Sandra Lenz

Stürmisches Herz - Teil III

Ryan peitschte auf Poison dahin wie ein geölter Blitz. Er brauchte sich keine Gedanken darüber zu machen, man könnte ihn hier entdecken. Hier wohnte niemand. Er wusste, das es in der Ferne ein Herrenhaus gab in dem ein reicher Mann mit seiner Familie leben sollte, aber das war ein ganzes Stück entfernt. Diese Leute brauchte er also nicht zu fürchten.
Seine dunklen Haare wehten im Wind und seine Finger hatten sich fest um die Zügel gelegt. Er trieb seine Stute weiter vorwärts. Er genoss diese Schnelligkeit auf dem Rücken seines Pferdes. Plötzlich wurde Poison langsamer und blieb letztendlich stehen. Auf der Wiese stand ein anderes fremdes Pferd - herrenlos und ganz allein. Ryan kniff die Augen zusammen und schaute sich um, doch er konnte niemanden entdecken. Das Pferd graste friedlich vor sich hin und sah wunderschön aus. Ryan sprang aus dem Sattel und ging mit Poison an den Zügeln langsam auf das fremde Pferd zu. Stormy Wind hob seinen Kopf an und blickte hinüber zu Ryan, ließ diesen aber schnell wieder sinken und graste weiter. Es war ein rabenschwarzer Hengst mit seidig glänzendem Fell und einer schlanken Statur. Er sah sehr edel und gepflegt aus und musste ein Vermögen wert sein. Ryan streichelte ihn und Stormy Wind ließ es sich bereitwillig gefallen. “Ja mein Junge. Wo ist denn dein Herr? Hast du ihn irgendwo abgeworfen?” Dieser Gedanke brachte Ryan zum Schmunzeln. Vielleicht lag ja hier irgendwo ein feiner Herr im Dreck und verfluchte gerade seinen Gaul, während er seinen feinen Gehrock glatt zu streichen versuchte. Was er nicht ahnen konnte war, das Stormy sich für gewöhnlich von niemandem anfassen ließ, außer von Ashley. Keiner der Familie oder der Angestellten durfte zu nah an ihn heran kommen. Ashley musste alles allein für das Pferd tun und für ihn sorgen.
“Dann lasse ich euch beide mal hier und mache mich auf die Suche nach deinem Herrn, du schwarzer Teufel du.” Ryan klopfte beiden Pferden auf den Rücken und ließ sie dann grasen. Er machte sich unterdessen auf den Weg nach einem abgeworfenen Reiter zu suchen, der eventuell Hilfe benötigte.

Ashley lag in der Sonne und vergaß die ganze Welt um sich herum. Sie entschwand immer mehr einer anderen Welt und wäre beinahe eingenickt, hätte sie nicht plötzlich einen Schatten über sich gespürt. Ein wenig benommen öffnete sie die Augen und schrak hoch. Ein junger Mann stand neben ihr und blickte ihr in die Augen. “Fräulein, gehört der schwarze Hengst zufällig ihnen?” Ashley nickte ein wenig verunsichert. Wo kam dieser Fremde plötzlich her? Normalerweise traf sie hier auf Niemanden und sein plötzliches Auftauchen verunsicherte sie ein bisschen. Sie stand ein wenig wackelig auf, um dem Fremden besser ins Gesicht schauen zu können. “Ja, das ist mein Pferd. Ist denn irgendetwas nicht in Ordnung?”
Ryan lächelte leicht. Was für eine entzückende junge Dame doch vor ihm stand. In Reiterhosen, so ganz unüblich für die Damenwelt, die sich sonst immer in die schönsten und teuersten Kleider hüllte. Lange schwarze Haare fielen auf ihre Schultern und ihre Haut strahlte so weiß wie Schnee. Zwei hübsche veilchenblaue Augen blickten ihn ein wenig unsicher und skeptisch an.
“Nein, es ist alles in bester Ordnung. Ich habe das Pferd nur allein vorgefunden und habe mir Sorgen gemacht. Schließlich hätten sie auch irgendwo verletzt im Graben liegen können. Aber wie ich sehe, erfreuen sie sich allerbester Gesundheit.” Er ließ den Blick an ihr herunter wandern. Sie hatte eine sehr gute Figur und ihre nackten Füße scharrten nervös im Sand. “Was machen sie überhaupt hier in der Gegend wenn ich fragen darf? Sie sind nicht von hier.” Ryan zuckte mit den Schultern. “Ich wollte sie nicht erschrecken, junge Dame. Ist es denn ein Verbrechen hier auszureiten und frische Luft zu schnappen? Und natürlich die Gesellschaft einer so entzückenden Dame wie ihnen zu genießen.” Er griff nach ihrer Hand und zog sie hoch zu seinen Lippen. Galant hauchte er ihr einen Handkuss auf den Handrücken. Ashley war für einen kurzen Moment völlig perplex. Erst hatte sie der Fremde erschrocken und jetzt war er äußerst höflich und nett zu ihr. Ihre Wangen röteten sich leicht und beschämt schaute sie zu Boden.
“Darf ich mich ihnen vorstellen? Mein Name ist Ryan Vander. Und mit wem habe ich das Vergnügen?” Neugierig blickte er in ihre Augen. Ashley reckte ihr Kinn und erwiderte seinen Blick standhaft. “Ich heiße Ashley Winston. Mein Vater ist Henry Winston und wir wohnen hier in der Nähe.” Bei Ryan fiel langsam der Groschen. Henry Winston war ein reicher Geschäftsmann, der auf Winston-Highgroove lebte, dem großen Herrenhaus nicht weit von hier. Dann war Ashley also eine seiner drei Töchter. In der Stadt erzählte man sich stets von seinen hübschen Töchtern und er musste wirklich zugeben, an den Gerüchten war tatsächlich etwas dran, zumindest soweit man von Ashley sprechen konnte.
Diese musterte unterdessen ihre neue Bekanntschaft. Nachdem was ihr Onkel erzählt hatte, sollte sie besser auf der Hut sein. Man wusste schließlich nie, was sich für ein Gesindel in der Nähe herum trieb. Und dies war ein fremder Mann, den sie niemals zuvor gesehen hatte und der unmöglich von hier stammen konnte.
Allerdings musste sie auch zugeben, das dieser Fremde sie faszinierte. Er hatte eine Aura, die sie in seinen Bann zog. Seine dunklen Haare fielen in leichten Wellen bis auf die Schultern und seine meergrünen Augen schauten sie durchdringend an. Er war ausnahmslos in schwarz gekleidet, welches ihm ein verwegenes Aussehen verlieh. Seine Beine steckten in hohen Lederstiefeln und das schwarze Hemd trug er in den Hosen. Er war recht groß, was ihm das Aussehen eines Raubtieres verlieh. Gefährlich, und doch gleichzeitig sehr faszinierend.
“Ich freue mich sehr ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, liebe Ashley.” Ashleys Herz begann aufgeregt zu schlagen und ihre Wangen wurden erneut von einem leichten Rot überzogen. Der Fremde machte sie nervös. Ryan Vander setzte sich wieder in Bewegung und nickte ihr nochmals kurz zu und lief dann zurück in Richtung Wiese, auf der die Pferde immer noch friedlich grasten.

~.~

Ashley stand einen Moment lang sprachlos da und schaute dem Fremden hinterher. Dann setzte auch sie sich in Bewegung. Mit schnellen Schritten erreichte sie die Stelle, wo Stormy Wind graste. Ryan Vander war bereits davon galoppiert und sie hatte noch nicht einmal sehen können, in welche Richtung er verschwunden war. “So ein Mist.” Sie verfluchte ihre eigene Dummheit und griff nach den Zügeln und saß auf. “Komm’ mein Junge, auf nach Hause.” Stormy galoppierte Richtung Heim. Ashley bekam von dem Rückweg gar nichts richtig mit, denn ihre Gedanken kreisten unentwegt um die zufällige Bekanntschaft, die sie vor ein paar Minuten gemacht hatte.
Auf der Terrasse kam ihr Lisbeth entgegen. Mit gerümpfter Nase schaute sie ihre jüngere Schwester von oben bis unten an. “Also ich kann wirklich nicht verstehen, wie man bloß so herumlaufen kann. Du hast doch die wunderschönsten Kleider im Schrank und stattdessen läufst Du herum wie ein armseliges Bauernkind.” Sie schüttelte angewidert den Kopf und schaute in eine andere Richtung. Fast so, als ob der Anblick ihrer jüngeren Schwester ihren Augen weh täte. Lisbeth lief immer herum, als wenn sie auf einen Ball gehen würde. Niemals wäre sie auch nur auf die Idee gekommen eine Reithose anzuziehen. Ashley zuckte mit den Schultern. “Liebste Lisbeth, mit einem Kleid kann es äußerst unbequem werden auf dem Rücken eines Pferdes. Aber davon verstehst du ja eh nichts. Du kommst Pferden ja nur dann nahe, wenn du in einer Kutsche sitzt und von ihnen gezogen wirst.” Ashley konnte ein sarkastisches Grinsen nicht unterdrücken. “Du solltest dich frisch machen und etwas vernünftiges anziehen. Wir werden gleich zu Abend essen, gemeinsam mit Onkel Matthew und den Mansons. Sie sind nämlich gerade eben eingetroffen. Sie haben übrigens auch ihren Sohn mitgebracht. Das wird dich vielleicht freuen.” Lisbeth drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück ins Haus.
Ashley verzog anwidert die Mundwinkel. Die Mansons und dann auch noch deren Sohn. Marcus war ein komischer Kerl, der ihr ständig nachstieg. Nach außen tat er immer wohl erzogen, intelligent und äußerst hilfsbereit. Aber hinter seiner Maske verbarg sich ein ekelhafter gemeiner Mensch. Außerdem erregte allein sein Aussehen ein Gefühl von Ekel bei Ashley. Ihre Eltern luden die Mansons regelmässig ein, weil sie hofften Ashley mit Marcus verheiraten zu können. Sie lief schnell die Treppe hinauf in ihr Zimmer und verschloss die Tür. Diese Aussichten auf einen wunderbaren Abend ließen Ashley frösteln. Sie griff nach ihren Zigaretten und zündete eine davon an. Ein Gefühl der Entspannung machte sich in ihr breit. Das konnte ja noch ein heiterer Abend werden ...

~.~

Ryan war zurück zum Versteck galoppiert. Eilig sprang er von Poison herunter und reichte die Zügel Larry, der gerade draußen am Eingang der Höhle stand. “Na, einen schönen Ausritt gehabt?” Larry schaute Ryan neugierig an. “Ja, ja. Vielen Dank. Bitte kümmere dich um Poison.” Er hatte jetzt keine große Lust sich mit seinem Kumpel zu unterhalten und verschwand eilig in seinen Bereich. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass Isabel nicht da war. Er ließ sich auf sein Bett sinken und schaute mit offenen Augen zur Decke. Diese veilchenblauen Augen und dieser sinnliche Mund ... was für eine faszinierende Schönheit Ashley doch war. Seine Gedanken waren ständig um die junge Dame vom Strand gekreist, seit er sich zurück auf den Weg zur Höhle gemacht hatte. Er war so darin vertieft, das er gar nicht bemerkte wie sein Freund Jack eintrat. Dieser musste ihn förmlich aus seinen Gedanken reißen. “Ist irgendetwas nicht in Ordnung Ryan? Du bist eben geistesabwesend an mir vorbei gestürmt, ohne mich überhaupt wahr zu nehmen. Hast du irgendetwas auffälliges beobachtet?” Jack nahm auf einem kleinen Hocker neben dem Bett Platz. Ryan schaute ihn erstaunt an. “Nein, es ist alles in bester Ordnung. Mach’ dir keine Gedanken, wenn es anders wäre, dann würdest du es als erster gesagt bekommen.” Er setzte eines seiner strahlenden Lächeln auf, mit dem er regelmäßig die Frauenwelt schwach werden ließ. Er fingerte nach Zigaretten und reichte Jack davon eine. Den blauen Dunst in die Luft pustend, erzählte er seinem besten Freund von seiner Begegnung am Strand. Jack hörte aufmerksam zu und unterbrach seinen Freund nicht in seinen Ausführungen.
“Ryan, du musst vorsichtig sein. Du weißt, unser Versteck und eine Person dürfen nicht entdeckt werden. Das wäre viel zu gefährlich. Außerdem ist das Mädchen die Tochter eines sehr einflussreichen Mannes der Stadt. Es ist also höchste Vorsicht geboten.” Ryan nickte. Er wusste, das es äußerst riskant werden könnte, wenn er versuchen würde Ashley wiederzusehen. Andererseits reizte ihn dieses Abenteuer viel zu sehr und außerdem musste er sie einfach wiedersehen. Er würde sich schon etwas passendes einfallen lassen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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