Andreas Dany

Eine Weihnachtsgeschichte 3

Gina stand schon fertig angezogen im Flur. Sie hatte Ihr bestes Kleid an und ihre Haare waren ordentlich zu einem Zopf geflochten. An ihrer Seite stand Ben, der ihr nicht mehr von der Seite wich. Frau Binger hatte mit Mutter ein Essen gezaubert, das jetzt auf dem großen Tisch in der Küche stand. Auch Vater und Mutter hatten sich ihre besten Sachen angezogen. Als Herr Binger in einem etwas altmodischen Anzug die Treppe herunterkam rief Frau Klein schon: „Heinrich, nun mach schon, der Pfarrer wartet nicht!“ „Immer langsam mit den müden Pferden“, grummelte Herr Binger, beeilte sich aber trotzdem sich an den großen Eichentisch zu setzen.
Eigentlich hatten Martin und ich ein anderes Essen erwartet. Statt eines Bratens, nach dem es so herrlich im ganzen Haus duftete, standen eine große Schüssel mit Kartoffelsalat und eine Pfanne mit Bratwürsten auf dem gedeckten Tisch. Der Braten war wohl für später gedacht.
Wir setzten uns und Herr Binger sprach ein kurzes Gebet. Als er geendet hatte streckte Gina ihm ganz selbstverständlich ihre kleine Hand entgegen. Wir nahmen uns an den Händen und stimmten mit Gina ein: „Mäuschen Piep, Guten Appetit!“, an.
Dann fielen wir wie ein Rudel hungriger Wölfe über die Bratwürste und den Kartoffelsalat her. Ich glaube ich habe noch nie bessere Würste gegessen. Schnell waren wir mit dem Essen fertig, räumten den Tisch ab und zogen unsere dicken Winterstiefel und unsere Mäntel an. Als wir aus dem Haus traten stand Herr Binger schon mit seinem Trecker vor der Tür. Hinter den Trecker war ein großer Schlitten gespannt, der ursprünglich wohl mal ein Pferdeschlitten gewesen war. Der Schlitten hatte zwei Sitzbänke, die uns allen genügend Platz boten. Wir deckten uns mit den derben Wolldecken zu,die auf den Bänken bereitlagen. Nachdem Frau Klein als letzte Platz genommen hatte, sie hatte mit sanfter Gewalt Ben ins Haus zurückbringen müssen, fuhren wir los. Herr Binger fuhr schnell und der weiße Pulverschnee stob zur Seite. Obwohl es stockdunkel war und die Scheinwerfer des Treckers nicht sonderlich viel Licht verbreiteten fand Herr Binger den Weg zur Kirche mit traumwandlerischer Sicherheit. Die Kirchenglocken waren noch zu hören als wir das Gespann vor der kleinen Dorfkirche abstellten. In einer langen Reihe standen hier die abenteuerlichsten Gefährte. Geländewagen, Motorschlitten, Trecker Gespanne wie unseres, aber auch ein paar Pferdeschlitten mit gewaltigen Kaltblutpferden deren Atem dampfte als ob es gewaltige Drachen wären.
Die Kirche war zum bersten voll, aber die Leute in den Bänken rutschten zusammen, so dass Gina, Mama und Frau Klein sich noch setzen konnten. Wir Männer blieben stehen. Die Kirche war wunderschön geschmückt und neben dem Altar stand ein gewaltiger Tannenbaum, der kunterbunt geschmückt und von unzähligen Kerzen beleuchtet war.
Zuhause fand ich die Messe manchmal etwas langweilig und immer viel zu lang. Hier aber war alles neu und passte so schön in die ganze Stimmung, dass ich fast traurig war, als der Pfarrer den Schlusssegen sprach und allen eine frohe Weihnacht wünschte. Wir schauten uns noch die wunderschöne, geschnitzte Krippe an, die ich schon von Weitem bestaunt hatte.
Als wir vor die Kirchentür traten, erwartete uns ein fröhliches Durcheinander. Obwohl wir ja völlig fremd waren, schüttelten uns viele Menschen die Hände. Wir wurden gedrückt und bekamen Äpfel und Kekstüten zugesteckt. Es gab dampfenden Tee und für die Erwachsenen Glühwein.
Als wir nach einer halben Stunde wieder in den Schlitten stiegen, waren wir fast die Ersten. Die Rückfahrt war schnell vergangen und als wir wieder in die Hofeinfahrt einbogen, wäre ich gerne noch ewig so weitergefahren. „So, ihr Kinder helft mir, den Trecker in die Garage zu bringen!“, bestimmte Herr Binger mit einem Augenzwinkern zu meinen Eltern. Wir fegten den Schnee vom Schlitten und dem Trecker und beeilten uns ins Haus zu kommen. Ordentlich stellten wir die Winterstiefel ab, hängten die Mäntel auf die Bügel und warteten gespannt was nun kommen sollte.
Meine Eltern kamen die Treppe herunter und Frau Klein kam aus der Küche. An ihr vorbei stürzte Ben und riss Gina vor Freude um. Gina lachte wieder gackernd und die beiden begrüßten sich als ob sie sich monatelang nicht gesehen hätten.
Da ertönte aus dem Wohnzimmer eine helle Glocke. „ Das Christkind!“, schrie meine Schwester. Und auch wir stürzten zur Wohnzimmertür, hinter der heller Lichtschein zu erkennen war. Herr Binger, den ich gar nicht hereinkommen gesehen hatte trat zu uns und fragte: „Na, hat das Christkind schon geklingelt?“ „Ja, hat es, gerade eben, hab ich ganz genau gehört!“, die Stimme von Gina überschlug sich fast, so aufgeregt war sie.
„Na dann wollen wir mal.“, Herr Binger öffnete ganz langsam die Tür und öffnete sie, während wir „Oh du Fröhliche“ anstimmten.
Der Anblick, der sich uns bot war überwältigend. Alle Kerzen am Baum brannten und hüllten den gesamten Raum in ein festliches, strahlendes Licht. Unter der majestätischen Tanne lagen buntverpackte Geschenke und auf den ersten Blick erkannte ich einen nagelneuen Holzschlitten und zwei paar verschieden lange Ski mit den dazugehörigen Schuhen. Allerlei Naschwerk stand in hölzernen Schalen und ich kniff mir in den Arm, um sicher zu sein, dass ich das alles nicht nur träumte!
Wie immer sangen wir drei Lieder und wie immer wurden die Lieder zum Ende hin immer schneller gesungen. Wir Kinder stürzten uns auf die Geschenke, und die Erwachsenen setzten sich bei einem Glas Rotwein an den Tisch und schauten uns dabei zu. Auch ihre Gesichter glänzten und ich glaube sogar ein paar Freudentränen bei ihnen entdeckt zu haben.
Gina umarmte meine Eltern und Frau Klein und warf sich zum Schluss in die Arme von Herrn Binger: „Das ist mein aller, allerschönstes Weihnachten“, piepste sie. Wir konnten ihr alle nur zustimmen. Und es beschwerte sich keiner als Ben, als hätte er jedes Wort verstanden, laut und vernehmlich bellte.
Noch heute, Jahre später, die Skier sind schon lange zu klein und vergessen, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut und Tränen in die Augen, wenn ich an dieses Weihnachtsfest denke! Und ich glaube dieses Weihnachtsfest werden wir alle unser Leben lang nicht vergessen!
 
                                                                   Ende
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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