Sandra Lenz

Stürmisches Herz - Teil VI

Jack hatte in Ryans Abwesenheit eine schlechte Nachricht bekommen. Die Gendarmerie war ihnen – den teuflischen Fünf – bereits auf den Fersen. Unterstützt wurden sie dabei von dem Industriellen Manson, der Waffen herstellte und eine beträchtliche Menge an Geld und Waffen der Polizei zur Verfügung gestellt hatte, um die Freibeuter zu fassen.
Isabel hatte die Neuigkeiten aus der Stadt mitgebracht und Jack gleich darüber informiert. Ryan war ja leider wieder nicht anwesend gewesen, wie bereits die ganzen letzten Tage. Das wurmte Isabel vollkommen, doch der Polizei wollte sie ihren Liebsten nicht überlassen. Auch wenn sie sich im Moment nicht genügend von ihm beachtet fühlte.
Jack und Ryan galoppierten Richtung Höhle zurück. Ryan war ziemlich still und Jack versuchte das Gespräch in Gang zu bringen. „Wir müssen heute Nacht sofort auslaufen und uns Richtung Norden absetzen. Hier wird es zu heiß für uns. Es wird nur noch Stunden oder Tage dauern, bis die Polizei unser Versteck entdeckt und dann sind wir geliefert, das weißt du Ryan. Wir müssen unbedingt von hier verschwinden.“ Ryan schaute stur geradeaus und schien kein einziges Wort dessen was sein Kumpel sprach, zu hören. Seine Gedanken waren ganz woanders. Ausgerechnet jetzt, wo er Ashley näher gekommen war mussten sie verschwinden und untertauchen. Vor Wut hätte er jetzt jemanden verprügeln können, nur um seiner schlechten Laune Luft zu machen.
Sie erreichten die Höhle, wo die anderen bereits auf sie warteten. Larry nahm die Zügel von Poison entgegen, während Ryan vom Pferd abstieg. „Hey Kapitän, wir haben bereits alles notwendige an Bord gebracht und verstaut. Isabel hat die anderen Sachen zusammengepackt und bereits in ihrer Kutsche verladen. Wie soll es jetzt weitergehen?“ Larry schaute ihn aus seinen großen traurigen Augen erwartungsvoll an. Burt lehnte gegen einen Felsen, zog seinen Hut ein Stückchen höher und schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Seine ganze Mannschaft erwartete jetzt Anweisung von ihm. Ryan zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Wir werden heute Abend im Dunkeln auslaufen und Richtung Norden segeln. Wir werden Kurs auf unsere Herberge hoch im Norden nehmen und dort verweilen, bis sich die Lage entspannt hat. Es könnte sein, das wir für lange Zeit dort bleiben müssen. Mehr kann ich euch momentan nicht sagen.“ Er blies den blauen Dunst in kleinen Kringeln in die Luft. „Macht euch keine Gedanken, sie werden uns nicht schnappen. Bis jetzt hat uns keiner gekriegt und so wird es auch bleiben.“ Seine Augen leuchteten jetzt dunkelgrün und seine Leute wussten, das es ihm damit sehr ernst war. Notfalls würde er sich den Weg freischießen und alles erledigen, was sich ihm in den Weg stellen würde. Ryan Vander ließ sich von niemandem klein kriegen, schon gar nicht von einem Manson.

~.~

Die Tage vergingen und Ashleys Laune sank mit jedem einzelnen Tag. Die kleine goldene Kette hütete sie wie ihr Augenlicht und sie legte die Kette niemals ab. Das war ja auch das einzigste, was ihr von Ryan geblieben war. Zwischenzeitlich hatte sie auch erfahren, wer ihr neuer Bekannter gewesen war und das jetzt alle nach ihm und seiner Mannschaft suchten. Es war schon komisch, aber nachdem sie den Steckbrief von Ryan in ihren Händen gehalten und ihn eindeutig darauf erkannt hatte, hatten sich ihre Gefühle zu ihm nicht verändert. Sie verspürte keine Angst vor ihm, sondern eine tiefe Verbundenheit. Alle anderen Leute hassten ihn und wollten ihn und seine Kumpane am Galgen baumeln sehen, doch sie hoffte inständig das er in Sicherheit war und irgendwann zu ihr zurückkehren würde.
Paul Manson unterstütze die hiesige Polizei mit Geld und Waffen im Kampf gegen das Böse. Ashley hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschrieen, er solle damit erst einmal bei seinem eigenen Sohn anfangen. Doch das konnte sie schließlich nicht tun. Jetzt standen auch noch ein paar Tage auf dem Schloss von den Mansons an. Ihre Eltern hatten sich praktisch selbst eingeladen und Ashley wusste, das sie nur darauf hofften sie schnellstmöglich mit Marcus zu verheiraten. Ihr ekelte bei diesem Gedanken. Doch wie sollte sie dem aus dem Weg gehen? Sie hatte niemanden, zu dem sie hätte flüchten können. Und Ryan? Sie wusste nicht wo er jetzt war und ob er überhaupt noch an sie dachte. Vielleicht hatte er sie schon längst vergessen und bereits eine andere Frau kennen gelernt. Vielleicht würde er niemals zurückkehren?
Tränen strömten in ihre hübschen Augen und rannen ihr Gesicht entlang. Warum musste das Leben denn so schrecklich sein ? Ashley vergrub ihr Gesicht in ihre Kissen und schluchzte herzzerreißend. Doch niemand war da, der sie hätte trösten können. Nichts und niemand konnte den Schmerz stillen, den sie momentan fühlte.
Ashley konnte nicht ahnen, das es Ryan genauso ging wie ihr. Er und seine Kumpel hatten nach einigen Wochen auf See ihr Quartier hoch im Norden erreicht und nun lebten sie dort still und einsam vor sich hin. Immer auf der Hut entdeckt zu werden. Obwohl das hier so hoch im Norden eher unwahrscheinlich war. Ryan war sehr nachdenklich geworden und den schwarzen Schal von Ashley trug er stets bei sich. Sein kostbarer kleiner Schatz, der ihm mehr bedeutete wie alle Goldschätze der Welt zusammen. Er hatte schon einen Boten geschickt, der nach ihr sehen sollte. Ryan wollte darüber informiert werden wie es ihr ging.
Das, was ihm der Bote überbringen würde, wäre aber mit Sicherheit nicht nach seinem Geschmack. Aber bis dahin sollten noch viele Tage und Wochen vergehen.

Ashley und ihre Eltern hatten sich abends mit der großen Familienkutsche auf den Weg zum Schloss der Mansons gemacht. Die Fahrt würde einige Stunden dauern und sie würden gegen Mitternacht das Anwesen erreichen. Ashleys Vater hatte noch Geschäfte tätigen müssen, deshalb hatte sich die Abfahrt verzögert. Wenn es nach Ashley gegangen wäre hätten sie überhaupt nicht fahren müssen, aber das hatte sich leider nicht verhindern lassen. Jetzt saß sie wie ein Häufchen Elend neben ihrer Mutter und starrte hinaus in die Abenddämmerung. Sie verspürte keinerlei Ambitionen, sich an dem Gespräch ihrer Eltern zu beteiligen. Sie fühlte sich wie ein Tier, das zur Schlachtbank geführt wurde und das seinem bitteren Ende ins Auge schaute.

~.~

Ruckartig hielt die Kutsche vor dem großen Portal des Manson Anwesens. Marcus und sein Vater standen oben auf der großen steinernen Treppe, um ihre Gäste zu begrüßen. Ein eilig herbeigerufener Diener half den Winstons aus dem Wagen und würde sich auch um das Gepäck kümmern.
„Henry, welch‘ Freude euch hier bei uns begrüßen zu dürfen.“ Paul Manson ging auf Ashleys Vater zu und umarmte ihn wie einen alten Freund. „Henriette, meine Teuerste.“ Galant verneigte er sich vor Henrys Frau und gab ihr einen Handkuss. Dann wandte er sich Ashley zu. „Ashley, herzlich Willkommen. Sie sehen wie immer bezaubernd aus.“ Der ältere Mann grinste sie freundlich an. Ashley erwiderte seinen Gruß. Gegen Marcus Vater konnte sie eigentlich nichts sagen. Er war stets nett und zuvorkommend, auch wenn er mit Waffen handelte. Aber sein Sohn ... er kam bereits auf sie zu, nachdem er ihre Eltern begrüßt hatte. Er griff nach ihrer Hand und führte sie zu seinem Herzen. „Teuerste Ashley, was machst du mich doch glücklich, das du endlich zu uns gefunden hast.“ Seine kalten Lippen legten sich auf ihren Handrücken und seine dunklen Augen blitzten teuflisch. „Danke Marcus für diese herzliche Aufnahme. Die Freude ist ganz meinerseits.“ Die Worte kamen Ashley automatisch über die Lippen. Ihre Mutter hatte ihr zuhause eingeimpft stets nett und höflich zu sein, sonst könnte sie was erleben hatte sie ihr gedroht.
„Schaue dich um, das alles könnte bald dir gehören.“ Marcus machte eine ausschweifende Handbewegung und deutete auf das Haus und das angrenzende Anwesen. „Komm‘, ich führe dich ins Wohnzimmer.“ Er nahm ihren Arm und zog sie näher zu sich heran, bevor er sie die Treppen hinauf zum Haus führte. Nun waren sie für einen Moment ungestört, denn die Eltern konnten sie nicht hören.
„Meine Liebe, endlich bist du hier in meinem Reich. Ich werde dir Dinge zeigen, von denen du bisher nicht wusstest, das sie existieren.“ Seine rechte Hand glitt tiefer und legte sich um ihre Taille. „Jetzt kannst du mir nicht mehr entkommen.“ Er schaute sie von der Seite an und sein heißer Atem streife ihr Ohr. Übelkeit stieg in Ashley auf, doch sie lächelte tapfer. „Marcus, ich bin schon sehr gespannt, was du mir alles für interessante Dinge zeigen kannst. Mich haben Waffen schon immer sehr fasziniert.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, denn sie wusste natürlich genau das er von etwas ganz anderem gesprochen hatte. Doch wenigstens hatte sie ihm für einen Moment den Wind aus den Segeln genommen.
„Aber natürlich werde ich dir die Waffenfabrik zeigen. Mit dem größten Vergnügen.“ Marcus musste darauf eingehen, denn sein Vater stand hinter ihm.
„Ashley, unser Mädchen wird dir dein Zimmer zeigen. Ich nehme an, sie sind von der Fahrt erschöpft und möchten zu Bett gehen. Das mit den Waffen hat ja wohl noch bis morgen Zeit.“ Er lächelte sie an und übergab sie dem Hausmädchen.
Ashley atmete tief durch als sie endlich in dem ihr zugewiesenen Zimmer stand und das Mädchen die Tür geschlossen hatte.
„Was bildet sich dieser fiese Kerl eigentlich ein? Denkt wunder nichts wie toll er doch wäre. Pah!“ Sie lief zur Waschschüssel und wusch sich die Hände, auf denen der Geruch von Marcus haftete.
Flink schlüpfte sie aus ihrem Kleid und zog sich ihr Nachthemd über. Am Spiegel nahm sie Platz und betrachtete ihr Ebenbild. „Ach Ryan, wenn du doch hier wärst.“ Sie seufzte tief und ihre Hand schloss sich um den kleinen goldenen Anhänger. Mit geschlossenen Augen dachte sie an die Zeiten am Strand zurück. Ihr wurde warm ums Herz. Sie sah seine meergrünen Augen genau vor sich und den sinnlich geformten Mund. Es war fast so, als spürte sie seine Lippen auf den ihrigen.
Mit angenehmen Erinnerungen schlief sie schließlich ein und träumte von ihrem Helden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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