Olaf Kühl-Freudenstein

Vom unerwarteten Glück, in einer Schlange zu stehen..

Ende Dezember bin ich mit Frau und Kind nach Amsterdam gefahren. Ich war lange nicht mehr in der alten Grachtenstadt, das letzte Mal vor ca. 30 Jahren (damals hatte ich mit Kumpel Sven auf einer Interrail-Tour kurz Stopp in der Tulpenstadt gemacht). Nun weiß ich gar nicht mehr so genau, für was ich mich seinerzeit interessiert habe. Was wir uns diesmal unbedingt anschauen sollten, war mir indes klar: Ich wollte ins Anne-Frank-Haus. (Ich gebe zu, dass ich das Tagebuch noch nicht gelesen habe, aber seit Jahren habe ich es dringend vor und demnächst mache ich das auch...)

Vorbereitet waren wir, als wir uns am späten Vormittag auf den Weg machten, gut. Nicht nur hatten wir in unserem Hotel ordentlich gefrühstückt, wir waren auch warm angezogen und hatten am Tag vorher vor dem Van-Gogh-Museum sogar noch Schlange-Stehen geübt (anderthalb Stunden mussten wir dort in der Winterkälte ausharren, bevor wir ins warme Museum durften; länger, so waren wir überzeugt, würde das hier auch nicht dauern können).

Dann kamen wir an und schon von weitem erblickten wir eine Schlange, deren Länge erstaunlich war: Ich habe keine Ahnung, wie lang sie tatsächlich war, aber – weiß Gott – sie war lang. Die Menschen standen vor dem Anne-Frank-Haus, die Prinsengracht entlang bis zum nahe gelegenen Westermarkt, dann einmal um die stattliche Westerkerk herum, immer weiter, und dann noch ein Stück wieder an der Prinsengracht, bis dann endlich Schluss war.

Was macht man, wenn man so etwas sieht? Wieder nach Hause gehen und etwas anderes planen? Anstellen und hoffen, dass es doch nicht so lange dauert? Wir entschieden uns für Letzteres, stellten uns an das Schlangenende und es dauerte keine 20 Minuten, da wurden wir unserer kleinen Hoffnung auch schon beraubt. Da nämlich kam eine Mitarbeiterin vom Anne-Frank-Haus vorbei, verteilte Prospekte und antwortete auf unsere entsprechende Nachfrage. "Von hier aus... na, da wird das wohl etwa vier Stunden dauern!" Vier Stunden. Das ist nicht wenig. Zumal in der Winterkälte.

Um es kurz zu machen:

Erstens: Wir waren jetzt schon mal hier, hatten schon eine Weile angestanden und entschieden uns schnell dafür, zu warten.

Zweitens: Am Ende waren es keine vier Stunden, sondern lediglich drei Stunden und 40 Minuten.

Drittens: Ich habe noch nie in meinem Leben so lange in einer Schlange stehen müssen.

Viertens: Lange haben mich das gute Frühstück, die warmen Klamotten und das Schlange-stehen-Üben vom Vortag davor bewahrt, arg zu frieren. Am Ende aber war ich so verfroren wie lange nicht.

Fünftens. Ich habe – und das meine ich ehrlich – noch nie so gerne in einer Schlange gestanden. Denn die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus war anders, als ich es erwartet hatte. Mit uns standen dort fast nur junge Menschen, und zwar junge Menschen aus aller Welt (hinter mir standen bspw. Spanier, vor mir drei junge Mädchen aus dem Libanon). Ich hatte mir das einfach nicht vorstellen können, dass junge Menschen aus aller Herren Länder in Amsterdam statt Ausschlafen, Shoppen oder Chillen im Coffee-Shop es auf sich nehmen, stundenlang in der Kälte zu stehen, um das Anne-Frank-Haus zu besuchen. Irgendwie hatte ich gedacht, Anne Frank ist in einigen westeuropäischen Ländern bekannt, dass sie weltweit bekannt ist und ihr Schicksal so viel Anteilnahme hervorruft, das war mir schlechterdings neu. Je länger ich anstand und je mehr ich fror, desto feierlicher war mir zumute. Mit mir standen und froren ja auch all die jungen Menschen aus aller Welt. Und mit denen in der Schlange zu stehen und zu frieren ... irgendwie war das wie ein Zeichen, wie eine Art Bekenntnis: Ihr Drecks-Nazis habt sie nicht kleingekriegt. Ihr werdet sie nie klein kriegen. Im Gegenteil: Das Gute ist wesentlich größer und stärker, als ihr es je ward oder sein werdet.

(Im Anne-Frank-Haus war es auch gut und bewegend. Aber das hatte ich – anders als meine starken Gefühle beim Schlange-Stehen – auch so erwartet).


 


 

 


 


 


 


 


 

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