Horst Werner Bracker

. . . das Dreieck des Bösen

 

Ein Ort, eine Landschaft, ist wie ein vertrauter Freund. Wenn wir ihn kennen, haben wir das Gefühl, das er uns liebt und auf uns aufpasst. Wenn wir den Ort aber nicht kennen, kommt er uns oft gefährlich und feindselig gesinnt vor.
Weltweit gibt es Orte, bei dessen Anblick wir sofort in: ´Hab-Acht-Stellung´ gehen. Es sind düstere Teile einer Landschaft ohne Harmonie. Orte, wo man sich nicht unnötig aufhält, geschweige denn, Leben möchte. Bei ihren bloßen Anblick, entdecken wir sofort potenzielle Gefahren Quellen, die uns Angst machen. Eine latente Gefahr scheint von ihnen auszugehen. Solche unästhetischen und disharmonischen Orte sind uns in höchstem Maße suspekt. Sie stehen unseren Sicherheit Bedürfnissen diametral entgegen. Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion als ein die Sinne schärfender Schutzmechanismus, der in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (etwa Vermeidung) einleitet.
Es gibt weltweit solche düsteren Orte: Die Asphaltgruben in den USA Los Angeles /La Brea, die Mahl Sande in Flussdeltas in den USA und England, Moore und Sümpfe in Europa und Deutschland, die Nordspitze von Sylt, wo gigantische Wassermassen bei Ebbe und Flut gewaltige Strömungen verursachen. Das ´Tiefe Brack´, gehört mit seiner eiskalten Quelle und zwanzig Meter tiefe, seiner gruseligen Düsternis und Vergangenheit Geschichte, auch dazu.

 

Das Dreieck des Bösen

Wie ein gewaltiges Spinnennetz liegt dichter Nebel über das stille Marschenland. Seit nahezu zwei Wochen hält grauer, extrem nasser Nebel der Marsch in stiller Melancholie gefangen. Unter der dichten Nebelglocke schlägt alle Lebensfreude in Trübsinn und Trostlosigkeit um und lässt keine Fröhlichkeit oder Hochgefühl aufkommen. Wie der Wasserdampf eines riesigen Kochtopfes wabert Nebel über die düstere, schwarze Wasserfläche des ´Tiefen Bracks´. Die mächtigen, dreihundert Jahre alten Eschen, die, die Ufer des ´Tiefen Bracks´ umgrenzten, haben ihre breit ausladenden Äste weit über die Wasserfläche und des Feldweges ausgebreitet. Auf der gegenüberliegenden Seite des Feldweges liegt das ´Stille Brack´. Auch hier dominieren, gewaltige Jahrhunderte alte und vierzig Meter hohe Eschen das abgrundtiefe, morastige ´Stille Brack´. Ihre hohen Wipfel ragen unsichtbar im grauen Einerlei des Nebels empor. Die mächtigen Baumkronen schirmen das Tageslicht ab. Es ist still, kein Laut, keine Vogelstimme ist zu hören.
Beklemmende Düsternis liegt über diesen Ort. Der selbst bei Sonnenschein von Düsternis und Dämmerlicht umgeben ist. Dieser Ort wird von den Bewohnern des Dorfes tunlichst gemieden. Allerlei Mythen aus Urreligionen und Mystik wird mit dieser düsteren Landschaft für geheimnisvolle Begebenheiten, die sich hier immer wieder abgespielt haben, in Verbindung gebracht.
„Hier wohnt das Böse!“, sagen die Menschen des nahen Dorfs. Hier geht der Teufel in der Nacht schwimmen und lockt mit lieblichem Flötenspiel verlorene Seelen. Nachts, bei Vollmond, hört man das Gelächter und Gejohle des Teufels und seine Scheusale und Xanthippen bis ins Dorf. Dann verschließen die Bewohner ängstlich ihre Türen und verhängen die Fenster.
Erst vor kurzem hat es wieder so einen mysteriösen Fall gegeben. Als ein Bauer mit seinen Pferdewagen den Gestberg hinunter fuhr und am Brack vorbeikam, scheuten plötzlich die Pferde. In wilden Galopp rasten sie am Brack vorbei, bis ein Wassergraben die Stampede stoppte.
Im ´Tiefen Brack´ trieb eine junge Frau, bäuchlings im eisigen Wasser. Ihr langes, rotes Haar wallte im leichten Wellenspiel, wie feiner roten Meeres Tang. Die Dorffeuerwehr zog die ertrunkene Frau mit langen Stangen aus ihrem nassen Grab. Erst fünf Jahre später, lüftete sich das Geheimnis um den Tod des Jungen Frau: Ein Bauer hatte die junge Magd geschwängert. Als sie ihm sagte, dass sie ein Kind von ihm erwartete, hatte er sie verstoßen und vom Hof gejagt. Aus purer Verzweiflung, war sie ins Wasser gegangen.

In unmittelbarer Nähe der Bracks, gab es noch zwei Orte, die für den schlechten Ruf dieses düsteren Ortes beitrugen. Diese drei Orte bildeten ein Dreieck und wurden das ´Dreieck des Bösen´ genannt. Auf einer verbuschten Wiese, wo überwiegend Binsen wuchsen, stehen in einem Halbrund fünf uralte Linden. Etwas abseits davon, eine einzelne Linde. Hier wurde in früheren Zeiten Gericht gehalten. Die zum Tode verurteilten, wurden an der einzelnen ´Galgen Linde´, kurzerhand gehängt. In finsteren Herbstnächten, so sagt die Legende, versammeln sich die Gehängten bei den Gerichtslinden. Aus Ihren grünen Phosphoreszierten Körpern hallen klagende Laute durch die finstere Nacht, die weit ins Land zu hören sind.
Einen Steinwurf von den ´Gerichtslinden´, stehen auf einer sumpfigen Wiese die Reste einer Ruine. Hier stand vor zweihundert Jahren ein Bauernhof. An den breiten Graben, der die Wiese umgibt, stehen zwei uralte Kopfweiden. Die eine Kopfweide ist breit und von geringer Höhe und hat das Aussehen, eines unförmig, gewachsenen Pilzes. Die andere Kopfweide ragt hoch auf, hat sich jedoch im Laufe der vergangenen Jahrzehnte, weit über den Graben geneigt. In ihren hohlen Innern, wohnen Eulen. Ihre unheimlichen Rufe Bubuuh! Bubuuh! , lassen augenblicklich das Blut der abergläubischen Dorfbewohner in den Adern gefrieren. Was es mit den zwei Kopfweiden für eine Bewandtnis hat, erzählt die schaurig, schöne Legende:


Die Kopfweiden

Einst lebten am Rande eines kleinen Dorfes zwei Brüder. Der Eine war lang und dürr und der Andere war klein und von gedrungener Gestalt. Beide hatten keine Lust zu Arbeiten. Und so sah das kleine Gehöft, auf das beide lebten, schmutzig und verwahrlost aus. Die Kuh gibt keine Milch mehr, die Hühner legen keine Eier und auf den Feldern wächst kein Korn mehr, jammerten beide mit weinerlicher Stimme und hielten sich die knurrenden Bäuche.
"Ich habe Hunger und würde meine Seele geben für einen gedeckten Tisch!",klagte der Kleine. Der lange Dürre erhob sich von seinem Bett, auf dass er schon den ganzen Tag gelegen hatte und jammerte und stöhnte mit brummiger Stimme, "Das Bett ist hart und feucht ich kann nicht mehr schlafen. Alle Knochen tun mir weh. Ich würde meine Seele geben für ein weiches Bett!" Sie brummten beide ärgerlich vor sich hin und zündeten sich die Pfeifen an. Eine Weile saßen beide still da und schmauchten vor sich hin. Sie dachten über ihr missliches Schicksal nach und wie sie es ändern könnten. Aber solange sie auch hin und her überlegten, ihnen fiel keine Lösung ein. Seit dem schrecklichen Unfall, bei dem beide Eltern ums Leben kamen, ging es mit dem Hof bergab. Ach, wie geht es uns doch so schlecht. Wie sind wir doch so arm dran, jammerten beide wie im Chor und schlugen die Hände vors Gesicht. Auf die befreiende und alles ändernde Erkenntnis ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, kamen sie nicht. Mittlerweile war es Abend geworden. Der Himmel war mit schwarzen Wolken verhangen. Der Wind heulte fauchend ums Gehöft und rüttelte an den Fensterläden. In der Ferne zuckten erste Blitze durch die Nacht und das dumpfe grollend des Donners, drang schaurig bis in die rußgeschwärzte Wohnstube.
Eben hatte die alte Wanduhr die zwölfte Stunde geschlagen, als lautes Klopfen an der Haustür zu hören war. Die beiden Brüder schauten sich erschrocken an, denn sie waren ängstlich und Feig von Natur aus.
„Wer mag das wohl sein?“, fragte der Kleinere und horchte zur Tür hin.
„Keine Ahnung!“ antwortete der Dürre und seine Stimme klang zittrig. Beide hockten sich auf die Ofenbank. Sie wagten kaum zu atmen und verhielten sich ganz still. Sie meinten der Einlass begehrende würde weiter ziehen und glauben, es sei niemand zu Haus. Als das Klopfen aber nicht nachließ, sondern lauter und energischer wurde, nahm sich der Dürre ein Herz und schaute mit Schweißnasser Stirn und zittrigen Beinen aus dem Fenster. Vor der Tür stand eine schwarz vermummte Gestalt. Das Gesicht konnte er nicht erkennen aber er meinte, es müsste der Müller aus dem Dorfe sein. So ging er erleichtert zur Tür. Doch es war nicht der Müller. Ein Fremder von großer, kräftiger Gestalt stand vor der Tür. Ohne viel Aufheben, schob der Fremde den Dürren bei Seite und trat ins Haus.
„Hab Dank!“, sagte der Fremde als er in die Wohnstube stand und sich die klammen Finger am Ofenfeuer wärmten.
„Verdammtes Sauwetter das! Werde bei euch übernachten müssen. Hoffe ich bin euch willkommen?“
Er schaute die beiden Brüder mit durchdringenden Blicken an und strich sich über den schwarzen Bart. Die beiden Brüder hatten sich auf der Ofenbank verkrochen und wagten nicht, zu widersprechen. Sie nickten nur heftig mit den Köpfen.
Nachdem der Fremde sieh ausgiebig gewärmt hatte, trat er an den großen Eichentisch der mitten in der Wohnstube stand. Breitete ein großes, rotes Taschentuch darauf aus und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Plötzlich, war der Tisch mit den herrlichsten Speisen gedeckt. Fast so, wie in dem bekannten Märchen ´Tischlein- deck- dich´. So kommt hervor aus eurer Ecken und esst und trinkt mit mir, sagte der Fremde mit lauter Stimme. Seine schwarzen Augen begannen zu glimmen wie glühende Kohle. Die beiden Brüder waren zusammen gezuckt, ließen sich aber nicht lange nötigen. Zu groß war ihr Hunger. Sie aßen und tranken so lange, bis sie nicht mehr konnten und furchtbar müde wurden. Darauf schien der Fremde nur gewartet zu haben. Ein triumphierendes Lachen spielte um seinen großen Mund und ließ ihn noch furchtbarer aussehen. Er holte zwei rote Taschentücher aus seiner Manteltasche, breitete sie auf den Fußboden aus und murmelte wieder einen unverständlichen Spruch. Zwei herrliche, weiche Betten standen in der Stube. Die Brüder staunten zwar sehr, waren aber vom vielen (Essen) zu träge und müde, als dass sie lange nachdächten. Sie warfen sich gleich auf die Betten und waren bald eingeschlafen. Der Fremde aber lachte schallend, als er die beiden Brüder schnarchen hörte und brannte ihnen das Zeichen des Teufels auf die Stirne. Doch kaum war das Geschehen, schlug mit einen furchtbaren Donner ein Blitz in das Gehöft ein. Eine mächtige Stimme erklang in der Wohnstube und rief, verdammt sollt ihr sein, die ihr euch dem Teufel verschriebt. In Kopfweiden will ich euch verwandeln bis zu den Tag wo das Jüngste Gericht über die Erde kommen wird! Kaum waren die letzten Worte verhallt,- waren die beiden Brüder verschwunden. Ein mächtiges Feuer vernichtete das kleine Gehöft. Noch heute stehen die beiden Kopfweiden an den Wassergraben,- auf dessen Grund man noch heute in einer Gewitternacht, das vermummte Gesicht des Fremden in Phosphoreszierendem Licht, sehen kann.

8.1.2015
H.W.B.

 

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