Horst Werner Bracker

. . . auch Füchse können weinen

 

 

Das fahle Mondlicht drang nur spärlich bis auf den Waldboden. Doch reichte es gerade aus, das schmerzverzerrte Gesicht der Fähe erkennen zu können. Ein Tellereisen hatte ihre linke Vorderpfote zerschmettert. Die zahnbewehrten Stahlbügel umklammerten die zerschmetterte Pfote und ließen sie nicht mehr los. Als die Falle zuschnappte, hatte sie in wilder Panik versucht, sich loszureißen. Zehn Meter hatte sie das Tellereisen hinter sich her geschleift, dann hatte der kleine Anker, der am Ende der Kette befestigt war, sich im Wurzelwerk verfangen. Ein heftiger Ruck, ein entsetzlicher Schmerz schoss durch ihren Körper. Der Schmerz war so groß, dass er das Gehirn der Fähe überwältigte. Sie kippte zur Seite, vor ihren Augen wurde es dunkel. Für ein paar Augenblicke nahm eine tiefe Ohnmacht, den großen Schmerz von der gequälten Kreatur.
Als die Fähe aus ihrer Ohnmacht erwachte, spürte sie den entsetzlichen Schmerz, der ihren Körper wie Stromstöße durchflutete. Eine Weile blieb sie stillliegen. Ihr Atem ging schwer. Tiefe Verzweiflung und Mutlosigkeit wollten von ihr besitzt ergreifen und brach sich bahn, in lautes Wehklagen. Schaurig,- wie alles Leid dieser Welt zusammen, halten die Schreie der Fähe durch den nächtlichen Wald.
Sie spürte, in welch aussichtsloser Lage sie sich befand. Schon bald würde es hell werden. Der Jäger wird nach den ausgelegten Fallen sehen und die Füchsin finden. Das würde ihr Ende bedeuten. Sie dachte an das Neue Leben, das in ihren Leib heranwuchs. In acht Wochen würde es soweit sein.
Ihre Augen, - füllten sich mit Tränen(!) und fielen in dicken Tropfen, ins welke Moos.
Verzweiflung und wilder Zorn hatten sie gepackt. Aus ihnen erwuchsen ein starker Selbsterhaltungstrieb und ein Überlebenswillen, dass alles Leben innewohnt und der Kreatur befähigt, das Unmögliche zu wagen und zu tun, um am Leben zu bleiben.
Sie mußte der Falle entkommen. Um jeden Preis!
Entschlossen hob sie ihre Oberlippe und begann die Pfote abzunagen. Anfangs war der Schmerz zu groß, sie viel wieder und wieder in einer Ohnmacht artigen Bewusstsein Eintrübungen. Langsam, ganz langsam hatte der gequälte Körper angefangen, das körpereigene Morphin zu bilden. Dieses, vom Körper selbst gebildete Opiat, hatte bewirkt, das die Schmerzen ein wenig nachließen. Die Körpereigene „Reparaturwerkstatt“ hatte sich in Gang gesetzt.
Immer wieder übermannte sie eine Ohnmacht. Sobald sie wieder klar bei Sinnen war, nagte sie weiter an den Stumpf. Viele Male, wurde sie vom Schmerz überwältig. Endlich,- im Osten begann der neue Tag schon zu dämmern, war die Pfote frei!
Erschöpft legte sich die Fähe auf die rechte Seite und hob den Stumpf in die Höhe. Ihr Körper wurde von einen schier unerträglicher Schmerz durchflutete.
Ein langanhaltender, heiser, klingender Fuchsschrei hallte durch den stillen Morgen.
Wie ein spezielles Requiem der animalischen Natur, das Leid und Trost, aber auch Anklage gegen den mitleidlosen Menschen, der die egoistische Fehlinterpretation der Schrift, die da lautet, macht euch die Erde untertan, zu seinem  besitzergreifenden Vorteil auslegte und hemmungslosen  Raubbau an dem Tier und der Pflanzenwelt in der Natur, betreibt. Nicht „besitzen“, ist gemeint, sondern „Beschützend, „verwalten, pflegen und erhalten!
Zwei Tage und zwei Nächte hatte die Fähe ihren Bau nicht verlassen. Sie fühlte sich zu schwach; die Schmerzen waren zu groß. Immer wieder war die Fähe aus ihrem Dämmerschlaf erwacht und hatte die Wunde geleckt. Die Wunde hatte aufgehört zu bluten.

Eine harte Kruste aus Blut und Erde umgab die Wunde und versiegelten sie wie einen Verband. Die kühle Feuchte, die in der Höhle herrschte, taten ihr gut, indes ihr der Hunger arg zu schaffen machte.
Die Fähe wusste, dass sie die schützende Höhle verlassen musste um sich Nahrung zu beschaffen. Es würde nicht leicht sein, Beute zu machen. Doch sie musste es versuchen, wenn sie nicht elendig verhungern wollte. Instinktiv dachte sie an das Leben, das in ihr heranwuchs.
Um ihren Willen, musste sie weiter Leben.
Es war Abend. Der Himmel hatte sich zugezogen. Es fing zu regnen an.
Still und reglos standen die mächtigen Föhren am Rande der kleinen Lichtung. Kein Windhauch rührte ihre breitausladenden Äste. In tiefem Schweigen erstarrt lagen die Wälder da. Keine Vogelstimme war zu hören, kein anderer Laut zu vernehmen. Nur Stille,- tiefe Stille.
Die Fähe hatte sich erhoben und stand mit zittrigen Beinen da. Bunte Ringe und Kreisel tanzten vor ihren Augen. Für einen Augenblick schloss sie die Augen. Ihr Körper wankte hin und her. Doch dann gab sie sich einen Ruck und trat vor der Höhle.
Draußen war es dunkel. Eine Weile stand sie unschlüssig da. Sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte. Da fiel ihr der Hase wieder ein, den sie vor Tagen am Erlenbruchhügel erwischt hatte. Den Rest der Beute hatte sie am Fuße des Hügels vergraben.
Ob er wohl noch da war? Oder hatten die allgegenwärtigen Krähen, diese schwarzen Teufel, ihn schon gefunden? Sie spürte, wie der alte Hass den sie gegen die Krähen hegte, wieder in ihr aufstieg. Diese schwarzen Teufel hatte ihr so manche vergrabene Beute abgejagt. Im Laufe ihres Lebens hatte sie die Krähen fürchten und hassen gelernt. Hass und Zorn kamen in ihr auf und gaben ihr ungeahnte Kraft. Schnurstracks lief sie den Bach entlang, der zum großen Erlenbruch führte. Der Gedanke an den vergrabenen Hasen machte neuen Mut. Ihr Revier kannte sie gut und so dauerte es denn auch nicht lange und sie hatte die Stelle erreicht, wo sie den Bach überqueren konnte. Das Wasser war kalt. In kürzester Zeit hatte sie den Bach durchschwommen und erklomm das jenseitige Ufer des Baches. Nun waren es nur noch ein paar Schritte. Die Fähe nahm sich nicht die Zeit, das Wasser aus dem Fell zu schütteln,- zu groß waren der Hunger und die  Anspannung. Da, da war der große Erlenbruch Hügel! Die Fähe hob den Kopf und nahm Witterung auf. Der Geruch des Hasen kam ihr in die Nase aber auch jener so verhasste Geruch der Krähen. Dann hatte sie die Stelle erreicht… Fassungslos stand sie vor dem geöffneten Versteck. Die innere Anspannung wich einer unbeschreiblichen Traurigkeit. Ein faßt physischer Schmerz hatte sich auf ihrer Seele gelegt und machte sie benommen. Für einen Moment schloss sie die Augen. Sie spürte das wilde Pochen ihres Herzens in der Brust.
Dann hob sie den Kopf zum Himmel und ein weithin hörbarer Verzweiflungsschrei halte minutenlang durch die finstere Nacht.
Die Fähe ging zu der großen Föhre und legte sich nieder. Ihr Atem ging stoßweise. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Das Wasser hatte die verkrustete Wunde aufgeweicht, sie begann wieder zu bluten.
Diese alte, knorrige Föhre war der Schlafplatz einer Waldohreulen Familie. Schon oft hatte sie ihre unheimlichen Rufe gehört. Aber auch so manche fette Schermaus gefunden. Die Schermäuse waren wohl zu groß für die Eulen, sie konnten sie nicht im Stück hinunterwürgen. Oder sie hatten sie einfach fallen lassen. Und tatsächlich, keine zwei Meter von ihrem Lagerplatz, fand sie eine große Schermaus und ein Stück weiter die Zweite. Vier Schermäuse fand sie in dieser Nacht unter der alten Föhre. Ihr Hunger war gestillt. Eng an der Föhre geschmiegt, rollte sie sich zusammen und war bald eingeschlafen…
(1.2.2015)

In meiner Kindheit habe ich so manche Treibjagt erlebt. Zwei Mal habe ich Füchse gesehen, denen eine Vorderpfote fehlte. Ein Tellereisen hatte die Pfote zerschmettert und der Fuchs hatte die Pfote abgebissen. Tellereisen sind heute zur Jagt verboten. Gottseidank!


 

 

 

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