Bernd Möller

Weihnacht-Spaziergang

Erzählung zum Thema Einsamkeit

 

Gewidmet allen 'Heimatlosen, Namenlosen, Verstoßenen und Missachteten' zu Weihnachten. Der anderen Seite unserer 'bunten Glitzer-Gesellschaft' ... vor der wir alle gern die Augen verschließen. 
 
Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus.
Sinnend geh ich durch die Gassen, alles sieht so festlich aus ... 

 
Von wegen! 
Obwohl, die Strassen sind wirklich leer. Still ist es auch. Stimmt schon, irgendwie. Aber ich kann nicht sagen, dass ich das festlich - oder gar romantisch finde.

Im Gegenteil.
Mir geht’s sogar richtig dreckig dabei!
Ich gehe nicht 'Sinnend durch die Gassen'.
Ich renne ziel- und heimatlos hier rum.
Weiß nicht wo ich hin soll - an so einem Tag. 
Mist, langsam wirds nasskalt –
Nieselregen statt Schnee. Hab ja noch nicht mal richtige Klamotten oder Schuhe – für dies Wetter.

Bin irgendwie am Bahnhof gelandet.
S-Bahn nach Hamburg – keine Ahnung wozu, ist warm da drin. Fahrkarte? Nee, heute nicht, kommt eh keine Kontrolle – sind alle bei der Familie.

Fest der Familie eben, hab ich aber nicht – nichts hab ich. Ein möbliertes Zimmer, über der Küche meines Meisters, das hab ich. Bett, Stuhl, Tisch und Schrank – das wars.

Damenbesuch verboten - auch das noch!
Nicht mal Musik kann ich anmachen, ohne das es Streit und Ärger gibt – der Sack. Und dann, am nächstenTag auf der Arbeit, den ganzen Tag sein dummes Gelaber. Wie laut ich wieder war! Wohnen und arbeiten unter einem Dach – tolle Idee. Na ja, war nicht meine gewesen – diese Idee.

Nee, sicher nicht.
Hatte ich dem Heimleiter zu verdanken. (na ja - mir selbst, stimmt schon) Sein großer Tag, als ich endlich mit der Lehre fertig war. Am selben Tag noch musste ich zu ihm ins Büro.
"In einer Woche bist du spätestens hier raus. Und dann Hausverbot – Lebenslang".

Er hatte es genossen! - Warum?
Seine ganz private Rache – ist ne andere Geschichte, das mit Susi – seiner Geliebten und mir ... konnte ich nichts gegen machen, war mir auch klar – Hausrecht und so.

Tja, das war im August -
dann hat Rolfie mit meinem Meister den Deal gemacht. Da haben wir jetzt also den Salat. Nichts hab ich mehr – kein Zufluchtsort.

"Hamburg Hauptbahnhof – Sie haben Anschluss an die U3, U4 und S1, S2" – dröhnt es, schwer verständlich, aus den Bahnhofslautsprechern.

Ich bleib sitzen, bis Aumühle geht es noch weiter. Einfach treiben lassen, Zeit totschlagen - egal wie. Warm ist es, und leer - hab noch immer das Abteil für mich allein. Heiligabend eben - nirgends was los.

Wohin also – statt S-Bahn fahren?
Nee, Rolfie geht nicht – der hat Dienst im Heim, da darf ich nicht hin.
Der Heimleiter ruft gleich die Bullen - schon getestet.

Mein ganzes Leben lang waren an diesem Tag immer viele Menschen, andere Kinder um mich herum. Und jetzt?

Alles weg, menschenleere Welt.

War kein großer Umzug – seinerzeit.
Ein paar Hosen, paar Hemden, etwas Unterwäsche, Pullis, zwei Paar Schuhe und ne Jacke - mehr hab ich nicht. Ach doch – einen Plattenspieler hab ich. Nichts dolles, aber immerhin - ein Geschenk von der Nachtwache im Heim. Verstehe ich immer noch nicht, warum diese Frau mich so mochte. Das sie mir den schenkte!?
Hab mich zu ihr ins Büro gesetzt, irgendwann mal, und mit ihr geredet. Das gefiel ihr, war ne nette ältere Dame - ging auf die sechzig zu. Sie liebte unsere Unterhaltungen, mehr als ihre Romane. Hat mich oft mit runter genommen ins Büro - wenn alle Anderen schliefen. Ich schlief eh nie viel - fiese Träume und so – ewig schon.

Ich mochte sie - wie ne Oma eben, die ich auch nie hatte.
So schenkte sie mir den Plattendreher zum Abschied – sie vermisste mich bestimmt.

Aber was nützt ein Plattendreher, wenn man nur Ärger bekommt – sobald der mal an ist? Fernseher hatte ich gar nicht.

Und - sonst noch was wichtiges dies Jahr?
Oh ja - ich weiß wer meine Mutter ist – endlich! Eines Nachts hab ich mich 'illegal' ins Büro gesetzt ... die Nachtwache war krank, nicht da. Meine Akte gelesen – komplett, die ganze Nacht durch. So erfahren wie meine Mutter heißt – woher sie kommt – mein Ursprung eben.

"Aumühle, Endstation, bitte alle Aussteigen – der Zug endet hier", quäkt der Bahnhofslautsprecher vor sich hin. Wisch mir die Tränen weg und steige um - in die erste Klasse. Keine Angst vor Kontrolle? Und wenn schon - die würden gnädig sein, an so einem Tag - Heiligabend. Jetzt also wieder zurück – die ganze Strecke rückwärts.

Scheiße ... meine Mutter - ein Stück Papier, ein Name nur. Kein Geruch, kein Geschmack, kein Bild, keine Erinnerungen ... Nichts!

Und, was war sonst noch?
Nicht viel!

Eine 'Alte' hab ich zur Zeit nicht. Bin unglücklich verliebt, bis über beide Ohren. Marianne, Walters Freundin – könnte meine 'erste große Liebe' sein. Nee, ne 'Alte' vom Freund angraben – geht gar nicht, 'Männer-Ehre'!
Tat schön weh, die Beiden zu sehen – wenn sie sich knutschten und so. Aber egal, bin Rudi Knallhart – mein Spitzname Tischler – ein Leben lang[?].

1972, Weihnachten.
Mein letztes, für immer – ich schwöre!

Zeit vergeht – zieht sich zäh wie heißer Teer dahin.

Bin hin und her gefahren, immer wieder.
Fast immer das leere Abteil, so gut wie keine Menschen unterwegs. Nur ein paar Arbeiter – irgendwann abends, Schichtwechsel im Hafen. Keine Ahnung wann, hab keine Uhr um – bin Zeitlos.

Marianne – süße kleine Narbe an der Oberlippe, vom Vater im Suff ... Diese Augen ... grün ...

Eintöniges Rattern der Bahn, Dunkelheit draußen – nichts zu erkennen ...
Eine leere Welt, nur der S-Bahnwagen, meine Gedanken und ich.

Letzte Bahn kommt um 0.32 Uhr wieder 'Zuhause' an. Feierabend, aus die Maus. Bin dann auf meine Bude zurück, war ja alles dunkel im Haus – Endlich!

Keine Weihnachtslieder mehr, die hoch zu mir dröhnen, mich quälen. Mir klar machen, wie einsam und verlassen ich bin! Überflüssig, störend, unerwünscht - mein ganzes Leben schon.

Egal, zwei Tage noch, dann ist Weihnachten vorbei – ENDLICH !!!

"...eh Alter? – – Gehts wieder, alles unter Kontrolle?".
"Tischler?", ruft mein Ego mich zurück aus den Gedanken, passt auf mich auf.

"Yep, aber Weihnachten - mit mir nie wieder, nicht mit mir – echt nicht, tat einfach zu weh", quäle ich mir mühsam ab.  

 
Anmerkung:
Weihnachten allein – Versuch es Dir vorzustellen, dass es Dir passiert ...
Also, lasst keinen hängen - ob Bruder, Schwester, Vater, Mutter, Opa, Oma - Verwandte oder Freunde – unwichtig, der alte Streit!


Tischler sagt:
"Ich habe mir gegenüber Wort gehalten! Weihnachten - für mich gab es das nie wieder."

 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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