Andreas Vierk

Requiem für eine Maske


 
 
I
 
Vor ca. 3200 Jahren starb in Ägypten ein erst 19 Jahre junger Mann aus völlig ungeklärten Gründen. Ob er der leibliche Sohn seines Vorgängers, des Pharao Echnaton, gewesen war, weiß man nicht, nur dass er eine vermutliche Halbschwester, eine Tochter Nofretetes, geheiratet hatte, und so schon in sehr jungen Jahren zum Pharao Ägyptens aufstieg. Sein Erzieher war wohl eine Art General mit Namen Haremhab. Der Name des jungen Mannes: Tut-ench-Amun. Nach seinem frühen Hinscheiden wurde Haremhab der nächste Pharao.
Zu dieser Zeit bauten die Ägypter längst keine ihrer großen Pyramiden mehr. Grabräuber, gierig nach den goldenen Schätzen, wurden von den riesigen künstlichen Bergen nur angezogen, und Ägypten bestattete seine Könige längst in einem abgelegenen Tal und grub deren Gräber tief in die Erde. Aber auch dort waren die Mumien vor der Störung ihrer Totenruhe nicht sicher.
 
Im Jahr 1922 fand der Archäologe Howard Carter das Grab Tut-ench-Amuns. Aber auch ihm waren vor Jahrtausenden die Grabräuber zuvor gekommen. Sie waren in eine der vier hauptsächlichen Kammern eingedrungen, hatten dort unter den Kunstschätzen gewütet und waren aus unerklärlichen Gründen wieder abgezogen.
Carter fand das Grab jedoch in einem geradezu sensationell gut erhaltenen Zustand vor. Dieser englische Archäologe war für seine penible Handlungsweise bekannt. Er war einer der Ersten, die Fundstücke in situ, das heißt direkt am Fundort, zunächst einmal fotografierten. Danach wurden die Stücke bis zur letzten unscheinbaren Perle nummeriert. Erst dann ging Carter an eine vorsichtige, äußerst fachgerechte Erstrestaurierung, damit die Stücke nicht auf dem Weg aus dem Grab beschädigt werden konnten. Ein leeres nebenan gelegenes Pharaonengrab diente dem Archäologenteam um Carter nun als Laboratorium zur endgültigen Restaurierung, sowie als vorläufiges Museum. Auf diese Art behandelte Carter Fundstück um Fundstück, auf diese Art räumte er in mehreren Monaten, die von den heißen Sommern unterbrochen wurden, Raum um Raum das Grab des Tut-ench-Amun leer, bis man zuletzt an den innersten Schrein gelangte.
Diese Kompetenz und Ehrfurcht gegenüber den Kostbarkeiten der Vergangenheit war zu Carters Zeiten nicht immer gegeben. Hobbyarchäologen, die zufällig etwas Bedeutendes fanden, hatten oft nicht die Kenntnis der Behandlung der einzelnen Stücke und ihrer Materialien. Große Kunstschätze gelangten auf diese Weise auch auf den Schwarzen Markt, wo sie nicht selten auf Nimmerwiedersehen verschwanden.
Nicht so Howard Carter. Obwohl er wusste, dass er noch nicht ins innerste Geheimnis des Grabes vorgedrungen war, beräumte er geduldig sämtliche Vor- und Nebenkammern. Schließlich musste man das Mauerwerk der letzten Tür vorsichtig aufbrechen. Eine Lampe wurde durch die Öffnung geschoben und ihr Licht fiel auf eine reingoldene Wand. In diesem Schrein befand sich der Sarkophag des so jung verstorbenen Pharaos. Mühsam und mit Hilfe mehrerer Flaschenzüge und Winden musste der tonnenschwere Deckel gehoben werden. Darunter lag die Mumie in der innersten goldenen Umhüllung. Die Totenmaske aus feinstem Gold und anderen edlen Materialien wurde weltberühmt und gilt seither als eines der bekanntesten Kunstwerke Ägyptens. Als Carter sie zuerst sah, war er so gerührt, dass er schweigend und rückwärts den Raum verließ und minutenlang nicht ansprechbar war.
 
 
II
 
In meiner Kindheit, vor circa 40 Jahren, las ich ein Kinderbuch über die Ausgrabungen am Tut-ench-Amun-Grab. Gibt es heute noch Kinderbücher dieser Art? Ist heute noch ein Kind im Alter von vielleicht acht bis zehn Jahren für die Spannung und die Wunder solcher Ausgrabungen zu begeistern? Kann man heute noch Kinder und Jugendliche mit kulturellen Errungenschaften, Kunst, Erfindungen, Naturwundern und ähnlichem in den Bann ziehen? Viele gute Kinderbücher und noch mehr gute Übersetzungen der großen Jungendromane sind seither vergriffen und werden in Vergessenheit geraten. Ich weiß sicher, dass in den Siebzigerjahren zumindest in den Alten Bundesländern (für die Neuen kann ich nicht sprechen) solcherart gute Literatur im Schwange war. Ich jedenfalls war schon damals im Zauberbann der Literatur gefangen. Nicht zuletzt die „Abenteuer“ Howard Carters ließen mich die Außenwelt oft vergessen. Und wie gern hatte ich damals das Pharaonengrab im Aufriss aus Lego-Steinen aufgebaut! Oft musste natürlich die Fantasie fehlenden Filigranität ersetzen. Ein Männchen oder mein Finger wurde zu Howard Carter (den heutzutage kein Kind mehr kennt!), brach in das Grab ein, durfte nichts beschädigen und kämpfte sich herzklopfend bis in den goldenen Schrein der Mumie vor. Mochten andere Jungen vor der Tür Fußball spielen, mochten mir meine Eltern Eigenbrötlerei und Schlimmeres vorwerfen – alles Verblasste schon früher gegen die leuchtende Welt der Literatur und meines einsamen stillen Spiels.
 
Die goldene Totenmaske des Tut-ench-Amum ist Ende des Jahres 2014 in einem Kairoer Museum bei Putzarbeiten schwer beschädigt worden. Einer museumseigenen Reinigungskolonne (auch dazu braucht es das nötige Fachwissen und Fingerspitzengefühl) fiel beim Abstauben die Maske, die 3000 Jahre makellos überdauert hatte, herunter. Der geflochtene Kinnbart des Pharaos brach dabei ab. Der Leiter des Museums (!) wies seine Mitarbeiter daraufhin an, den Bart mit einem aggressiven Klebstoff wieder an das Kinn zu heften. Das rasch härtende Harz bildet seit dem eine hässliche Fuge von fast einem Zentimeter zwischen Kinn und Bart. Aber es sollte noch schlimmer kommen: von dem Kleber geriet etwas an die Kinn- und Wangenpartie der Maske. Der Versuch, den Klebstoff mit einem Spachtel (!) zu entfernen, riss deutlich sichtbare Kratzer und Riefen in das feine Gold der Maske. Wenn Sie diese Fakten im Internet nachforschen, werden Sie zudem auf die brutalen Worte „nicht wieder herstellbar“ stoßen, das heißt: so sieht die Maske des Tut-ench-Amun jetzt für immer aus!
 
Ich hörte erst heute von dieser Katastrophe im Radio. Und was mich daran noch zusätzlich regelrecht verletzte, war die Art der Berichterstattung. Über den Vorfall wurde mehr oder weniger amüsiert gelacht. Man fand die Dummheit und Unvorsichtigkeit, die fahrlässige Behandlung dieses grandiosen Kunstschatzes allenfalls witzig.
Was mir im Halse stecken blieb, war indes kein Lachen, sondern kalte Wut. Kunst- und Kulturschätze identifizieren die Menschheit. Sie heben uns Raubtiere, wenn auch nur für uns selbst, aus der Masse der Mitgeschöpfe hervor. Bei aller Zerstörungswut, aller von was auch immer gesteuerten Aggression, schärfen große Kunstwerke den Blick für das Schöne. Sie markieren den Grad der kulturellen Höhe der Nationen, die solche Kunstschätze schaffen oder geschaffen haben. Howard Carter kann sich glücklich schätzen, dass er die Barbarei an unserem wundervollen Erbe nicht mehr mit anzusehen braucht. Und wenn die Ehrfurcht davor in der Welt der Witzchen und der Gleichgültigkeit versinkt, dann geht vielleicht wirklich das Schiff der Menschen mit fliegenden Fahnen unter. Zumindest ist es ein Indiz dafür, dass die Intelligenz von Bord gegangen ist. Aber wenn wir schon die Segel streichen, sollen wir die Fahnen zumindest auf Halbmast wehen lassen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

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