Christa Astl

Johannes (eine Geschichte vom Sterben und Leben)


 
 
Ich heiße Bettina und bin zehneinhalb Jahre alt. Ich habe noch drei Schwestern, die sind zwölf, neun und sechs Jahre. Opa und Oma wohnen im gleichen Haus. In der Schule habe ich viele Freundinnen, aber jetzt habe ich eine ganz andere gefunden.
Die ist zwar schon alt, mindestens dreißig, aber sehr nett. Sie hat mich mit auf den Berg genommen, sogar das Klettern habe ich bei ihr gelernt.
Mama und die große Schwester haben unten gewartet, sie haben sich nicht hinauf getraut.
Es war toll, so allein was zu machen, ohne Eltern und Geschwister. Bin ja auch schon zehn, kein kleines Kind mehr. Vor allem die große Schwester meint es, weil sie ins Gymnasium geht und ich erst Herbst in die Hauptschule.
Meine neue, große Freundin hat mir von sich erzählt, dass sie geheiratet hat und im Frühjahr ein Kind bekommt. Ich hätte auch noch gern ein Geschwisterchen, aber ein Brüderchen, doch die Mama will keines.
Meine Freundin hat mir auch versprochen, dass ich dann in den Ferien zu ihr zum Kindsen (österr. Ausdruck für auf Kinder aufpassen) kommen kann. Ich freue mich mit ihr auf das Baby!
Wir haben uns oft geschrieben, und die Wartezeit ist immer kürzer geworden. Eine Woche noch, dann würde sie mich sofort anrufen, wenn es da war.
Doch dann passierte was Schlimmes. Opa ist gestorben.
In der Nacht gab es furchtbare Aufregung. Ich war schon im Bett, war gerade eingeschlafen. Da wurde es laut im Hausgang, Mama und Oma haben laut geredet, ich habe was gehört von "krank, rührt sich nicht", das weitere ging im Sirenengeheul der Rettung unter.
Ich hatte riesengroße Angst, was war passiert? Die Schwestern schienen nichts gehört zu haben, alles war still. Ich schaute aus dem Fenster, das Blaulicht verzerrte alles, der Garten, die Nachbarhäuser, alles schaute so unwirklich und unheimlich aus. Dann sah ich, wie die Sanitäter jemand ins Auto trugen. War es Papa, Opa, oder Mama oder Oma, oder gar eine von meinen Schwestern? Ich schlich mich in den Gang zur Stiege.
Mama kommt gerade herauf, nimmt mich in den Arm: "Opa hat man ins Krankenhaus gebracht. Aber schlaf jetzt wieder, morgen erzähl ich dir alles. Denk an deine Freundin, die kriegt jetzt vielleicht gerade ihr Kind."
Ich denke an Opa, an meine Freundin, an ihr Baby und träume, ich besuche alle im Krankenhaus, obwohl meine Freundin in Wirklichkeit ganz wo anders wohnt.
Der nächste Tag ist ein Samstag, ich könnte ausschlafen, aber ich halte es im Bett nicht mehr aus. Was ist wirklich passiert?
Ich stehe auf, alles ist still – Mama ist nicht da. War sie im ersten Stock bei Oma oben? Ich ziehe mich schnell an, springe die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal.
Auch da ist es still. Ich habe Angst, irgendwo lauert etwas, was Dunkles, Großes, Schreckliches. Ich klopfe an der Küchentür, das mache ich sonst nicht, da höre ich ja immer die Oma herumkramen und rumoren.
Niemand sagt "Herein", also mache ich leise die Türe auf, sie haben mich nicht bemerkt. Oma und Mama sitzen beisammen und halten sich an den Händen, jede hat eine halb volle Kaffeetasse vor sich, in die sie still hinein starren.
Wie ein Schlag trifft es mich, ich weiß alles, bevor die Zwei was sagen: Opa ist tot. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, ich kuschle mich fest auf Mamas Schoß, umarme die Oma, und alle drei weinen wir.
Da hören wir unten die kleinen Schwestern streiten, eine Tür fliegt zu. Mama schiebt mich sanft weg: "Wir müssen hinunter." Sie putzt sich und mir die Tränen ab, Oma bleibt zurück.
Bevor Mama unten noch was sagen kann, läutet das Telefon. Sie hebt ab und gibt mir den Hörer. Meine Freundin ist es: "Ich habe heute Nacht einen kleinen Buben bekommen, er wird Johannes heißen." – Mein Opa heißt auch Johannes", sage ich," aber heute Nacht ist er gestorben."
Und dann sitzen wir lange um den Tisch, Mama, ich, die drei Schwestern, Oma ist auch herunter gekommen und Papa ist vom Nachtdienst zurück, und reden.
Und ein ganz klein wenig kann ich mich aufs neue Baby freuen, besonders dass es Opas Namen bekommt.
 
 
ChA 13.11.14

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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