Thomas Kleinrensing

Selbstgespräch Nr. 08

Die Espressomaschine malt und presst mit der Lautstärke eines Motorrasentrimmers das braune Extrakt in meine rote Morgenkaffee Ritualtasse. Ich schaue ihr dabei zu während ich noch etwas gefaltet darüber nachgrüble, warum sich mein Kaffeeverzehr dramatisch verringert hat, obgleich die verwendete Zuckermenge gleichgeblieben ist. Ich bin mir nicht sicher ob das Haar kräftigende Koffeinshampoo mitverantwortlich dafür ist. Zumindest ist der morgendliche Haarkick ungesüßt, laut aufgeführten Inhaltsstoffen. Das kann ein Indiz sein.

Mir fällt ein, dass Mutter in meiner vorpubertären Zeit an jedem wöchentlichen Badewannen Freitag, immer ein Ei auf meinen Kopf zerschlug, so dass die gallerte Flüssigkeit mir über das Gesicht in den Mund, weiter auf Schultern und Körper tropfte. Dann verfeinerte sie mit einer halben Flasche Bier, massierte mir die Kopfhaut rot und spülte mit kaltem Wasser alles aus den wildwuchernden Haaren. „Dat macht die Zottel kräftig“, sagte sie dann immer. Sie sollte sich nicht irren. Das trifft bis heute auf die Brauen-, Nasen-, Bart- und Körperhaare zu. Aber durch diese fürsorgliche Maßnahme wurde mein Appetit auf Eier und Bier in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht nachhaltig reduziert, eher das Gegenteil war der Fall. Appetit kommt bekanntlich beim Essen, denke ich.

Allerdings merke ich schon, dass ich etwas penibler geworden bin. Ich trinke zum Beispiel seit einiger Zeit bei privaten wie auch offiziellen Anlässen den Prosecco und Sekt nicht mehr aus flüchtig ausgewaschenen Senfgläsern, auch wenn der gewohnt würzige Geschmack dadurch verloren geht. Auch hat sich mein Bierkonsum in den letzten zwei Jahren merklich verringert, zugunsten von Bauchumfang, Weißwein und Rosé. Allerdings  genieße ich den Rebensaft weiterhin aus 0,2 Liter Biertulpen. Es ist also nicht hoffnungslos. Doch vor ein paar Tagen erlitt ich einen tiefen Schock. Ein Ereignis welches  ohne mein Zutun wie aus dem Nichts mich erschütterte.

Ich hatte mich mit meinen englischen Freunden in unserem Pub zum Quatschen, Darts und Bier verabredet, als ich mich dabei erwischte, ohne erkennbaren Grund, Zwang oder gar Gewaltandrohungen Dritter, wie ich einen Grünen Tee bestellte. Grüner Tee war bislang für mich wie gelbe Socken, undenkbar. Nachdem sich die Kneipenbesatzung wieder beruhigt hatte und die Lachkrämpfe von Tony und den anderen durch massives Schenkelklopfen und einem Pint Red gelöst werden konnten, versuchte ich erst gar nicht eine offizielle Erklärung abzugeben. Zumal ich mich selbst überrumpelt fühlte.

Aber jetzt so mit mir und angesichts dieser Hightech Espresso Technologie aus dem Jura, versuche ich zu ergründen was da irgendwo in mir, warum auch immer und wieso, vor sich geht. Das Ganze hat für mich einen faden und beunruhigenden Beigeschmack, nicht nur weil der Espresso nach Sonderangebot schmeckt. Kann es sein, dass sich meine Geschmacksknospen in eine Richtung verändern, die mit mir nicht abgesprochen ist? In welche Unsicherheit und unbekannte Tiefen werde ich taumeln, wenn ich eines Tages aufwache und ich den Restkaffee ohne zu rauchen, quasi ungeröstet, zu mir nehme? Einfach so, ohne willentlichem und wissentlichem Zutun?

Ganz bewusst habe ich die Nikotinrationen schon seit längerem auf zehn Indikationen pro Tag herabgesetzt. Darauf bin ich stolz, genauso wie auf die Wiederentdeckung des wöchentlichen Freizeitsports. Aber ich stelle jetzt erschrocken fest, mittlerweile frierend im Bademantel und Latschen bei minus zwei Grad auf dem starkwindigen Balkon stehend, dass selbst der erste Zug an der Tabakrolle zum übersüßten Extrakt mir heute nicht schmeckt. Und als wenn die alten Bäume wissen was vor sich geht, headbangen sie zu einer Musik die ich nicht hören kann.

Während ich wie festgefroren stehe, wirbeln die ersten Schneeflocken heran und der Himmel wird tiefschwarz. Aus dem Wind, dem himmlischen Kind, ist ein brüllender Schläger geworden, der mich hin und her schubst. Bislang glaubte ich, dass es ein schriftstellerischer Kunstgriff sei, wenn das Blut in den Adern gefriert. Weit daneben gedacht. Mir gefriert nicht nur das Blut sondern neben den Ohren, Füßen und Händen vereisen auch sonstige Anhängsel. Schlotternd stolpere ich hinein, schließe die Tür und ziehe mir die Decke bis zum Kinn auf der Couch hoch. Wie vor einem Fernseher mit Bildausfall starre ich in den wütenden Schneesturm vor den Fenstern. Andere starren vielleicht in die Flammen ihres Kamins wenn sie gedankenverloren in sich nach ihrem Sein suchen.

Da ich so eine Feuerstelle nicht besitze und der Toaster kein adäquater Ersatz ist, starre ich in dieses dunkle Wirbeln, Zerren und Heulen. Immer wieder glaube ich, das es sich anhört wie:“ Jetzt scheiß dir nicht ins Hemd, wegen Deiner paar kleinen Schnullikrisen“. Wer will, kann und traut sich einer so geballten Trotzigkeit ins Wort zu fallen. Ich nicht und halte deshalb lieber den Mund. Und während das tobende Ungeheuer weiter wütet, fühle ich mich wie ein Computer wenn er defragmentiert wurde, irgendwie befreit. Ich bin so viel ich, wie es eben geht. Weniger Bier, Kaffee, Zigaretten unter Bereitstellung gleicher Zuckermengen ohne künstliche Aroma- und Zusatzstoffe, das bin halt ich momentan. Zumindest ein Teil von meinem ich. Vielleicht unentdeckt, aber aufgrund dessen doch noch ich. Wie so manche Ureinwohner am Amazonas es noch heute wären, wenn nicht eine Expedition die Zivilisation, Grippe und Kettensäge gebracht hätten.

Ich bin halt was und wie ich bin. Nichts Halbes und nichts Ganzes, mal Nikotin frei, mal Feuer und Flamme. Ein Glas, eine Tasse halb voll und halb leer. Noch immer gezuckert aber keinesfalls gepudert und schon gar nicht falsch gewickelt.

Der Tom
03. Februar 2015
www.tom-kleinrensing.de 

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