Manfred Bieschke-Behm

Sie trug ein Kleid aus blassblauerm Leinen,

das zu groß für sie wirkte.


Simone, Mitte zwanzig, kleidet sich gerne modebewusst, ohne trendverliebt zu sein. Weil sie bei der Auswahl ihrer Kleidung die Farbe Blau bevorzugt, wird sie von ihren Freundinnen oft spöttisch 'Lady in Blau’ genannt. Blau bedeutet für Simone Harmonie, Zufriedenheit und Ruhe, Wesenszüge, die sie mag. Andere Menschen bringen die Farbe Blau mit Passivität und Kühle in Verbindung. Diese Merkmale sind Simone fremd und haben deshalb keinerlei Bedeutung für sie.
In Simones Kleiderschrank ist die Farbe Blau in vielen Abstufungen und Materialien dominierend. Manchmal, wenn Simone in ihren Kleiderschrank schaut, träumt sie vom Meer. Sie, hört das Heranrollen der Wellen und das Schreien der Möwen. Sie spürt eine frische Brise und schmeckt salzhaltige Luft. 'Ich bin verrückt' schießt es ihr durch den Kopf. 'Das ist doch nicht normal.
Vor gut zwei Jahre sah Simone das blassblaue Leinenkleid im Schaufenster einer Boutique. So oft sie an dem Ladengeschäft vorbei kam, versäumte sie es nicht 'ihr' Kleid anzuhimmeln. Nach einer Woche ‚nur-das-Kleid-anhimmeln fasste Simone sich ein Herz und betrat die Boutique. Simone wusste, dass die Kleidergröße im Schaufenster nicht ihrer Konfektionsgröße entsprach. Sie hatte ein paar Pfunde mehr auf den Rippen, als die Schaufensterpuppe, und war deshalb skeptisch das Kleid in ihrer Größe vorzufinden. Simone erfuhr von der freundlichen Verkäuferin, dass das Kleid auch in ihrer Konfektionsgröße vorrätig sei. Das stimmte Simone froh. Der Einladung, das Kleid anzuprobieren, folge Simone ohne ernsthaft darüber nachzudenken. Das Kleid saß wie eine zweite Haut. Das glatte Leinengewebe fühlte sich kühl an und schien ideal für heiße Sommertage. Der natürliche Glanz und die blassblaue Einfärbung ließen Simone ins Schwärmen geraten. Sie trat aus der Umkleidekabine, drehte sich mehrmals um die eigene Achse und bestaunte sich beschwingt von allen Seiten im Garderobenspiegel.
"Ich gratuliere ihnen zu ihrer Wahl", sagte die Verkäuferin. Simone war durch diese Ansage verunsichert. Sie fühlte sich bedrängt. Sie wollte doch nur anprobieren und nicht kaufen.
"Darf ich das Kleid für Sie einpacken?", erkundigte sich die Verkäuferin.
Ich", stammelte Simone, "ich muss mir den Kauf noch einmal überlegen." Hastig zog Simone ihr Traumkleid aus. Es war ein Gefühl, als zöge sie sich die eigene Haut vom Leibe. Es tat weh.
Simone drückte der Verkäuferin das blassblaue Leinenkleid in die Hand und verließ, ohne dass ihr 'Auf Wiedersehen' hörbar war, eilig das Geschäft.
Ein paar Tage später war das geschehen, was Simone nicht für möglich hielt. Das Schaufenster war neu dekoriert. 'Ihr' Kleid gehörte nicht mehr zu den Ausstellungsstücken. Wie versteinert stand Simone vor dem Schaufenster. Die Verkäuferin, die Simone wiedererkannte, trat vor die Ladentür.
"Ich sehe Sie verzweifelt. Aber ich bitte Sie, dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Das blassblaue Leinenkleid, das Sie vor ein paar Tagen anprobiert hatten, ist noch vorrätig."
Simone war erleichtert. Ihre innere Anspannung löste sich. Jetzt gab es kein Halten mehr, jetzt musste sie Nägel mit Köpfen machen. Unaufgefordert folgte sie der Verkäuferin in den Laden. Auf Wunsch der Verkäuferin schlüpfte Simone noch einmal in das Kleid und hätte es am liebsten gar nicht mehr ausgezogen.
"Ja, ich nehme das Kleid", erklärte Simone voller Freude.
"Das ist eine gute, und wie ich finde, eine richtige Entscheidung - ich gratuliere zu dem Kauf.“
 
Für den kommenden Samstag war Simone mit ein paar Freundinnen verabredet um gemeinsam ihr Lieblingslokal zu besuchen. Anlass genug, das neue blassblaue Leinenkleid vorzustellen und auszuführen, dachte Simone. Obwohl sie ahnte, dass irgendeine blöde Bemerkung fallen würde, stand für sie die Kleiderfrage fest.
"Gibt es für dich eigentlich außen Blau auch noch andere Farben?", wollte eine der Freundinnen wissen.
"Klar gibt es auch noch andere Farben", konterte Simone schnippisch.
Die Stunden vergingen. Simone fühlte sich pudelwohl. Eigentlich war es Zeit zu gehen, als plötzlich ein junger Mann vor ihr stand und sich erkundigte, ob er sich zu ihr stellen dürfe. Ohne noch einmal über ihre Absicht gehen zu wollen nachzudenken, willigte Simone ein. Sie spürte plötzlich einen heftigen Herzschlag. Grund dafür waren die himmelblauen Augen des jungen Mannes, in die sich Simone blitzartig verliebte. Der junge Mann dagegen war begeistert von Simones blassblauem Leinenkleid. "Was für eine Erscheinung!", sagte er zu Simone und betrachtete sie mit ausgebreiteten Armen und strahlenden Augen. "Entschuldigung, wenn ich das so direkt sage, Sie sind ein 'Hingucker'. Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich es verpasst hätte, Sie anzusprechen."
 
Sören und Simone sind bis heute ein Paar. Längst hat sie sich die überschüssigen Pfunde abgestrampelt. Dafür hat Sören gesorgt. Er ist ein leidenschaftlicher Fahrradfahrer und hat es geschafft, sie für sein Hobby zu begeistern. Bis heute lassen Beide keine Gelegenheit aus gemeinsame Fahrradtouren zu unternehmen und sich dabei den frischen Wind um die Nasen wehen zu lassen.
 
Heute nun gilt es, den zweiten Jahrestag ihrer Erstbegegnung zu feiern. Simone hat nicht lange überlegt, was sie zu diesem Anlass anzieht. Natürlich muss es das blassblaue Leinenkleid sein, wenngleich es zurzeit zu groß wirkt für Simone.   
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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