Bernd Möller

Das Geschenk


Tagebuch zum Thema Weihnachten
 

Mal sehen, ob ich das alles noch so recht zusammen bekomme?
Also, 1967 und mal wieder Weihnachten. Nichts für mich, ich mach mir offiziell nichts daraus, aber hier egal. 

Zeit für die Wunschzettel ...
die mussten rechtzeitig abgegeben werden, damit der Weihnachtmann die Geschenke besorgen kann ... Was soll man sich denn schon wünschen, wenn man alles hat was man braucht? Meine Fußballschuhe sind Top und passen noch Jahre, da ich nicht wachse. Der Ball ist auch ganz OK, wenn auch viel zu schwer bei Regen. Ist halt noch ein echter Lederball. 


Was kann man den sonst noch brauchen?
Ha, wahnwitzig - da es nicht genug Kohle dafür gibt, aber einen eigenen Fotoapparat, dass wäre doch was. Bisher durfte ich den von meinem Erzieher Rolfie benutzen, aber der war sehr pingelig damit. Immer nur in seinem Beisein durfte ich den benutzen. Aber ich wollte doch auf meinen Touren in der Umgebung Fotos machen. Wenn ich heimlich an meinem See war, oder in dem kleinen Wäldchen dahinter. 


Dann man zu. 
Schnell, bevor ich mir das anders überlegen kann, habe ich das frech auf meinen Wunschzettel gesetzt. Nein, ich will niemanden damit ärgern. Nicht deshalb, ich hätte wirklich gerne so ein Ding gehabt. Muss ja nichts Besonderes sein. Von mir aus auch ohne Zeiss-Objektiv. Hauptsache meiner! 

Tage später: 

Schule, habe ich noch nicht erwähnt, findet aber leider auch statt.
Wie der Teufel das so will, habe ich mit dem Laden eh nicht viel am Hut und treibe mich lieber rum. Scheiß auf Konsequenzen! Wird schon werden – nur nicht sitzen bleiben. Die blöde Kuh von Lehrerin hatte einen 'Blauen Brief' geschickt. Rolfie schäumte vor Wut, und droht "...du wirst schon noch sehen, was du davon hast!". Er wollte einfach nicht verstehen, dass es bei mir nichts mehr brachte. Immer redete er auf mich ein, von wegen "ohne Schulabschluss keine Lehrstelle" und so ein Zeug. Und sowas wie - "das ich doch viel zu schlau wäre, um mich so zu verhalten". Nicht, dass ich ihn nicht verstanden hätte, aber ich habe mich von meinem Erlebnis mit 'dem ersten Zeugnis' nie wieder erholt. Die Schule war schuld an meinem Unglück. Hätte ich kein so ‚gutes Zeugnis’ damals bekommen, wäre diese Geschichte nie passiert. So mein Denkschemata. Ich würde schon kein 'gutes Zeugnis' mehr mitbringen, das stand fest für mich. Nur nicht sitzen bleiben, wegen dem guten Ruf, das reicht mir! 


Na ja, lange Rede... Heilig Abend: 
Angespannte Stimmung im Gruppenraum. Ein Berg von Geschenken, lecker Essen und Kuchen und so ein Zeug. Weihnachten eben. 

Das gab es auch bei uns im Heim. 
Mit richtig leuchtenden Augen bei den Kindern – manche voller Tränen und Schmerz, da sie ihr Zuhause so sehr vermissten. 

Egal wie scheiße die Eltern auch immer zu ihnen waren ... 
Weihnachten ist Weihnachten. 

Rolfie machte die blöde Platte mit den bescheuerten Weihnachtsliedern an, und machte sich daran die Geschenke zu verteilen. Der Berg wurde immer kleiner, und ich war immer noch nicht dran gewesen. 

Was soll das denn? 
Will der mich schon wieder auf die Schippe nehmen? 
Kam schon öfter mal vor, dass er mich gern ärgerte. 

Aber ausgerechnet heute... an Weihnachten? 

Nun war ich dran – als letzter. 
Ganz laut und extra betont, damit auch jeder seine Geschenke Geschenke sein ließ, rief er mich zu sich - um mir mein Geschenk zu überreichen. 

Dieser Drecksack! 
Wenn er es wenigstens nebenbei gemacht hätte.Einfach meine Stellung in der Gruppe zu untergraben, indem er mich der Lächerlichkeit preisgibt! 

Ein 'tolles' Geschenk war das, was er mir da in die Hand gedrückt hat. 

Lang und eher dünn. Was kann denn da wohl drin sein? 
Mein Pech war nur, dass sich das die anderen neun Kinder der Gruppe auch fragten, und die Augen nicht eine Sekunde von mir ließen. Ich riss das Papier betont gelangweilt auf – ich hasse Weihnachten und will so ein scheiß sentimentales Getue nicht – und bin völlig entsetzt. 

Das hat der doch nicht ernst gemeint? 
Ungläubig drehe ich mich zu Rolfie hin, und versuche in seinem Gesicht seine üblichen Grübchen zu sehen – die hatte er immer, wenn er jemanden verarschte. Nichts – Todernst schaut der mich an. Kein Grinsen – kein 'jetzt hast du dich aber erschrocken' Gesichtsausdruck! Der Arsch meinte das Todernst! 

Das gibt Rache du Sau! 
Jetzt erst mal nichts anmerken lassen – alle anderen aus der Gruppe fangen an vor Freude zu grölen, feixen und gackern sich einen zurecht. Ich also ganz artig: "Danke Herr Gemm, für das schöne Geschenk", wende mich ab, und dem Kuchen zu. 

Aber mein Hirn rattert und knattert munter drauf los. Wie diese Schmach und Niederlage in einen Gewinn ummünzen? Eine Idee – Ich brauche jetzt unbedingt einen guten Einfall! 

Ob er denn einen Nagel und Hammer für mich hätte, fragte ich Rolfie. So sollte der Hund mir nicht davon kommen. Was für ein Spaß für den Sack. Ob ich noch einen Moment Geduld hätte, er würde gleich mal nach oben auf sein Zimmer gehen und mir einen holen. Das war alles, was von ihm kam. Kein 'was willst du damit' oder 'wozu brauchst du den'. 

Da saß Rolfie auf seinem hohen Ross und schaute auf mich herab.
Er hatte mir ja schon immer versprochen, dass er am längeren Hebel sitzen würde. Ich sollte man nicht immer so übertrieben, sonst würde es noch mal ein böses Ende nehmen! 


Wie auch immer, ich habe mein Weihnachtsgeschenk mit WÜRDE ertragen. 
Ich habe eine Spraydose Goldfarbe besorgt. Ich habe, gegen alle Regeln, einen Nagel an meinem Bett in die Wand gedroschen. Ich habe die RUTE da hingehängt - Und bei TODESSTRAFE verboten, dass sie auch nur irgend ein anderer aus der Gruppe sie auch nur anaucht – vom Anfassen ganz zu schweigen! 

Ostern kam Rolfie dann mit der Kamera [mein Weihnachtsgeschenk] an.
Er hatte von seiner Kohle was drauf gelegt, und so hatte das Geld dann doch dafür gereicht. Sogar mit Zeiss-Objektiv. 


Anmerkung: 
Der Erzähler sagt: "JA – mein Erzieher Rolfie! Der konnte schon geil mit Kindern umgehen".

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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