Ernst Dr. Woll

Kriegsweihnachten 1940

Was änderte sich für uns schon in den ersten  Kriegsjahren? Viel und das spürten wir bereits stark im 2. Jahr. Das Vorrangigste war dabei, dass aus fast allen Familien Väter oder Söhne  und Onkel als Soldaten eingezogen worden waren. Viele davon waren an der Front, die daheim gebliebenen Angehörigen bangten täglich, es könnte eine Nachricht kommen, dass ein Familienmitglied gefallen, vermisst oder verwundet worden sei. Unser Postbote, ein Bekannter unserer Familie, sagte 1940: „Ich habe früher meinen Dienst gern gemacht, weil ich sehr oft freudige Nachrichten überbringen konnte. Heute erkenne ich schon äußerlich die Briefe mit schrecklichen Mitteilungen und bin immer bestürzt und traurig, wenn ich nach der Übergabe einer schlimmen Botschaft das Schluchzen und Weinen vernehmen und erleben muss.  Besonders schwer fällt mir das alles in der Weihnachtszeit, in der es leider auch keine Pause für das Sterben im Krieg gibt.“
    Ich besuchte damals die 3. Klasse der Volksschule und höre unseren Lehrer, einen überzeugten Nationalsozialisten, noch sagen:  „Unsere Soldaten fallen auf dem Feld der Ehre für Führer, Volk und Vaterland“. Alle diese damaligen hohlen Propagandasprüche prägten sich mir derart ein, dass sie bis heute, nach mehr als 70 Jahren, in meinem Gedächtnis blieben.
    Eine weitere Veränderung unseres Alltagslebens zur 2. Kriegsweihnacht war die Verdunkelung. Weihnachten war immer verbunden mit dem brennenden Lichtern auf Tannenbäumen und beleuchteten Weihnachtskrippen auch auf öffentlichen Plätzen. All das konnte nicht mehr sein, ja, auch aus den Fenstern aller Zimmer, in denen nur Advents- oder Christbaumkerzen brannten, durfte kein Lichtstrahl nach draußen dringen. Die Block- und Luftschutzwarte gingen  durch die Straßen und bei Verstößen waren Strafen zu erwarten. In den weihnachtlich geschmückten Schaufenstern der Geschäfte fehlte das Licht. Weihnachten war außerhalb der Wohnungen ein Fest der Dunkelheit geworden.
    Die Wahrsagerei bekam zu jener Zeit besonders zu Weihnachten Hochkonjunktur, weil die Leute zum Fest der Freude  wissen wollten, wie es ihren Lieben an der Front ergeht, ob der  Krieg bald zu Ende sein wird und vieles andere mehr. So waren u. a. auch die Unter- oder Raunächte  dazu geeignet durch allerlei Bräuche und Orakelbefragungen zu erfahren, was im kommenden Jahr Gutes oder Schlimmes auf den Einzelnen und unser Land zukommt. Ich hörte damals von älteren abergläubischen Leuten, dass Träume in den Unternächten Bedeutung für Ereignisse im kommenden Jahr hätten. So sollte das in der 1. Unternacht geträumte für Januar gelten und jede weitere Nacht für die noch folgenden 11 Monate ebensolche Vorhersagen möglich machen. Eine Frau in unserer Nachbarschaft, die sich auch Geld mit „Kartenlegen“ verdiente, traf damals einige Vorhersagen deren Erfüllung mich tatsächlich in Erstaunen setzte. Mein Großvater, der sich hin und wieder mit dieser angeblichen Hellseherin unterhielt, nannte sie eine Spinnerin. Er las viel in der Bibel, hatte einen festen christlichen Glauben und verurteilte den Aberglauben, indem er auch sagte: „Aberglaube ist der Teufel des Glaubens.“ Allerdings schockte diese Wahrsagerin damals mit einer eingetroffenen Vorhersage mich und viele meines Heimatortes. Wenn ich in späteren Jahren und bis heute behauptete, mich noch an diese sensationelle Prophezeiung zu erinnern, wurde auch mir teilweise nicht geglaubt. Trotzdem schildere ich das Ganze detailliert in Verbindung mit meinem Erleben zur Weihnacht 1940, auch auf die Gefahr hin als Angeber oder gar Lügner abgestempelt zu werden.
    Die Unternächte beginnen  in der Nacht vom 21.zum 22. Dezember, das war im Jahre 1940 die Nacht von einem Samstag zum Sonntag, wobei dieser gleichzeitig der 4. Advent war. Am Heiligabend, dann ein Dienstag, war ich hoch erfreut, weil die Weihnachtsgeschenke doch nicht so mager ausfielen, wie es wegen des Krieges zu erwarten gewesen wäre. Die elektrische Spielzeugeisenbahn mit viel Zubehör war in der Wohnstube neben dem Tannenbaum aufgebaut. Auch die Schneeschuhe (1,90 m Bretter mit Riemenbindung), die ich mir gewünscht hatte, gehörten zu meinen Geschenken. Während der Feiertage spielte ich ganz intensiv mit dieser Eisenbahn, so dass meine Mutter mehrmals schimpfte, weil ich für nichts anderes mehr Interesse und Sinn hatte, selbst die Mahlzeiten nahm ich nur hastig ein. Der 3. Weihnachtsfeiertag – eine Bezeichnung, die nur in unserer Gegend üblich war -  fiel dann auf einen Freitag; diesen und den folgenden Samstag nahmen  die meisten Arbeiter und Angestellten noch als Urlaubstage. An diesen mehreren hintereinander freien Tagen war der Stammtisch in unserer örtlichen Gasstätte immer gut besucht.  
    Mein Vater, der dort nicht fehlen wollte kam am Sonntag nach Weihnachten erst gegen 14,00 Uhr leicht angeheitert – keinesfalls betrunken – nach hause und meine Mutter war etwas sauer, weil schon seit 12,00 Uhr das Mittagessen fertig war. Er begann gleich lächelnd zu erzählen und meine Oma sagte: „Schwiegersohn, du hast wieder `Quasselwasser´ getrunken“.  So sagten wir, wenn „Angeheiterte“ viel schwadronierten. Wir waren immer eine größere Tischrunde, denn meine Eltern führten mit meinen Großeltern einen gemeinsamen Haushalt. Das war damals noch weit verbreitet, dass die Generationen im gemeinsamen Haus auch gemeinsam gewirtschaftet, gegessen und gefeiert haben.
    Ich bringe die damaligen Erzählungen meines Vaters und weitere Dialoge vorwiegend in wörtlicher Rede. Dabei kann ich mich nur dafür verbürgen, dass die Darstellungen alle wichtigen inhaltlichen Fakten sinngemäß  wiedergeben, es  können aber durchaus spätere Gedanken und Erinnerungen einfließen. Ich habe damals – weil auch zu jung - leider kein Tagebuch geführt und es wurde auch in den Familien  nur sehr wenig aufgeschrieben.
     Mein Vater begann zu berichten: „Heute waren die  Gespräche am Stammtisch hochinteressant. Der Bauer J führte wie immer das Wort und erzählte, was er mit der Wahrsagerin in unserem Ort erlebt hatte. Am Samstag früh gegen 7,00 Uhr war sie auf seinen Hof erschienen und wollte vom „Erstgemelk“  der Kuh, die in der vergangenen Nacht ein Bullenkalb geworfen hatte eine Tasse voll haben. Er behauptete, dass sie keinesfalls von dieser Geburt etwas erfahren haben konnte nun aber alles in Einzelheiten wusste. Wir begannen alle schon zu spötteln und zu zweifeln; wir dachten er bindet uns wieder einen Bären auf. Doch was er weiter vorbrachte ließ uns aufhorchen. Die Frau hatte in der vergangenen Nacht – also in der 6. Unternacht,  die für den Juni zutrifft - geträumt, dass der Krieg noch viele Jahre dauern würde und dass in diesem kommenden Monat – also Mitte des Jahres 1941 - ein fürchterliches  Ereignis eintreten würde. Der Hitler greift Russland an und zur nächsten Weihnacht werden in diesem großen Land alle Soldaten sehr frieren! Daraus ergab sich eine hitzige Debatte. Ein junger Mann, der bekanntlich ein strammer SA – Mann ist, widersprach sofort und meinte, dass der Führer nie wortbrüchig würde und den Nichtangriffspakt mit Russland niemals verletze. Ich glaube auch nicht an die Worte der Hellseherin, verließ aber lieber die Runde, weil mir die Gespräche auch politisch zu gefährlich wurden.“
   Mein 78jähriger Großvater sagte dazu nur: „Na, da schreiben wir das von dieser Frau Gesagte mal in den neuen Kalender, dann können wir nächsten Juni kontrollieren, ob sie Recht oder Unrecht hatte.“ Und Weihnachten 1941 war tatsächlich schon ein halbes Jahr Krieg mit Russland, wo der sehr kalte Winter den Soldaten viel zu schaffen machte! Ob mein Großvater, der ja den Abglauben ablehnte, nach dieser Bestätigung einer Vorhersage seine Meinung änderte, weiß ich nicht mehr - er starb 1945.   
    Ich Neunjähriger verließ damals schnell die Mittagstischrunde, denn mir war das Ganze zu kompliziert. Erfreulicher Weise gab es seit November in unserer Gegend bei einer Höhenlage von mehr al 300 m über NN Schnee. Ich konnte also meine Schneeschuhe ausprobieren! Gerade heute, am 16. Dezember, hörte ich wieder im Wetterbericht in der Vorhersage, dass es auch dieses Weihnachten in Höhenlagen unter 500 m höchstwahrscheinlich wieder keinen Schnee geben wird. An solche milden Winter - fast ohne Schnee - wie in den letzten Jahren kann ich mich während meiner Kindheit nicht erinnern.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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