er sie los. Auf dem Nachhauseweg musste er schieben, ein Reifen war ihm geplatzt.

Zuhause angekommen lehnte er sein Fahrrad an die gegenüberliegende Hauswand und schloss es nicht ab. Die Wohnung war leer. Er setzte sich auf den einzigen Stuhl vor dem einzigen Tisch im Raum und schaute aus dem Fenster. Sein Fahrrad war fort, ein Halbstarker in zerschlissenen Jeans und Lederjacke trat barfuß in die Pedale und schlingerte durch das Schneetreiben davon. Der Mann lächelte freundlich, zog dem Vollmilch-Schoko-Osterhasen das Fell ab und aß seinen Kopf. Roh und ungekocht. Er schmeckte alt. Nach Alleinsein. Der Mann war glücklich. Es war der 23. Dezember.
 

Am nächsten Morgen ging der Mann zum Hauptbahnhof und stürzte sich vor den nächsten Zug.

Eine Frau mit blauen Augen verteilte die letzten Geschenke unter dem Weihnachtsbaum, voller Vorfreude auf einen schönen Tag mit ihrem Mann, einem LKW-Fahrer, und ihren gemeinsamen Kindern. Eine junge Kassiererin und Leiterin eines Selbstverteidigungskurses lernte endlich die Familie ihres Verlobten kennen, ein übergewichtiger Nachtwächter freute sich riesig auf die Hochzeit mit seinem Freund, die Insassen des Gefängnisses, in dem er arbeitete, schlugen sich genüsslich die Bäuche voll (einige feierten ihre vorzeitige Entlassung) und ein großzügiger Ladenbesitzer merkte, dass er sich verrechnet und einem freundlich lächelnden Kunden eine viel zu hohe Rechnung ausgestellt hatte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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