Peter Spiegelbauer

Die Alexandria Chronik -Teil 1-

Martin
 
Als er seine Augen öffnete konnte Martin nichts erkennen, ausser dem Tageslicht, dass gefiltert durch die Salzkrusten auf seinen Augen schien. Mühsam wischte er den Salzfilm von seinem Gesicht, und sah sich um. Ein Großteil der Hafenanlage von Alexandria war noch genauso zerstört, wie zu dem Zeitpunkt seiner Abreise. Er zog sich aus dem Wasser und setzte sich auf einen Gesteinsbrocken, der zweifellos vor einiger Zeit Teil eines der umliegenden Hafengebäude gewesen war. Die Wolken verdeckten die Sonne. Dennoch herrschte eine erdrückende Schwüle. Martin holte ein paar mal tief Luft und sah sich um. Es dauerte gar nicht lange, da entdeckte er sie. Ratten. ‚Widerliche kleine Drecksviecher!‘ schoss es ihm durch den Kopf. Es war noch gar nicht lange her, da hatte er selbst eine Ratte als Haustier, aber das hier waren keine gewöhnlichen Ratten. Sie waren Spione. Unauffällige Späher für die Nosferatu dieser Stadt. Langsam zog er sein Kampfmesser und setzte sich in ihre Richtung in Bewegung.

„Das würde ich lieber nicht tun.“ erklang eine grollende Stimme mit brüchigem englischem Akzent hinter ihm.

Martin drehte sich um und sah einen alten Bettler, der auf ihn zukam. Er trug eine schwarze Hose, die bis zu den Schienbeinen salzverkrustet, und ein Hemd, das nicht nur einige Nummern zu groß sondern auch völlig ausgebleicht war. Einige wenige Haare, die sich standhaft dagegen wehrten auszufallen, standen ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Die engstehenden Augen ließen Martin keine Sekunde aus den Augen, als der Alte mit gekrümmtem, schlurfendem Gang näherkam.
Martin ließ das Messer sinken, steckte es jedoch nicht weg.

„Wo finde ich Sinan?“ fragte Martin während er den Alten eingehend musterte.

„Dort wo er immer ist. Du kennst den Weg, nehme ich an.“
Martin hängte das Messer wieder an seinen Gürtel.

„Also immer noch in dem Geschäft auf der -Wada Al Yaman-?“

„Es hat sich nichts verändert, seit du das letzte mal hier warst.“ Der Alte blieb in einem Meter Entfernung zu Martin stehen und lächelte ihn mit seinen gelben Zahnstümpfen an.

„Was kostet mich ein sicherer Aufenthalt?“ fragte Martin.

„Diesmal kostet es mehr. Du hast die Stadt ziemlich verwüstet und das gefällt den Schlangen nun mal nicht.“ Sagte der Alte.

Wortlos zog Martin einen wasserdichten Behälter aus seinem Hosenbein, öffnete ihn und warf dem Alten einen handtellergroßen Edelstein vor die Füße. Der Alte musterte den Stein kurz, murmelte ein „Bezahlt.“ In Martins Richtung und hob den Edelstein umständlich auf. Dann steckte er ihn ein und schlurfte wieder davon. Mit ihm verschwanden auch die Ratten, die das Geschehen die ganze Zeit beobachtet hatten.
Martin machte sich auf den Weg in die Stadt. Sein Verlangen nach einer kalten Dusche um das Salz loszuwerden war übermächtig geworden.

Melih
 
Die Nacht war noch jung, als sich Melih anschickte um seine regelmäßigen Recherchen zu tätigen und sich mit anderen seines Clans auf der ganzen Welt per "Schrecknet" auszutauschen.
Die knochigen Finger huschten in rasender Geschwindigkeit über die Tastatur des Laptops. Als er schließlich „Enter“ drückte um die Nachricht zu versenden, an der er geschrieben hatte, wurde der Bildschirm für einen kurzen Moment schwarz und spiegelte sein grotesk wirkendes Gesicht wieder. Das linke Auge war fast eitergelb, und eine Spur zu groß für die dazugehörende Augenhöle. Das rechte hingegen schrumpelte hinter einem halbgeschlossenem Augenlid vor sich hin. Seine Haut an sich war grau, faltig und mit unzähligen Muttermalen übersäht. Die Kopfdecke war zu Gänze Haarlos, trotzdem sprossen mehrere drahtige Haare auf seinen Unterarmen und Handrücken. Als er einen Moment grinste, konnte man seine weißen Zähne erkennen, welche alle die gleiche Größe und Form besaßen, ausser den Vorderzähnen, die spitz wie Nadeln waren.

Als der Bildschirm wieder das vertraute Oberfläche zeigte, klopfte es an der Türe. Melih klappte augenblicklich den Laptop zu und erhob sich von seiner Sitzgelegenheit, die fast ausschließlich aus unzähligen alten Akten und Zeitungen bestand. Fast tanzend ging er auf die Türe zu und öffnete sie galant wie ein Tänzer, der seine Partnerin aufs Parkett bitten will. Dabei bauschte sich sein braunes, von Teeflecken übersätes Nachthemd für einen Moment auf, und rutschte ihm fast von der linken Schulter.

Draussen stand der Bettler mit erhobener Faust. Anscheinend wollte er gerade nochmal das ausgemachte Klopfzeichen wiederholen. Durch die überraschende Öffnung der Türe blieb er für einen Augenblick verdutzt und wie versteinert stehen.

„Ich dachte schon, du hättest mich nicht gehört.“ Sagte der Alte entschuldigend in einem seltsamen persischem Dialekt.

„Aber aber, Kalil.“ Entgegnete Melih amüsiert in perfektem Persisch,“Wo soll ich denn sein? Du weißt, mein Archiv ist nicht gerade so groß, dass ich mich darin verstecken könnte.“
Melih ging wieder zurück in den kleinen Raum und verscheuchte zwei Ratten von der Matratze in der Ecke, nahm ein paar Polster, ordnete sie zu einer Sitzgelegenheit und bot sie Kalil schweigend an.
Kalil schloss die Türe und blieb unentschlossen im Raum stehen. Nach einigen Sekunden ließ Melih selbst sich mit einem Seufzen auf den Polstern nieder.

„Nun was gibt es denn so Interessantes, Kalil?“ fragte Melih neugierig.

„Martin ist wieder hier.“ Antwortete Kalil.
Mit einem Ruck stand Melih wieder aufrecht.

„Was will der denn hier? Ich dachte der Kampf am Hafen hätte ihn endgültig vertrieben, diesen sizilianischen Laufburschen. Hast du mit ihm gesprochen?.“ Melih schien aufgebracht und nervös zu sein.

„Ja, aber.... ich dachte... du wüsstest längst alles darüber. Streichen nicht deine Ratten durch die Stadt?“ fragte Kalil nun etwas ängstlich.

„Das schon, aber...“ Melih begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. „Moment! Wo hast du ihn getroffen?“

„Bei der Industrieanlage. Gleich bei -Al Max-.“ Antwortete Kalil fast schüchtern.
Melih blieb ruckartig stehen.

„Verdammt. Das waren nicht meine Ratten, die euch beobachtet haben.“ Mit unerwarteter Härte und Kraft griff Melih an Kalils Hemd und zog ihn zu sich auf wenige Zentimeter heran. „Welche Farbe hatte ihr Fell, du Nichtsnutz von einem Ghoul?“ bösartig funkelte er Kalil mit seinen ungleichen Augen an.

„Ich konnte sie bei dem Licht und aus der Entfernung schwer erkennen...“
Melih begann Kalil zornig zu schütteln.

„...a-a-a-aber ich g-g-g-glaube ihr Fell war..... Grau! Grau mit schwarzen Punkten!“ erwiderte Kalil hilflos lächelnd. Schlagartig hörte Melih auf ihn zu schütteln und ließ ihn los.

„Grau mit schwarzen Punkten also. Zumindest keine anderen Nosferatu...“ überlegte Melih laut. Nach einigen Sekunden wandte er sich wieder an Kalil.

„Hat er diesmal für den Aufenthalt bezahlt?“ fragte Melih lauernd.

„Ja. Er gab mir das hier.“ Sagte Kalil und kramte den Edelstein hervor.
Melih nahm den Stein und musterte ihn wortlos. Dann ging er zu dem eigenartigen Schreibtischkonstrukt, auf dem sein Laptop stand und fischte aus der Unordnung darauf eine Kopflupe und setzte sie umständlich auf.

„Tatsächlich. Ein lupenreiner Smaragd.“ Nachdenklich streifte Melih die Kopflupe ab und legte den Edelstein in eine kleine Metallkiste unter dem Tischkonstrukt.

„Was machen wir nun?“ fragte Kalil schüchtern.

„Du gehst jetzt zu Sedat und berichtest ihm. Sag ihm, dass Martin für seinen Aufenthalt bezahlt hat, und das er ihn besser im Auge behält. Wer weiß was dieser Itaker vorhat. Nichts Gutes könnte ich mir vorstellen, aber wer weiß. Anscheind ist die Sache am Hafen noch nicht ausgestanden. Anschließend gehst du in den ‚Tempel‘ und berichtest der Schlange.“ Melih stockte kurz,“Oder warte... das mach ich selbst. Kümmer dich nur um Sedat. Alles andere erledige ich.“

„Bist du sicher? Ich könnte auch noch mit Ulima sprechen. Du weißt wie sie ist...“ Kalil schien aufrichtig besorgt.

„Lass das meine Sorge sein. Du hast schon genug geleistet, liebster Kalil.“ Sagte Melih und küsste ihn liebevoll auf die Wangen.

„Dein Wunsch ist mir Befehl. Ich eile.“ Kalil verbeugte sich und verließ dann die Behausung.
Melih sank wieder auf seine Sitzgelegenheit vor dem Laptop und öffnete ihn. Augenblicklich fuhr dieser aus dem Standby wieder hoch und zeigte das vertraute Bild von geöffneten Systemfenstern.
 

Diese Geschichte basiert zum größten Teil auf den Rollenspielbüchern von White Wolf, genauer gesagt auf den Sourcebooks von Vampire the Masquerade. Da es dieses Spielsystem schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt, und es demnach kaum noch von irgendjemandem heutzutage gespielt wird, wollte ich dieser Kindheitserinnerung von mir Tribut zollen, in dem ich einige Geschichtsfragmente dazu verfasste.
Es tut mir leid, wenn sich der eine oder andere Leser erst ein wenig durch-googeln muss, um zu verstehen worum es in diesem Spielsystem überhaupt geht, beziehungsweise um den Hintergrund der Geschichte zu verstehen. Ich bedanke mich schon jetzt für euer Verständnis.
Da ich diese "Kurzgeschichte" erst vor Kurzem geschrieben habe, bin ich für jeden konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung des Textes dankbar. Liebe Grüße Peter Spiegelbauer
Peter Spiegelbauer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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