Stefan Strüdinger

Der schwarze Tod

Ein Unheil war über Europa hereingebrochen. Man nannte es >die Pest<, eine furchtbare Krankheit, die nun schon seit über zwei Jahren auf dem Gipfel der Vernichtung weilte. Sie breitete sich rasend schnell aus, woher sie genau kam, vermochte keiner zu sagen. Doch ist dies nun auch nicht mehr von Bedeutung, da uns, die wir in Deutschland leben, jede Möglichkeit zur Flucht vergeben ist. Die Pest hat uns eingekreist. Womöglich wird sie erst wieder verschwinden, wenn niemand mehr übrig ist, über den sie herfallen kann. Vielleicht ist das schon bald der Fall; die Bevölkerung schwindet beträchtlich.

Die Landwirtschaft ist fast völlig zum Stillstand gekommen. Überall mangelt es an Arbeitskräften und die führenden Klassen fordern sogar noch mehr Leistungen.

Hier, wo ich mich befinde (und auch sonst überall), ist das Chaos ausgebrochen. Ganze Stadtteile werden immer wieder abgesperrt und man gibt den noch darin verbliebenen Menschen, nicht mehr die Möglichkeit von dort zu verschwinden. Der Tod ist ihnen gewiß. Anderswo sieht man Leute ihr Hab und Gut zusammenpacken. Ich frage mich, wo sie hinwollen. Der schwarze Tod lauert hinter jeder Ecke.

In manchen düsteren Gassen steigt einem süßer Duft in die Nase, welcher jeden dazu veranlaßt in Panik zu geraten.

Viele Menschen habe ich schon sterben sehen. Zu viele, so daß ich mich wundern muß, noch nicht selbst der Seuche erlegen zu sein. Es ist ein Fluch Gottes, mit ansehen zu müssen, wie Kinder weinend bei ihren toten Eltern sitzen; wahrscheinlich schon selbst der Pest in die Fänge geraten. Ziemlich sicher sogar.

>Gott sei gnädig, hab`Erbarmen!< rufen die Menschen, daß Gesicht empor zum Himmel geneigt und die Hände gefaltet. Ungläubige -so wenn es denn welche in unserer Zeit gibt-, werden gläubig. Manch`Gläubige dagegen ungläubig. Priester haben es besonders schwer zu überleben. Ständig werden sie von Pestbefallenen umkreist, die ihre letzte Beichte tun wollen. Nach und nach verschwinden die sicheren Orte. Die wenigen, die geblieben sind, werden ebenfalls verseucht und während bei vielen der Aderlass vollzogen wird, wundert sich manch`einer darüber, daß seine Nachbarin an der Pest gestorben ist, wo er sie doch für eine Hexe gehalten hat.

Viele Soldaten stehen mit gezogenen Schwertern da, bereit jeden zu töten der sie berühren will. Jeder ist auf sich alleine gestellt. Hilfe kann man von niemandem erwarten. Schon zu Anfang bei ausbrechen der Pest war es so.

Ich befand mich damals auf dem Marktplatz. Dieser war von einer großen Menschenmasse gefüllt, als plötzlich aus einer Seitengasse ein Mann hustend angelaufen kam und rief:"Helft mir! Ich habe die Pest."

Die Menschen gerieten natürlich in Panik und liefen davon und trampelten sich dabei gegenseitig nieder. Die Hilfe die der Mann bekam, bestand aus einem Pfeil, welcher ihn fast ins Herz traf. Er war nicht gleich tot, sondern wandt und krümmte sich am Boden, als auch schon einige Männer mit Mundschutz und Fackeln angelaufen kamen und ihn in Brand steckten. Das watr leider eine Notwendigkeit, daß Verbrennen, aber normalerweise wartete man, bis die Pestbefallenen tot waren. Der Tod ließ auch nie lange auf sich warten. Er trat innerhalb von zwei bis fünf Tagen ein. Bei der Lungenpest gar schon nach ein bis zwei Tagen. Bis es allerdings soweit war, durchlitten die Opfer hohes Fieber, Schüttelfrost und sie mußten sich übergeben. Desweiteren wurden sie von Unruhe Kopfschmerzen geplagt. Zeitweise waren sie benommen.

Viele Leute dachten darüber nach, wodurch sie Gott so erzürnt haben könnten, daß er sie nun so strafte. Andere versuchten das Unheil wissentschaftlich zu erklären. Sie meinten, die Ratten wären daran schuld. Die Rattenplage war schon immer sehr groß gewesen und als Krankheitsüberträger bekannt.

Inzwischen sterben die ersten auch schon am Hungertod. Dem einem folgt das andere.

Ein Ende ist noch nicht in Sicht.Und den letzten Karren -beladen mit Leichen- werde ich auch noch nicht gesehen haben. Vielleicht werde ich das Ende der Pest miterleben. Vielleicht aber auch mein eigenes, durch sie.

Was wird noch übrig sein, nachdem er, >der schwarze Tod< -das Schlimmste, was je über die Menschheit gekommen ist, irgendwann nicht mehr existiert?

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