Peter Spiegelbauer

Der ungebetene Zeuge

Es war schon vor einiger Zeit dunkel geworden. Das Gras auf der portionierten Gartenfläche war eine Spur zu lang. Als mein Blick ein wenig zu lange über die zu wuchern beginnenden Grashalme schweifte, lenkte Andreas das Gespräch umgehend auf die zu langen Grashalme um sich für diese botanische Verfehlung zu rechtfertigen. Eine etwas groteske Angewohnheit, die er noch aus der Zeit zu haben schien, in der er sich für Verfehlungen seiner Person zu verantworten hatte. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie sehr ihm sein Vater wirklich fehlte, der vor Kurzem an Lungenkrebs gestorben war.
Wir mussten für jeden Betrachter ein seltsames Paar abgegeben haben.
Andreas der, Anfang Dreißig, voll im Leben stehend über die Probleme mit seiner Frau sprach. Ich selbst, Mitte Zwanzig, war noch immer in meinem - „wie ertrage ich diese destruktive Gesellschaft um mich herum“ – Wahn gefangen. Aber da ich schon seit dem frühesten Stadium meiner Pubertät über diese ungelöste Frage des Universums nachdachte, schlich sich mit den Jahren, auch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein.

„Der Hund gewöhnt sich an die Schläge.“ Ist eine Redewendung aus der Mundart.
Nimmt man allerdings diese Redewendung als Grundstock für weitere Überlegungen an, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass der Mensch nicht von Natur aus sado- masochistisch veranlagt ist, sondern erst durch die Einflüsse aus seinem Umfeld dazu gemacht wird. Doch nun zurück zu jener lauen Sommernacht, die bei einem Glas Weißwein begann.
Irgendwann drehte sich das Gespräch um die höchste und, meiner Meinung nach, wertvollste aller menschlichen Fragen. Die Frage der Selbstverwirklichung.
Andreas bewunderte meine Art Dinge anzugehen. Er meinte, dass ich mein Leben lang nur Dinge getan hätte, die mir gefallen oder die ich gerne mache.
Ich erwiderte, dass doch alle Menschen auf gewisse Art und Weise in diesem Rahmen ihr Leben erbauen.

Andreas Gegenargument war denkbar simpel. Ein Vorschlaghammer hätte mich nicht unsanfter aus meiner Illusion um das Leben anderer herausbefördern können.
„Ich habe einen Sohn, weil man es so verlangt. Eine fixe Anstellung mit einer Bezahlung die mehr als gut ist, weil es einem Beachtung einbringt. Eine Frau, die ich vermutlich heiraten werde, weil es mein äußerliches Bild von einem gefestigten, reifen Mann unterstreicht. Alles in allem ein Leben, dass denen genügt denen man gefallen will. Doch du willst niemandem gefallen, außer dir selbst.
Für dich gibt es nur eine Regel: Alles was mir gefällt wird für gut befunden. Nichts anderes zählt bei dir. Und das bewundere ich.“
Es brauchte nicht lange bis ein seltsamer Schockzustand mich daran hinderte auch nur irgendetwas zu erwidern. So schlimm war es anscheinend um meinen engeren Freundeskreis bestellt. Sie führten zu einem Großteil ein Leben, dass sie nie führen wollten.

Sie führen es, weil die Gesellschaft es von ihnen verlangt. Einerseits beschlich mich Mitleid, doch andererseits verachtete ich diese gedankenlose Verantwortungslosigkeit in der sie sich Tag für Tag verlieren. Verantwortungslos deshalb, weil dieses Verhalten des „Unglücksuchens“ von Generation zu Generation weitervererbt und gepredigt wird.
Ich muss gestehen, dass ich solche abstrakten „Komplimente“ schon früher von Freunden zu hören bekommen habe. Damals tat ich sie jedes Mal mit einem Lächeln und dem dazu passenden „Du siehst das völlig falsch….“ Geschwafel ab.

Doch langsam frage ich mich, ob es nicht vielleicht Zeit ist eine Entscheidung zu treffen. Ich kann ihnen nicht mehr helfen, sich aus der mit den Jahren immer schneller drehenden Spirale des persönlichen Unglücks, auszubrechen.
Andere Menschen waren mir schon immer zutiefst suspekt. Sie interpretieren, bringen dich nach und nach in Situationen in denen du dich unwohl fühlst und haben außer den eigenen Interessen kaum die Interessen der anderen im Sinn. Tiere und kleine Kinder sind da anders.
Sie lassen dich Teil ihrer Welt sein und begrenzen dich nicht. Manipulation wird in Beziehungen zu kleinen Kindern oder Tieren nicht gelebt.
Es muss doch möglich sein zwischenmenschliche Beziehungen völlig simple auf „mag ich“ und „mag ich nicht“ zu komprimieren sowie Akzeptanz dieser einfachen Tatsachen. Ja und Nein kann doch nicht zu schwer zu begreifen sein, für einen erwachsenen Menschen.

Ich glaube, was das Ganze kompliziert macht, ist die Angst. Angst vor Schmerzen, in dem der/die "Andere" sich vielleicht anderen „angenehmeren“ Zeitgenossen zuwendet und man stehen gelassen wird. So etwas passiert ja bekanntlich nicht nur in Beziehungen.
Also ist die Lösung für unser gesellschaftspolitisches Dilemma denkbar einfach wie undurchführbar.
Die einzige Möglichkeit in so einer Umgebung, wie wir sie über Jahrtausende aufgebaut haben ist also, die Lüge zum Kavaliersdelikt zu erheben, und bei jeder Gelegenheit über sie hinwegzusehen oder noch schlimmer, an sie zu glauben.
Auch ich ertappe mich immer wieder dabei mich der Verfälschung von Tatsachen zu bedienen. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund aus dem es schon Milliarden Menschen vor mir taten. Gesellschaftliches Ansehen in jeglicher Form.
Denn sind wir uns mal ehrlich: Wer sagt schon gern einem seiner besten Freunde, dass seine Frau ihn bei jeder Gelegenheit betrügt, weil er ihr nicht mehr genügt?
Oder wer würde es übers Herz bringen der Dame des Herzens beim ersten Date zu sagen, dass sie ihre Garderobe völlig falsch gewählt hätte und ihr die Frisur außerdem nicht wirklich passt?
 
Aber wenn ich dennoch einige Momente in meiner Vergangenheit Revue passieren lasse, erinnere ich mich nicht nur einmal daran, als einer der ehrlichsten Menschen gegolten zu haben. Meist im negativen Sinne gemeint.
Dies soll nicht unbedingt als Entschuldigung für mein Versäumnis die Wahrheit gesagt zu haben gelten, sondern lediglich als mögliches Entlastungsindiz vor meinem eigenen Gericht dienen. In diesem Gericht habe ich den Vorsitz, bin Angeklagter, Kläger und Geschworener in einem. Und es wird jedes Mal einberufen wenn ich wieder einmal vor dem Spiegel stehe, und mich frage, wie ich diesen Tag wieder überleben werde, und wie viel meines ursprünglichen Egos am Ende noch da sein wird um mich sanft, in einen hoffentlich traumlosen Schlaf zu begleiten…
 
 

Liebe LeserInnen!

Diesen Text verfasste ich (wie sich stellenweise aus der Schrift selbst ergibt) mit Mitte Zwanzig. Heute bin ich fast zehn Jahre älter, und muss gestehen, dass ich bei Weitem nicht mehr so zornig und oberflächlich bin, wie ich es zum Zeitpunkt der Niederschrift war. Jedoch kann ich gewisse Gedanken, die in dem Text zum Ausdruck kommen, auch heute noch nachvollziehen. Alles in Allem bitte ich trotzdem um Nachsicht, für diese wütenden Worte eines jungen, unerfahrenen Mannes, der ich damals war.

Liebe Grüße
Peter Spiegelbauer
Peter Spiegelbauer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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