Erika Schmidt

Die ungeplante Kreuzfahrt

Das Tagebuch einer Oma, die mit ihren Enkeln in Urlaub fährt.

Ich weiß, es gibt Menschen, die lieben es eine Kreuzfahrt zu machen. Ich gehöre eigentlich nicht dazu. Zu meiner Schande muß ich aber gestehen, ich habe es auch noch nicht probiert. Aber es kommt oft anders als man denkt, ich "mußte" eine Kreuzfahrt machen. Und das kam so.
Mein Sohn hatte schon lange diesen Urlaub mit dem Schiff gebucht, ins westliche Mittelmeer, im Januar. Den Kindern gefällt das gut. Nun kam meiner Schwiegertochter beruflich etwas dazwischen und sie konnte nicht mit. Meine Enkelin meinte nur: Das macht nichts, dann fährt die Oma mit. Und damit war mein Schicksal bestimmt, ich mußte mit.
Eigentlich wollte ich nie auf die Enge eines Schiffes mit über 4000 Menschen. Mir war auch Bange vor der engen Kabine. Aber was tut man nicht alles für die Enkel. Die sind übrigens 5 und fast 3 Jahre alt, und sehr, sehr lebhaft, und ich bin keine 20 Jahre mehr alt.

Tag 1
Mit dem Zug fahre ich zu ihnen. Er ist pünktlich und ich habe ein Abteil für mich alleine. So habe ich noch einmal Ruhe vor dem Sturm. Die beiden "Geister" holen mich ab. Von da an ist mir klar, was auf mich zu kommt: Streß pur. Aber ich liebe meine zwei Kleinen. Ich habe noch eine letzte ruhige Nacht, bevor es am nächsten Tag los geht. Die beiden sind sehr aufgedreht.
Die Autofahrt nach Savona geht einiger maßen ruhig, es sind doch über 700 km. Vor dem Gotthard Tunnel müssen wir eine halbe Stunde warten, aber sonst läuft es gut. Bei der ersten Rast stelle ich fest, daß mein Mantel noch in der Wohnung von meinem Sohn hängt. Das heißt keine Jacke auf dem Schiff für eine Woche. Das fängt ja toll an. Zum Glück gibt es neben dem Hotel in Savona, in dem wir übernachten, ein großes Einkaufszentrum. Ich finde eine passende und günstige Jacke, und so muß ich bei den Ausflügen nicht frieren

Tag 2
Die erste Nacht in einem Zimmer mit 4 Personen habe ich überstanden. Die Kinder waren sehr unruhig und der Kleine hat viel gehustet. Um 10 Uhr fahren wir zu Terminal am Hafen. Gepäck abgeben und Auto parken klappt prima. Um 12 Uhr können wir an Bord. Wir gehen zuerst zum Mittagessen. Ich bekomme einen ersten Eindruck von der Größe den Schiffes. Es sind Massen von Menschen, aber das Essen ist gut. Um halb zwei können wir in die Kabine. Die versetzt mir einen leichten Schock, die ist noch kleiner als ich befürchtet habe. Der Eindruck wird noch verstärkt, weil das ganze Gepäck, 7 Teile, im Raum verteilt ist. Nach dem Verräumen sieht es etwas besser aus. Danach machen wir einen ausgiebigen Rundgang und erkunden das ganze Schiff. Es ist nagelneu, schön und riesig. Um halb fünf geht es zur Rettungsübung, die ist auf jedem Schiff Pflicht.
Beim Ablegen gehe ich aufs oberste Deck und lasse den Hafen von Savona an mir vorbeiziehen. Jetzt heißt es fertig machen zum Abendessen. Das Essen ist ala Karte und wird serviert. Das hat den Vorteil, daß es keine Rennerei gibt. Das Essen ist sehr schmackhaft und ich gönne mir einen guten Rotwein dazu. Meine Enkel finden allerdings nichts auf der riesigen Speisekarte. Bei allem heißt es: Mag ich nicht. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß sie heute sehr müde sind. Die Nacht ist ruhig bis um 3 Uhr. Dann wird der Wellengang höher und die Bugwellen klatschen ziemlich laut an die Bordwand. Da ist es mit schlafen vorbei.

Tag 3
Am Morgen ist der Himmel wolkenlos und die Kinder ausgeschlafen. Das Frühstücks Buffet ist nicht nach meinem Geschmack, es ist typisch italienisch. Es gibt zwar viele Sorten, aber fast nur süße Sachen. Ein bißchen Schinken und Salami. Nichts gebratenes, keine Würstchen, keinen Speck, keinen ordentlichen Käse und überhaupt keine Eier. Das ist ein großes Manko für so ein Schiff. Ich brauche zum Frühstück etwas herzhaftes, keinen süßen Kram.
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Shuttle Bus in die Innenstadt von Marsaille, und dann mit dem kleinen Bähnle zu der Kirche auf dem Hügel. Der Blick über die Stadt und den Hafen ist gigantisch. Auf dem Rückweg zum Schiff kommt dann starker Wind auf, der Mistral. Ich habe Mühe die Kinder an der Hand fest zu halten, den Kinderwagen hat es davon geblasen. Mein Sohn muß schauen, das er alle Sachen wieder findet. Wieder an Bord, dürfen sie dann im Pool plantschen. Nach dem Abendessen, daß an diesem Tag recht ordentlich verläuft, schauen wir uns im Theater noch eine Vorstellung an. Wegen dem starken Wind legen wir 3 Stunden später ab. Jetzt sind wir wieder auf See und gehen schlafen. Morgen mache ich eine Besichtigungs Tour durch Barcalona, alleine. Vorher gibt es aber noch eine unruhige Nacht wegen dem hohen Wellengang. Gegen 3 Uhr schlafe ich dann endlich ein.

Tag 4
Nach dem Frühstück, das ich alleine mache, geht es mit dem Bus los. Ich freue mich schon auf die Stadt mit den vielen herrlichen Bauwerken. Wir kommen am Hafen vorbei mit der Statue von Kolumbus. Dann geht es quer durch die Stadt, aber immer nur im Bus, man sieht so gut wie nichts. Ich bin sehr enttäuscht, so habe ich mir die Besichtigung nicht vorgestellt. Nur an der "Sagrada Familia" machen wir halt. Die Kirche ist eine einzige Baustelle. Begonnen wurde sie 1882 und soll 2026 fertig sein. Daran glaubt aber keiner. Eigendlich ist sie sehr interessant anzusehen, sie besteht aus 5 verschiedenen Baustilen. Aber die vielen Kräne und Baumaschinen stören doch sehr. Weiter geht es auf einen Hügel mit einem schönen Blick über die Stadt und den Hafen. Das war es dann.
Am Nachmittag machen wir mit den Kindern einen ausgiebigen Bummel über den großen und sehr schönen Spielplatz auf dem Schiff. Mit Ritterburg und Piratenschiff. Nun heißt es fertig machen zu Abendessen. Die Kinder sind mittlerweile sehr anstrengend geworden. Der Kleine heult bei jeder Gelegenheit, sehr lange und ausgiebig, meistens ohne Grund. Der Großen kann man sagen was man will, die Antwort ist immer "nein", - mag ich nicht - tue ich nicht. Und nicht nur bei mir. Bei allem heißt es nur: Papa machen, Papa - Papa. Ich darf sie nicht anfassen und komme mir total überflüssig vor, und das tut sehr weh, innen drinnen. Denn ich liebe meine Enkel. Normalerweise kommen wir bestens miteinander aus. Wir spielen zusammen und schmusen auch mal. Aber hier geht garnichts. Ich bin nahe daran in Palma de Mallorca ins nächste Flugzeug zu steigen und heim zu fliegen. Aber dann packt mich doch das schlechte Gewissen, ich kann meinen Sohn ja nicht einfach so im Stich lassen. Also bleibe ich.  Wir legen ab und morgen sind wir in Palma. Bis jetzt war das Wetter schön und warm. Mal sehen wie es weiter geht.

Tag 5
Das Frühstück am nächsten Tag verläuft recht ordentlich. Mit dem Shuttle Bus fahren wir in die Stadt, schauen uns die Kathedrale und ein bißchen die Altstadt an. Die Große langt beim toben in eine Glasscherbe und schneidet sich. Es blutet stark, aber sie ist ganz tapfer und wir kriegen das wieder hin.
Nach dem Mittagessen gehen die Kinder ins Spieleland und ich habe Zeit mich ein bißchen an die Sonne zu setzen und zu lesen. Das tut richtig gut. Danach ist mal ausgiebige Körperpflege angesagt, mit allem drum und dran. Das Abendessen verläuft einigermaßen ruhig. Der Kleine schläft in seinem Kinderstuhl ein, und als wir gehen gibt es wieder ein riesen Geschrei.

Tag 6
Die Nacht vergeht ruhig, das Meer ist spiegelglatt. Ich kann nicht schlafen, mir geht so vieles durch den Kopf. Der nächste Tag ist ein Seetag, wir legen nirgends an. Da fällt es so richtig aus, wie viele Menschen an Bord sind. Aber das Schiff ist groß und so gibt es überall noch ein ruhiges Plätzchen, wo ich ein bißchen lesen kann. Die Kinder sind auf dem Spielplatz. Die Sonne scheint und es ist richtig warm. Nach dem Mittagessen gehen die beiden Racker wieder in den Pool. Da könne sie so richtig herum toben. Ich mache ein paar Fotos, dabei rutsche ich aus und sitze voll angezogen im Wasser. Die Kinder haben ihren Spass, ich weniger. Aber es gibt mal was zu Lachen. Na ja, nicht so schlimm, ich will ja eh noch duschen, aber ohne Kleider. Beim späteren duschen der Kinder gibt es mal wieder ein riesen Geschrei, warum? Heute Abend ist Gala Dinner. Da machen wir uns alle fein.
Aber das Anziehen ist mal wieder ein Drama. Bei der Großen geht es ja noch. Sie kann sich wie eine Prinzessin anziehen und die Oma macht noch eine schicke Frisur dazu. Das durfte ich mal ausnahmsweise. Aber der Kleine macht ein riesen Trara, warum ist nicht heraus zu bekommen, der heult auf dem ganzen Weg bis ins Restaurant. Beim Essen geht es dann einigermaßen. Still sitzen ist nicht drin, aber wenigstens heult er nicht mehr. Nach dem Essen gehen sie auf die Tanzfläche zwischen die Erwachsenen, und da sind sie nicht mehr zu halten, sie tanzen wie die Wilden. Später fallen sie totmüde ins Bett.

Tag 7
Am nächsten Tag legen wir in Neapel an. Ich war noch nie in dieser Stadt und habe deshalb einen Ausflug gebucht, 4 Stunden Spaziergang durch die Stadt. Ich frühstücke schon um 7 Uhr mit Blick auf den Vesuv. Ab 8 Uhr laufen wir dann, alle mit Knopf im Ohr, hinter der Führerin her. Die Besichtigung ist ganz interessant, so durch die engen Gassen zu gehen gefällt mir gut. Die Stadt hat 400 Kirchen und 500 Prunkbauten. Ich würde sagen: Neapel ist eine schöne, alte, häßliche Stadt. Die alten Häuser sind sehr schön vom Baustil, aber sie verfallen langsam, schade. Mittags dauert es allerdings fast eine Stunde bis ich wieder an Bord komme. Alle Ausflugsbusse sind zur gleichen Zeit angekommen.
Nach dem Mittagessen legen wir ab. Es ist ein herrlicher Anblick Neapel und den Vesuv so vorbei ziehen zu sehen. Anschließend genemigen wir uns einen leckeren Drink in einer der vielen Bars. Jetzt heißt es wieder umziehen zum Abendessen. Mal sehen, wie viel Geschrei es heute wieder gibt. Beim Kleinen ist es wie immer, nur Geheule. Sonst verläuft das Essen ruhig. Die Ober haben eine Tanz und Gesangsnummer vorgeführt. Nach ein bißchen "Kindertanz" geht es heute eher ins Bett, beide sind hundemüde. Morgen ist der letzte Tag.

Tag 8
Die Nacht war ruhig und als wir zum Frühstück gehen, ist es draußen kalt und es regnet. Schade, denn mein Sohn macht heute einen Ausflug nach Pisa. Die Kinder bleiben am Nachmittag bei mir, ganz wohl ist mir nicht dabei. Wir gehen ins Spieleland und dann ein Eis essen. Ich lese ihnen vor und wir machen ein Spiel, dann dürfen sie noch etwas fernsehen. Mir ist etwas bange vor dem Abendessen. Und dann bin ich angenehm überrascht. Die Große geht ohne murren auf die Toilette, der Kleine läßt sich anziehen  ohne Geschrei. Es klingt seltsam und ich kann es auch nicht ganz verstehen, kaum war mein Sohn weg,  war es als ob man einen Schalter umlegt. So brav waren sie die ganze Woche nicht. Der Papa kommt mit einer halben Stunde Verspätung zum Essen, und da wird der Schalter wieder zurück gedreht. Von da an sind beide wieder total aufgedreht. Es ist schon manchmal seltsam, wie Kinder von einer Minute auf die andere ihr Verhalten ändern.
Die Koffer sind gepackt und fertig zum Abholen. Nun geht es ins Bett, wir müssen früher aufstehen, um 9 Uhr wir ausgeschifft.

Tag 9
In der Nacht ist der Seegang etwas höher, aber nicht schlimm. Nur kommen wir deshalb eine Stunde später in Savona in den Hafen, das Schiff fährt rückwärts und durch die hohen Wellen geht es langsamer. Das ausschiffen geht schnell, aber halt eine Stunde später. Mit viel Mühe verstauen wir unser Gepäck im Auto, 3 Koffer, 4 Taschen und ein Kinderwagen. Da kommt es auf eine gute "Packtechnik" an. Die Fahrt nach hause verläuft gut, wenig Verkehr. Am Gotthard liegt ein halber Meter Neuschnee, und es schneit noch immer. Unterwegs noch eine kleine Pause und um halb sieben sind wir daheim. Die Begrüßung mit der Mama ist stürmisch.

Tag 10
Am Sonntag fahre ich mit dem Zug wieder heim. Meine Nerven sind etwas strapaziert, die Woche mit den Kindern war eine große Herausforderung. Etwas traurig bin ich, daß es nicht so gelaufen ist wie ich gehofft habe. Ich liebe meine Enkel, aber manchmal verstehe ich ihr Verhalten nicht. Bei der Zugfahrt hat es dann noch eine kleine Verzögerung gegeben. Bis Stuttgart ging alles glatt. Dann gab es eine Durchsage: Auf der Strecke nach Ulm wurden Kinder auf den Gleisen gesehen, und die Stecke ist erst einmal gesperrt, wie lange weiß man nicht. Na toll denke ich, nicht mal die Heimfahrt geht ohne Panne ab. Aber dann dachte ich daran, was diesen Kindern passieren könnte. Nach 40 Minuten ging es dann wieder weiter.

Das Fazit der Reise: Das schiff ist sehr schön und die vielen Menschen verlaufen sich ganz gut, und es gibt ja auch größere Kabinen. Es ist schön, man geht am Abend ins Bett und steht am nächsten Morgen in einem anderen Land oder anderen Stadt wieder auf.
Ich werde das sicher wieder machen, aber ohne Kinder, dafür mit meinem Mann. Der ist nicht so anstrengend. Es braucht aber noch viel Überredungskunst bis er mit geht. Vielleicht schaffe ich das ja mal, dann gibt es sicher eine andere Geschichte.

       

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.01.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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