Ernst Dr. Woll

Erinnerungen an das Weihnachtsfest 1938

Wenn ich als heute 83jähriger sage: „An das Weihnachtsfest vor 76 Jahren kann ich mich noch gut erinnern“, dann zeigen meine Frau und die Kinder ein ungläubiges Gesicht. Sie widersprechen nicht aber ich merke ihre Skepsis, trotzdem lassen sie mich erzählen. Ich lege deshalb so richtig los, weil ich auch merke, im Alter wird man von den Jüngeren manchmal wieder wie ein Kind behandelt, dem man bekanntlich gewisse „Spinnereien“ nachsieht.
Kurzgeschichten sollen eine kurze Einleitung haben, deshalb gleich zum ersten Fakt. Ich war Einzelkind und meine Eltern führten mit meinen Großeltern mütterlicherseits zusammen einen gemeinsamen Haushalt. Ach, war diese Vorweihnachtszeit damals immer schön! In diesem Jahr wurde sie dadurch etwas getrübt, dass wir noch nicht genau wussten wie es meiner Tante und Familie, die im Sudetenland in der Nähe von Karlsbad in Bähringen wohnte, ergeht. Im Oktober waren dort die deutschen Truppen einmarschiert und sie war mit ihrem Mann, der Tscheche und in ihrem kleinen Wohnort sozialdemokratischer Bürgermeister war, nach Prag geflüchtet. Gerade in der 1. Adventswoche erhielten wir die Nachricht, sie waren nach Bähringen zurück gegangen und mein Onkel hatte die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Sie hatten auch eine kleine Firma – Handschuhstickerei – und es war noch recht unklar welchen Repressalien sie etwa ausgesetzt worden waren.  Das Thema beherrschte die Gespräche, wenn wir an den Adventssonntagen in der guten Stube zum Kaffeetrinken zusammen saßen und die Kerzen auf dem  Adventskranz brannten. Wir hielten uns streng an die Tradition: Am 1. Advent die erste und jeden weitern bis zum 4. Adventssonntag die nächste Kerze anzuzünden. Das behielt ich in meiner Familie bis heute bei.
Trotzdem kam auch ich als Kind auf meine Kosten z. B. darüber zu sprechen, was ich mir vom Weihnachtsmann wünschte. Ich war im September in die Schule gekommen und wenn ich vorher noch mit der Aufklärung der Mär über den Weihnachtsmann Schwierigkeiten hatte,
war dieses ab diesem Zeitpunkt ausgeräumt. Die Gespräche mit den Gleichaltrigen in der Schule wandelten so manche bisherigen Glaubenssachen – Klapperstorch bringt Babys, der Osterhase legt Eier usw. – in sachliche Realitäten. Mit einem war ich aber nicht ganz einverstanden, dass unser Lehrer sagte: „Vom `Christbaum´ zu sprechen ist nicht richtig, er heißt  `Tannen- oder Weihnachtsbaum´. Auch das Weihnachtsfest beruht auf falschen historischen Annahmen, nur das Julfest zur Wintersonnenwende am 25. Dezember entspricht unserem germanischen Erbe.“ Mir gefielen aber trotzdem die christlichen Weihnachtsgeschichten, die mir meine Großmutter erzählt hatte, besser.
Auf meinem Wunschzettel an den Weihnachtsmann stand an erster Stelle: Eine elektrische Merklin Spielzeugeisenbahn mit einem Schienenkreis auf einer festen Holzplatte und einer Weiche für ein Abstellgleis. Das hatte meine Mutter für mich aufgeschrieben; wenn ich auch nicht mehr fest an den Weihnachtsmann glaubte, so war es mir doch wichtig meine Wünsche schriftlich zu übergeben. Außerdem war das Ganze mit einem besonderen Erlebnis verbunden. Ich hatte in der Vorweihnachtszeit des vorhergehenden Jahres solche Spielzeugeisenbahnen im Schaufester des großen Kaufhauses Dietz in Gera, der großen Stadt, die 20 km von meinem Heimatort entfernt ist, gesehen. Da war mein  Wunsch entbrannt und nun die Erfüllung in Frage gestellt, denn auch ich hatte vernommen, dass in diesem Kaufhaus Weihnachten 1938 keine Schaufenster mit Kinderspielzeug mehr zu betrachten sind. Weil die Besitzer Juden waren, wurden im November zur Reichs- Kristallnacht durch die SA fast alle Einrichtungen dieses Hauses zerstört. Mir kamen also tatsächlich Bedenken, dass vielleicht auch die von mir gewünschte Spielzeugeisenbahn unter den zerstörten Sachen sein könnte und der Weihnachtsmann Zulieferungsschwierigkeiten bekommt.
Besonders groß war deshalb meine Freude, als ich am Heiligen Abend zur Bescherung die Merklin Kindereisenbahn  im Wohnzimmer vorfand. Mein Vater hatte das Schienennetz auf eine Platte montiert. Auch ein maßstabgerechtes Bahnhofsgebäude mit Innenbeleuchtung fehlte nicht. Wichtig waren für mich auch die größeren Güterloren, die bei diesem Modell für den Transport von kleinen Bauklötzen usw. taugten. Alles eignete sich zum „richtigen Spielen“. Später bekam ich dann die kleinen Piko – Spielzeugeisenbahnen, bei denen sich das Spielen hauptsächlich auf das Bedienen der elektrischen Schalter beschränkte. Ich fand auf alle Fälle, meine Modelle, beginnend mit der „Holz- über die Aufzieheisenbahn“ bis hin zur größeren „Merklinbahn“, für kreatives Spielen günstiger als die Minimodelle, die ich dann ab dem 10.  Lebensjahr erhielt.
Ich erinnere mich, dass mein Vater Weihnachten 1938 sinngemäß zum Ausdruck brachte: „Ich traue den Beteuerungen Hitlers, dass er keinen Krieg will, nicht. Der gibt sich nicht mit Österreich und dem Sudetenland zufrieden.“ Dem widersprach ich, denn unser Lehrer hatte uns beigebracht, dass man unserem Führer bedingungslos vertrauen kann. Trotzdem plauderte ich in der Öffentlichkeit die Meinung meines Vaters, der  doch Recht behielt, nicht aus. Zum nächsten Weihnachtsfest war Krieg und Polen war besiegt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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