Thomas Kleinrensing

Selbstgespräch Nr. 01

~~Man sagt ja sehr viel im Leben, manchmal spricht man auch darüber, ein Leben lang. Trotzdem bleibt noch die Zeit zischen dem Vielreden leichter zu werden. Vielleicht kann man später beim Älterwerden, selbst mit schweren Beinen, leichtfüßiger sagen, dass man sich progressiver als so mancher Krankheitsverlauf fühlt. Auch ich werde älter, Tag für Tag. Aber immer ein Stückchen mehr Progress in der Leichtigkeit.

Die meisten Progressiven sind mir mittlerweile genauso undurchsichtig wie mir die Konservativen stetig suspekter werden. Das kann von dem Leichterwerden und den allzumenschlichen Verhaltensweisen kommen. Aber ganz obskur sind mir die Wichtignehmer. Kamen die Wichtigtuer mir früher schon sehr dubios vor, so sind mir die Wichtignehmer die lichtscheusten Dubiosen. Liegt anscheinend daran, dass mir alles suspekter erscheint und ich stetig leichter werde.

„Wenn Du dir jetzt noch Deinen Dreitagebart abnehmen würdest, bist Du direkt nochmal 15 Jahre jünger“, sagte unlängst ein Bekannter. So leicht könnte ich werden, dachte ich bei der Rasur. Und wenn noch die Haare und Hose kürzer werden, dann bin ich wieder schlagartig 15 Jahre und mitten in der Pubertät. Da wiegt das Leichtwerden dann allerdings wieder gefühlt doppelt schwer.
Doch könnte ich dann den Jungen in – Warten auf Godot - von Samuel Beckett spielen. Dreitagebart bestoppelt würde ich allemal noch den Estragon oder Wladimir geben können, gar keine Frage.  
Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!
Aber es lässt mich keiner den einen noch anderen spielen. Auch wenn ich auftrete, der Theaterstaub aus den Ritzen der Bühnenbretter wie ein große Wolke sich erhebt, kommt einer und legt mir verständnisvoll hüstelnd den Lebensabend schön verpackt schon mal auf meinen Schaukelstuhl.

Ich will die Schwere nicht, sie ist mir zu leicht. Mit der Weisheit möchte ich auch nichts zu tun haben. Von der ist ehedem nicht mehr viel übrig, da sie fast zu Gänze von Helmut Schmidt inhaliert worden ist. All die anderen Weisen sind mir so wie die Abgeklärten und Abgebrühten, die Gelassenen wie Geleckten, die Wichtigtuer und Wichtignehmer, die Betroffenheitsmimiker und Twitterschnatterer  allesamt suspekt.

Mit der geläuterten Seele eines Neunzigjährigen und dem trommelnden Herzen eines Kindes möchte ich noch die Straßen erobern, eine neue Dialektik vielleicht erfinden. Aber wetten, dass dann wieder einer daherkommt und mir rät den Bart abzunehmen um 15 Jahre jünger auszusehen. Warum nicht gleich wieder zurück bis zur ersten Zellteilung. So jung hab ich mich dann noch nie gesehen.

Ich bin mittlerweile zu leicht um die Schwere eines Lebensabends jetzt schon zu tragen, auch mit Bart und Bundfalte. Da muss ich noch passen. Auch wenn ich ein Nichts-Gedankenstrich-nutziger bin, werde ich immer leichter. So leicht, bis ich irgendwann in ferner Zukunft ein Über-Gedankenstrich-flüssiger bin. Ich weiß, dass es so sein wird.

Tom
15.11.2014
www.tom-kleinrensing.de

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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