Jan Schilling

Gehen im Stillstand

Kadaver

Ich steige aus dem Eilzug von Berlin kommend und bemerke, dass es mir schlecht geht. Daheim. Wo, frage ich mich. Na da wo du lebst, verhöhnen mich meine Gedanken heiter. Scheiße, denke ich. Hier wohne ich nicht. Wenn ich hier wohnen sollte, dann ist dieses leben eine Qual, welche mich erdrückt. Erfährst du Geborgenheit, raunt mir zart säuselnd mein Herz zu. Mein Herz?
Ich wage den ersten zaghaften Schritt auf dem Bahnsteig und muss aufpassen, dass ich nicht kotze. Das Land unter mir brennt. Es hat sich in eine stinkende Jauchegrube verwandelt. Meine Gedanken beginnen zu zappeln wie der Fisch den mein Onkel am Haken tötete. Doch: die Erde stinkt und brennt und brennt und stinkt. Angewidert erhebe ich meinen Blick, um den Menschen ins gesucht zu sehen, ob sie es auch sehen, ob sie es begreifen. Teilnahmslos, von Hast erfüllt sehen sie durch mich hindurch. Ich versuche wegzukommen, meine Gedanken zu ordnen, Versuche...; es geht oft nicht darüber hinaus. Ich bemerke, wie mir langsam ein Lächeln auf die Lippen gleitet, aus Freude? Sicher nicht. Ironisch mutet es an.
Diffundiere ich? Ja ich löse mich auf, nicht sofort, nein, immer und mehr. Hinaus aus der Welt. Ich muss mich täuschen, aber Ich entgleite ganz einfach dem Leben. Keiner bemerkt etwas. Ab in den Zug ihr Menschlein. Weiter zum nächsten Ort. Stress. Mehr Stress. Nach Hause, oder zu eurer Arbeit, dem Meisterwerk der Zerstreuung.
Nach Hause denke auch ich.
Angsterfüllt wage ich den zweiten Schritt. Gehversuche, die mich das Ausmaß meines Scheiterns in allen Knochen spüren lassen. Das Land brennt. Zerstörerisch winken die Flammen unter meinen Füssen, mir zum Gruße, hin und her. Sie wollen mich. Die Welt will mich zerstören. Ich bin kein Sisyphos: fast bin ich versucht aufzugeben, hineinzuspringen in dieses faszinierende Etwas, wovon viele behaupten das wäre die Lebensflamme. Lebensflamme, allenfalls eine auf Sparflamme.
Ich bin auch nur ein Teil dieser stinkenden Masse. Aber etwas hält mich zurück, ein unbestimmtes Geräusch. Woher? Da! Eine Stimme, aus dem Lautsprecher. Kleine Lebensideologen rufen von den Kanzeln herab ihr Credo: “Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter, Du bist deine Welt, deine Umwelt: Deine Gedanken sind dein Himmelreich auf Erden.“ Ich verstehe nicht sofort. Ich verstehe überhaupt gar nichts mehr, diese Gewalt der Geistesfluidien ist unverschämt.
Ich hatte doch ein normales Leben.

Nun ist das Feuer weg, der Boden hört auf zu stinken, wie auch die Welt. Ich senke meinen Blick und kann endlich wieder das Muster des Pflasters erkennen. Fester Boden unter den Füssen. Doch es erfreut mich nicht. Gleichgültigkeit, obgrund der Normalität durchströmt mich. Noch einmal erfühle ich die Stimme, die mir die törrichten Todesengel zuschmetterten und lasse mich hinwegfegen von soviel Zeitgeist. Unstrukturiert blicke ich die Lautsprecher an, sie hängen da wie eh und je. Still und nutzlos. Nur um mich zu erinnern, dass der Zug gleich kommt, um mich, oder uns, herauszureißen und um uns zu allem Übel auch noch am Denken zu hindern. Der uns schnell an einen neuen Ort, in eine neue Welt befördert, die doch die gleiche verlogene bleibt. Wir flüchten vor unseren Gedanken, da wir lebensunfähig geworden sind. Wo sie doch die einzige Möglichkeit der Verbesserung sind. Im Geiste wächst das neue heran, wie das Kind im Leibe der Mutter. Unser Geist geht schwanger mit der Hoffnung, um sie dann hinauszuschleudern, um den neuen Ort der Gedankenwelt zur neuen Welt zu machen. Ein hoch auf die Zivilisation, die Mutter der menschlichen Entwicklung, der entmenschlichten.

Enttäuscht von diesem Ort der Resignation bewege ich mich fort. Ich zittere wie Gretchen im Winter. Ich versuche mich zu fassen, muss das vergessen. Ich schreite nun auf die Unterführung zu. Schritt für Schritt immer noch seltsam entrückt, steige ich die Treppe hinab. Stufe für Stufe steige ich hinab in die Unterwelt. Stimmengewirr um mich durchzieht den Raum. Wortfetzen: Essen, Arbeit, Haus, Geld und derer viele mehr. Ich errege mich über die Nutzlosigkeit dieser Nichtigkeiten, als alles in meinem Kosmos verstummt. Niemand mehr gegenwärtig, alleine. Verloren. Das Fahle Licht des Durchganges, welches alles mit seinem lächerlichen Orange in eine dummfreudige Welt getaucht hat ist endlich verblichen. Unten angekommen erfüllt ein grelles rot die Unterführung; Gewaltenstapel.
Die Frage, wo denn alle die Menschen abgeblieben sind - ich muss zugeben irgendwie zu meiner Befriedigung -wird jäh unterbrochen von einem gewaltigen Rauschen. Wie aus dem nichts schwallt plötzlich ein Blutstrom vom Aufgang oder Niedergang, ist das nicht einerlei, alles relativ, in meine Richtung. Zurückrennen, aber Kronos hat bereits gegen mich entschieden.
Bis zu den Knien in einer ekeligen schleimig zähen Masse. Das Leid wird fühlbar mit dem aufsteigenden Dampf. Mir wird übel. Taumelnd, von Angst zerfurcht versuche ich mich an der Wand zu stützen. Doch just in diesem Moment, als ich sie berühre bricht ein schrilles Gelächter aus. Alles wird in grünes Licht getaucht.
Blick zur Wand. Keine Steine und Fliesen mehr, aber dafür umso unglaublicher und reizvoller: Totenkopfe, mit und ohne Hautfetzen. Einer neben dem anderen, mit deutscher Genauigkeit aufgereiht und sie lachen, schreien. Es ist unerträglich, aber wohin? Vor mir tauchen Bilder auf, mitten im Raum. Selbstmörder, Tote Obdachlose, vor Hunger sterbende Kinder, Kriegsopfer. Luzifers Gefährten brüllen mir sanft zu: „ Siehst du das? Du Menschenwichtlein. Sieh hin und tu deine Schuldigkeit. Verwoben mit dem Universum. Fühle.“ Ein Schrei will versucht zu entweichen, aus meiner vom Blutdampf ausgetrockneten Kehle, aber es bleibt bei dem nutzlosen Versuch. Stimmen: „Du watest in ihrem Lebenssaft. Das ist der Lauf der Zeit. Dagegen gibt es kein Mittel. Dagegen hilft auch keine Macht.“ Ich schließe die Augen, ich will das nicht glauben und habe Angst vor mir selbst. Ich spüre etwas in mir, das Mittel zum Leben. Zaghaft und zärtlich raune ich es aus: LIEBE. Als Antwort darauf nur zynisches Gelächter. Trotzdem scheint ein Restbestand an Liebesfähigkeit in mir verblieben zu sein, der auch gegen diese Vision als Gegenmittel dient.
Als es vorbei ist formieren sich meine Mitbürger wieder. Sie waten durch das Blut. Abgestumpft. Normalität der Gewalt, schreie ich heraus. Verdutzte Gesichter. Doch der Fluss geht weiter. Ich stehe da. Fassungslos. Fassungslos über diese emotionalen Gefrierschränke. Ich wate weiter durch das Leid der Lebenden und erkenne glücklich das eben auch diese Halluzination vollbracht ist. Ich bin wieder ein Teil der Masse.

Weiter nach Hause. Ich entferne mich vom Bahnhof in Richtung Innenstadt. Die Sonne scheint. Doch selbst sie schafft es nicht mir ein Lächeln zu entlocken. Wie auch? Meine Gedanken sind grau und düster. Wie Blei umkreisen sie meine Synapsen.
Sirenen. Stechend sinnlos schnaubende Sirenen sind spürbar. Ich sehe das Martinshorn und höre das Blaulicht. Wieder ein Unfall. Der Krankenwagen rast auf mich zu. Die Heliomutter verdunkelt sich, gleich meinen Gedanken. Mit quietschenden Reifen hält das vehikulum morbi vor mir an. Seltsam, wo sind denn all die Gaffer, die sich eher an anderem Unglück weiden, als sich mit dem ihren zu beschäftigen, wobei dass doch ein Schritt in Richtung Freiheit wäre, der Ihrigen.
Die Tür wird unsanft aufgeschoben. Drei blaugekleidete Herren springen aus dem Wagen, wie in einem schlechten Film, expressiv und mit einem Blick a la Bösewicht. Ich versuche ein Opfer zu erspähen, doch es gibt keines. Na ja, irgendwie sind wir ja alle Opfer, oder? Irgendwer greift meine Schulter, aber das ist kein greifen, das ist ein festes zupacken. Ich werde unfreundlich in den Wagen geleitet, Verzeihung: gezerrt. Das ist die Krönung, aber was soll es? Ja bitte sehr schnallen sie mich doch fest, wenn es ihnen beliebt. Ich habe aufgehört mich zu wundern!

Ich denke nach. Was soll ich hier? Einer der drei Herren gibt mir eine Injektion, wo ich doch so gegen Spritzen bin, da ich ungeheure Angst vor diesen Dingern habe. Wehren kann ich mich nicht. Wer weiß, vielleicht wird es ja ein ganz guter Turn. Wozu, frage ich diesen Herren dann aber trotzdem. Er lächelt mich selbstgerecht an und sagt, dass sie mir nur helfen wird, diese wirren Gedankenstrudel zu eliminieren. Es ist nicht gut. Denken schadet der Menschheit. Es zerstört die Einheit der edlen Masse. Und keiner will das. Ich nicke freundlich und sage, ob er etwa von der wenig vorhandenen Gehirn-Masse spricht Und keiner will das. Ach so ist das, meine Gedanken sind konträr und deshalb unerwünscht.

Der Wagen hält. Wir steigen aus und mich überfällt das Gefühl, das dass der Himmel sei. Ich glaube sogar zu sehen, dass den Herren Flügel wachsen. Verdammt gutes Zeug. Wir entschweben seelenruhig in eine neue Zukunft, aber: ich werde bald vom Gegenteil überzeugt.
Ich sitze in einer Zelle als ich erwache, mein Geist ist plump und eingedrückt. Das Blut in meinen Adern brennt. Vor mir eine Großbildleinwand - also doch schlechtes Kino. Wörter zappeln darüber: GELD. KONSUMIERE. KONFORMITÄT. ZIELE. MACHT. STERBE. Ein Gesicht durchdringt die Wand, und ich nehme eine Stimme wahr, die überall gleichstark und gleich faulig klingt. Sie jubiliert, dass ich aufhören solle mich zu wehren. Dass ich meine Gedanken sterben und mich im Fahrwasser ihrer Freude treiben lassen soll.. Ich solle mich des sinnvollen Lebens freuen, der Sinn jedoch läge in den Dingen. Nur wenn ich besitzen würde, hätte ich die Fähigkeit Glück zu empfinden. NEIN, sage ich. Die Tür wird aufgestoßen und ein Herr mit Sonnenbrille trampelt auf mich zu und verabreicht mir wieder dieses Wundermittel. Das Blut in meinen Adern gefriert. Ja, nun kann ich verstehen, was die Stimme zu mir spricht. Ich erfasse den Sinn und ich erkenne die Logik. Ich höre auf zu denken. Das Blut gefriert und mein Hirn wird kalt. Meine Gedanken erstarren. Ich schreie, dass ich frei bin. Frei. Die drei Herren kommen durch die Tür und beglückwünschen mich ganz so als hätte ich als Jahresbester mein Abschlussexamen bestanden. Sie begleiten mich nach draußen. Freundlich, als wäre ich einer von ihnen verabschieden sie sich. Sie nehmen ihre Brillen ab und ich sehe in ihre Augen. Sie haben keine. Dunkle Löcher, aus denen ein kühler wind weht starren mich spöttisch an.
Ich bäume mich auf. Ich begreife, dass ich enden werde wie sie. Nie. Ich schließe die Augen und sage mir langsam vor: “Cogito, ergo sum. Diese Männer sind nicht mehr. Die Masse ist nicht mehr. Wir führen ein zwiespältiges sein.“ Immer lauter, bis ich die ganze Welt mit meinem hysterischen Schreien zum erzittern bringe. Ich reiße meine Augen wieder auf und kann gerade noch erleichtert bewundern, wie die Gestalten von der Energie eines Sonnenstrahls zerfetzt werden. Diesen Abstecher hätte ich mir getrost sparen können. Ich gebe ja doch nur etwas aus, wenn nicht das Geld, dann mein Leben.

Ich bin wieder auf der Strasse. Ich sehe den Menschen in die Augen. Genau. Sehe. Gehe, langsam und noch ein wenig desorientiert die Strasse hinab. Eine Familie kommt mir entgegen, einkleiner Junge guckt neugierig in die Welt. In zehn Jahren wird die Neugier vielleicht der Angst gewichen sein, wie bei mir.

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Hallo!

Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie in dieser Kategorie stimmt. Es ist für mich ja eher der alltägliche Wahnsinn. Aber nicht für jeden ist in der Alltagsgleichung auch das Surreale enthalten. Nun muß Sureales nicht zwangsläufig Wahnsinnig sein, ich denke aber das zumindest immer Elemente darin enthalten sind. So hatte ich mir die Verbindung gedacht.

Wie dem auch sei, bitte schreibt mir doch auch eure Kritik dazu. Formales und Stil, Ausdruckskraft usw.


Danke Jan
Jan Schilling, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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