Dana Kuttenhofer

Menschen wie Manfred

 

Grellbunte Lichter fielen auf die blankpolierte akustische Gitarre von Manfred. "Wieder einmal so ein ernüchternder Auftritt...", dachte er bei sich.

Da erblickte er sie. Mia saß mit locker übereinander geschlagenen Beinen an der alten Bar. Ihr Cocktailglas verdeckte das abgewetzte Holz des Tresens.

War sie eben erst gekommen? Anders konnte es nicht sein. Manfreds Abend war gerettet. Schon seit zwei Jahren trat er nur noch aus diesem einen Grund auf die Bühne: Damit Mia endlich Notiz von ihm nahm.
 

Mia Cavaletti war 1982 in Stockholm als Tochter einer Schwedin und eines zwanzig Jahre älteren Italieners geboren worden.

Die Pizzeria, die der Italiener mit mäßigem Erfolg betrieben hatte, gab es schon lange nicht mehr. Was das Essen angeht, sind die Schweden ihr eigener Herr.

Tagelang war Manfred auf der Suche nach Mias Wurzeln zunächst nur auf die fremde Sprache gestoßen. Dann hatte er aber mit Hilfe seiner dürftigen Englischkenntnisse endlich auch das Haus gefunden, welches das Lokal beherbergt hatte. Ja, auch Menschen hatte er getroffen. Menschen, die gerührt gewesen waren, dass er seiner todkranken Freundin Mia Grüße und Anekdoten von alten Freunden übermitteln hatte wollen und dafür eigens nach Stockholm gereist war.

Von ihrer "Krankheit" ahnte Mia freilich nichts. Erwartungsfroh ob der Dinge, die die nahe Zukunft bringen würde, saß sie auf dem kippeligen Barhocker. Die einsamen Abende waren gezählt.

Mit Absicht stieß Manfred geräuschvoll gegen den metallisch glänzenden verbeulten Mülleimer, der neben Mias Hocker stand und vor lauter Zigarettenkippen beinahe überquoll. Den Wirt interessierte das Rauchverbot überhaupt nicht. Bis heute war in dem heruntergekommenen Schuppen keine Kontrolle des Landratsamtes erfolgt. Das ganze Lokal war schlichtweg vergessen worden, genauso wie seine Besucher, insbesondere die Stammgäste, wie Manfred einer war.

Manfred Hausmann, 52 Jahre alt. Studiogitarrist. Seit Jahren ohne Aufträge. Vielleicht waren es schon Jahrzehnte. Deshalb nunmehr Hobbymusiker mit gelegentlichen Auftritten in Bars wie dieser und anderen einschlägigen Etablissements der Szene spielsüchtiger Automatenzocker und Alkoholiker.
 

Es entsprach aber nicht ganz der Wahrheit, dass alle Gäste der Bar vergessen worden waren. Alle, außer Mia.

Dass sie als junges Mädchen erst zum Studium nach Deutschland gekommen waren, hatte Manfred schnell herausgefunden. Die Doktorarbeit von Mia war seit der Abgabe offensichtlich nicht mehr aus dem Archiv geholt worden. Bis sie Manfred in die Hände gefallen war. Ein vergessenes "Post It" zierte die zweite Seite: "Mia, bitte überarbeiten Sie noch einmal den praktischen Teil. Gruß, Prof. Dr. Unleserlich"! Oh, wie interessiert Manfred auf einmal an der "Chirurgischen Entfernung von Fremdkörpern unter Berücksichtigung des Verlaufs des nervalen und arteriellen Systems" gewesen war.

Das einzige, was sich ihm bisher nicht offenbart hatte, war, warum Mia seit geraumer Zeit tageintagaus in ihrer netten Erdgeschosswohnung mit Blick auf den Kanal saß, anstatt in einem der städtischen Krankenhäuser Notdienst zu schieben oder gar in einer schicken Privatklinik ihr chirurgisches Handwerk zu vollbringen.

Irgendwann würde er sich endlich trauen, sie zu fragen.

Als Mia durch das Scheppern des Mülleimers aus ihren Tagträumen gerissen wurde, fuhr sie Manfred an: "Passen Sie doch auf! - Wieder mal so ein Typ, der zuviel trinkt... Elender Säufer!", murmelte sie, mehr zu sich selbst. Auf schwedisch oder italienisch. Sie verstand beides, deshalb war es am Ende egal.

Sie bemerkte nicht, dass Manfred der Gitarrist war, der den ganzen Abend gespielt hatte. Dass Manfred der war, der ihr morgens auf dem Weg zum Bäcker beinahe die Brötchentüte aus der Hand gerissen hatte. Dass der gleiche Mann, der gerade versehentlich den Mülleimer angerempelt hatte, ab und an Zeitungen bei ihr austrug. Im Schwimmbad wiederholt die Liege neben ihr mit seinem verwaschenen Handtuch besetzt und vergangenes Wochenende freundlicherweise ihren verlorenen Schlüssel zurückgebracht hatte.

Sie bemerkte es alles nicht. Für Mia war Manfred unsichtbar.

Um halb zwei Uhr nachts am U-Bahnsteig erkannte sie ihn schon wieder nicht mehr. Dabei war seit der Aktion mit dem Mülleimer gerade mal eine halbe Stunde vergangen. Eine Maus huschte hungrig über das Gleis. An der Endhaltestelle stieg Mia aus. Dass sie von einem, zugegebenermaßen harmlos wirkenden, Mann überholt wurde, war ihr ganz recht. Dann konnte er sie wenigstens nicht verfolgen. Man las immer wieder von Fällen, in denen Frauen auf dem Nachhauseweg überfallen wurden.

Dass sie zuhause erwartet würde, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Auch nicht, dass das morgendliche Telefonat mit ihrem Verlobten in London am nächsten Tag ausbleiben würde. Mike würde vergeblich auf sie warten. Ebenso das Krankenhaus in Southend, das nach langem Warten seitens Mia endlich eine attraktive Stelle für sie freigehabt hatte.

"Jede Minute sehne ich mich nach Dir! Warum sitzt du dann immer alleine zuhaus` und lässt mich bluten?", fragte Manfred.

Es war die letzte Frage, die Mia je gestellt wurde. Sie blieb unbeantwortet.

Es gibt Menschen. Und es gibt unsichtbare Menschen. Menschen wie Manfred.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dana Kuttenhofer).
Der Beitrag wurde von Dana Kuttenhofer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Dana Kuttenhofer als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Lebensbilder von Brigitta Firmenich



Der Gedichtband Lebensbilder lotet die Tiefe des Lebens in seiner Vielfalt aus. Die grossenteils besinnlichen Texte zeigen das Leben in verdichteter Form. Hier geht es um Liebe und Leid, Vertrauen und Schmerz, Leben und Tod. Es sind Gedichte zum Nachdenken, Texte, in denen man sich wiederfindet.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Dana Kuttenhofer

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Reizwortgeschichte Kupferkessel Kamin Katze Straße Moor von Dana Kuttenhofer (Krimi)
19“ von Klaus-D. Heid (Krimi)
Ihr Freund, der Baum von Christa Astl (Zauberhafte Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen