Simon Knopf

Goa I, vom empörten Moralisten zum abgeklärten Pragmatiker

Eine schöne Zeit sollte es werden; eine, in der ich mich ganz meiner persönlichen Entwicklung widmen wollte. Vermeintlich auf der Suche nach spiritueller Erlebnissen, wollte ich mich einerseits ganz zum Wohle vermeintlich höherer Gewalten Selbst aufgeben. Gleichzeitig war ich doch sehr von mir gefangen. Mein Selbst hatte mich quasi in Bann gezogen. Wie sollte es auch anders sein? Ich war ein junger Mann, der sich noch nicht recht gefunden hatte, geschweige denn einen Platz im Leben.
Wie so viele andere, denen es noch nicht gelungen war sich seine eigenen Bedürfnisse einzugestehen, wollte ich mein Selbst, in dem ich mich irgendwie unbehaglich fühlte, auflösen, bevor ich es überhaupt gefunden hatte. Was soll ich sagen? Mitte der 90 war die persönliche Selbstfindung, bzw. –befreiung ein verbreiteter Wunsch; verbreiteter Komplex würde es aber besser treffen.
Ich hatte mich in Ajuna gerade eingerichtet, was heißen soll, dass ich mein von Mutschi zusammengenähtes Bettlaken auf der feuchten Matte ausbreitete, mir in den ersten Tagen ein wenig die Umgebung anschaute, ein paar Strandbars ausprobierte und mit Nachbarn sprach.
Der Hund meiner Vermieterfamilie fing an Gefallen daran zu finden, mich überall hin zu begleiten, bzw. zu verfolgen. Er war dabei aber eigentlich sehr genügsam; angenehm unaufdringlich. Er wollte nicht unbedingt etwas essen, oder ständig gestreichelt werden. Er war ein toller Hund. Hätte ich das gleich zu schätzen gewusst, hätte es mir vermutlich die folgende Schande erspart. Ich aber, war, wie eigentlich immer, hin und her gerissen; wusste nicht, ob ich mich damit arrangieren, oder es besser beenden sollte, bevor ich ihn gar nicht mehr los würde.
Nachdem ich den Hund eine Weile duldete, entschloss ich mich ihn auf Distanz zu bringen. Am Strand, als ich auf dem Weg zu meiner Strandbar usw. war, gab ich ihm also Zeichen und warf ihm Sand entgegen. Auch da zeigte sich der angenehme Charakter des Hundes, denn er verstand sofort und blieb, ohne groß zu murren, zurück.
So kam es dann, dass ich nach dem Aufenthalt in der Bar weiterzog, um meinen sekundären Interessen nachzugehen. Ich wollte meinen Indienaufenthalt durch die Auseinandersetzung mit der ayurvedischen, oder einer anderen lokalen Massagetechnik bereichern. Ich zog durch die Dörfer und fragte an verschiedenen Stellen, an denen Massagen angeboten wurden, nach, ob jemand wüsste, wo ich denn Massageunterricht nehmen könnte; wer mir dazu und für relativ wenig Geld etwas beibringen könnte. Immerhin hatte ich vor etwa 3 Monate zu bleiben, falls es mir denn solange hier gefiele. In dieser Zeit, so dachte ich, könnte ich zumindest ein relativ guter Strand-Masseur werden. Ich war ja auch bereit etwas zu zahlen. Allerdings wollte ich, wenn ich schon bezahlte, am Ende auch ein Dokument haben, dass einigermaßen amtlich aussah und die Teilnahme an dem Unterricht bescheinigte. In meiner Phantasie sah ich mich an verschiedenen Stränden der Welt sitzen, ausgestattet mit dem Zertifikat eines indischen Guru, oder einer Schule. Zu meinen Füßen hübsche Touristinnen, die alle darauf warteten, dass ich sie für etwas Geld massierte. 
Als ich solchermaßen suchend im 2. Dorf ankam, hatten mich schon 2 Masseure auf einen Dr. Ban aufmerksam gemacht; angeblich der heilenden Massage durch Akupressur und -punktur fähig und als tantrischer Guru bekannt.
Diese Informationen bedenkend, begab ich mich wieder auf den Heimweg. Vermutlich hatte ich auch noch den Hund im Sinn, denn die Tatsache, dass ich ihn so rabiat wegschickte belastete doch etwas mein Gemüt. In neurotischer Manie konnte ich, und tue es immer noch zu oft,  mich in meine vergangenen Taten vertiefen und mich sozusagen vorwurfsvoll selbst zerfleischen. Als würde ich gedankliche, aber willkürliche Rituale begehen wollen, griff ich unter Umständen auch auf 20 Jahre zurückliegende vermeintliche Fehlleistungen zu. So konnte ich über ein schier endloses Repertoir verfügen. Warum ich mich so oft in diese zwanghaften Gedankenwelten begab, ist mir bis heute nicht gänzlich klar. Vielleicht liegen die Ursachen in einer frühkindlichen Prägung, oder auch woanders. Ich weigere mich allerdings, das als nur schlecht und krankhaft zu betrachten. Vielmehr vermute ich, dass ich auf diese Weise den Widerspruch zwischen Realität und den idealen Selbst- und Weltvorstellung verarbeitete. Mein bewusster Anteil daran versuchte so eine Positionierung für zukünftige, ähnliche Situationen zu vollziehen, und dabei eine bestimmte Persönlichleit zu festigen. Im Freudschen Sinne ist das wohl die Arbeit meines Alter-Ego, das versucht meine unkontrollierten triebhaften Regungen, in eine durch Gesellschaft und individuelles Leben bestimmten Zwangsjacke zu pressen und kontrollierbar zu machen.
Auch wenn dieses Verhalten nicht nur negativ ist, so stellt es dennoch eine Art der Selbstgeißelung dar. Darüber hinaus gelang es mir vermutlich nie, durch diese Denkweise mein zukünftiges Handeln zu formen, oder gar zu bestimmen. Dafür, wie ich mich in den verschiedenen Situationen verhalte, spielen die früheren Positionierungsversuche wohl nur eine untergeordnete Rolle. Ausschlaggebender ist wohl vielmehr immer mein aktuelles Befinden. Einfach gesagt: geht es mir relativ gut, gibt es wohl auch wenig Anlass mir etwas vorzuwerfen. Oder: aus dieser leidvollen Gedankenwelt heraus, wird es mir wohl nicht so gut gelingen, Taten auszuführen, die keinen neuerlichen Anlass zum Selbstvorwurf bieten.
Ich aber, warf mir also meinen Umgang mit dem Hund vor und so kam es wohl, dass mir beim weiteren umher Wandeln ein Karton in einem kleinen Rinnsal am Wegesrand auffiel, aus dem leises fiepsen zu hören war. Ich öffnete ihn und fand 4 weiblichen Welpen darin, halb in Wasser liegend und offensichtlich völlig entkräftet.  Aufgeregt und empört nahm sie mit zu meiner Unterkunft. Das sollte ich später noch bereuen, denn, soviel kann ich schon sagen, es gelang mir nicht das Leid der Tiere zu mindern, oder sie gar zu retten.
Der plumpe undurchdachte Rettungsversuch, der mit dem Kaufen einer großen Spritze und etwas Milch begann, führte mir in der Folge sowohl meine eigene Unzulänglichkeit, als auch die Unbarmherzigkeit der Natur direkt vors Auge. Der vielleicht gravierendste Fakt, der gegen diesen Rettungsversuch sprach, war die Tatsache, dass ich es meinen Gastgebern nicht zumuten konnte, in ihrem Garten Welpen groß zu ziehen, die sie gar nicht haben wollten, und die ich nicht mit nach Berlin nehmen konnte. Auch wenn ich sie nach 2-3 Monaten ausgesetzt hätte, hätten sie ohne die Bindung an ein Haus, oder eine Familie vermutlich nicht überlebt. Ein gänzlich anderer, aber noch desillusionierender Grund gegen die Rettung bestand darin, dass die Welpen schon zu schwach waren, um zu trinken. Sie nahmen die Milch nicht an.
Nach einer schlaflosen Nacht kläglichen Gewinsels war mir dann auch klar, dass wohl keiner der 4 überleben würde. Nicht klar war mir, was ich mit ihnen machen sollte. Das es das Beste wäre, wenn sie ein schmerzfreies schnelles Ende hätten, dämmerte mir. Die Verantwortung, die mit dieser Erkenntnis einher ging, war mir allerdings äußerst unangenehm. Mit sehr viel Widerwillen, widmete ich mich dann auch nur halbherzig den Überlegungen, wie man die Kleinen denn am Besten umbringen könnte. Ich dachte an das Meer; immerhin hatte ich sie auch in einem Bächlein vorgefunden. Dieser hatte allerdings so wenig Wasser geführt, dass die Tiere gerade mal nass wurden. Dass es nur 4 Weibliche waren, sprach dafür, dass evt. jemand die männlichen behalten hatte. Offensichtlich war die Entsorgung von weibchlichen Babies nicht nur bei Menschen aus Mitgiftsgründen verbreitet. Im Falle der Hunde ging es einfach nur um den Nachwuchs, den man ja eben erst bekommen hatte und auf keinen Fall schon bald wieder wollte. Was sollte man also machen? Die Sterilisation ist zu teuer, ebenso die Giftspritze. Was mich aber bei dem Fund sehr geärgert hatte, war die vermeintliche Achtlosigkeit, mit der die Tiere eben nur beinahe ertränkt worden waren. Als verweichlichter Westler, der ich trotz meiner Kindheit in Afrika offensichtlich immer noch war, konnte aber auch ich mich zu meinem großen Bedauern nicht überwinden und die Welpen töten.
Das Meer wäre sicherlich das Beste gewesen; natürlich dachte ich auch an Steine. Als ich aber beobachten musste, was den Tieren, die ich mittlerweile aus dem Zimmer auf die Veranda getragen hatte, durch die natürliche Umgebung widerfuhr, geschah mit mir noch etwas, dass ich nicht vermutet hätte. In den kleinen Wunden der Welpen hatten Fliegen ihre Eier platziert, die sich in erstaunlicher Geschwindigkeit zu Larven entwickelten. An den noch lebenden Tieren vollführte die Natur ihre grausame Arbeit – ich hatte es ihr ja nicht abnehmen können. Zu den Larven kamen auch Raben, die sich zunächst an den Augen bedienen wollten.
Besonders aus heutiger Sicht, erscheint es mir seltsam, dass ich mich in Anbetracht dieser Qualen, nicht doch überwinden und ein schnelles Ende machen konnte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich diese Anblicke, zwar anwiderten, aber auch irgendwie gleichgültiger werden ließen; ich war dabei abzustumpfen. Das führte sogar so weit, dass ich einfach nur genug hatte und die Tiere wieder in dem selben Karton außer Sichtweite brachte. Innerhalb 1 ½ Tage war ich von der Empörung über den vermeintlich unmenschlichen Tierhalter und -entsorger, über die Verzweiflung angesichts der hoffnungslosen Situation, zu der irgendwie faszinierten Abscheu vor der gnadenlosen Natur gelangen und zu einem mindestens ebenso unmenschlichen Entsorger geworden, wie der über den ich mich aufgeregt hatte. Ich wünschte mir, dass ich meinen Tag, wie den davor, mit dem Familienhund am Strand verbracht hätte und mir die dunklen Seiten der wunderschönen hiesigen Natur verborgen geblieben wären.
Die Krönung meines Versagens als Tierretter stand mir allerdings immer noch bevor. Ein Tourist aus der Nachbarschaft hatte mitbekommen, dass ich die Welpen mitgebracht hatte. Vermutlich wollte er irgendwo vor ein paar Mädels mit seiner Tierliebe prahlen, denn er war ja „bereit“ sich um 2 weitere weibliche Welpen zu kümmern, die er gefunden hatte. Nur bestand sein Kümmern darin, mir die Welpen ungefragt über den Zaun zu werfen. Als ich eines Abends nach Hause kam, fand ich dann die 2. Meine Gastgeberin konnte sich ein Lachen, angesichts meines resignierten Kopfschüttelns nicht verbergen. Ich muss zugeben, dass ich dieses Mal keine Sekunde lang überlegte, was ich nun mit diesen Beiden machen sollte. Ich setzte sie einfach ein  bisschen weiter ab.
Zu meiner Schmach waren diese Beiden Welpen schon so alt, dass sie bei Aufnahme eine gute Chance gehabt hätten. Sie waren schon etwas älter und gesund. Ich muss gestehen, dass ich nichts mehr von Welpen wissen wollte und somit auch kein Stück sinnvoll handelte. Für die hätte man jemanden Finden können. Ich hätte sie wenigstens an den Strand bringen sollen, wo andere Touristen waren. Vermutlich hätte sich jemand, der nicht so überdrüssig war wie ich, sie mitgenommen; oder ich hätte sie einfach dem Idioten, der sie mir über den Zaun geworfen hatte, zurückgeben können. Aber nein, ich wollte sie nur so schnell und unauffällig wie möglich loswerden; und das tat ich auch.
Soviel zu meiner moralischen Standfestigkeit. Weit von etwaigen Glanzstunden entfernt, haben mir diese Ereignisse doch viel über die Natur und mich gelehrt. Vielleicht weil das, was ich über mich dadurch lernen konnte, nicht besonders schmeichelhaft, dafür aber eben unverklärt und realistisch gewesen wäre, habe ich diese Ereignisse erst einmal weit in meinem Bewusstsein vergraben; umso befreiender ist es nun darüber zu schreiben.
Deutlich kann ich mich an den Blick meines Hundekumpels aus der Gastgeberfamielie erinnern. Als ich ziemlich verzweifelt am Morgen nach der ersten Nacht zusammen mit den winselnden Welpen auf der Terasse war, konnte er den Blick lange nicht von mir wenden. Deutlich sah man, wie er versuchte das Gesehene einzuschätzen. In den Augen war aber auch seine skeptiusche Angst zu erkennen. Ich hatte das Gefühl, dass sich seine Angst und sein Zweifel weniger auf die Situation und die Welpen bezog, als vioel mehr auf mich. Als wäre ihm selbst unheimlich geworden, dass er vor kurzen noch meine Nähe gesucht hatte, mied er in den verbleibenden 2 1/2 Monaten konsequenterweise meine Gegenwart.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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