Christa Astl

Eingeschneit?



 
 
Das hätte Waltrudis nicht gedacht, dass es heutzutage noch so viel Schnee gibt!  Die schneereichen Winter kannte sie nur vom Hörensagen, aus den Erzählungen ihrer Großmutter. Damals war es im Winter eisig kalt, im Schlafzimmer hatten sie Eisblumen am Fenster, oft auch Reif an den Wänden, Bäche und Flüsse waren zugefroren. Heute wäre es undenkbar, auf dem nahen Fluss Schlittschuh zu laufen, er war in ihrem Leben noch nie zugefroren.
Und sie hätte auch nie an solch einen Winter gedacht, als sie zu ihrem Ferienhaus in den Bergen fuhr. Sie wollte nur dem zähen Nebel, der die Stadt am Strom seit Tagen unter seiner trüben Decke barg, entfliehen. Das ewige Grau begann schon auf die Seele zu drücken, es war höchste Zeit, ihm zu entkommen, die Sonne zu sehen.
Für weite Reisen in den sonnigen Süden oder gar auf die andere Seite des Erdballs fehlte das Geld.
Also packt sie ihre Sachen, um für ein paar Wochen ihr  Häuschen aufzusuchen. Eigentlich brauchte sie nicht viel mitzunehmen, warme Kleidung hatte sie dort, denn die ersten Tage würden bestimmt unangenehm kalt sein. Es dauert immer einige Zeit, bis ein lange unbewohntes Haus gemütlich warm wird, das wusste sie ja bereits. Aber mit Holz brauchte sie nicht zu sparen.
Die Lebensmittel dürften noch für einige Tage reichen, dann wird sie eben mal ins Dorf gehen, eine Viertelstunde ist ja nicht weit.
Möglicherweise wird Schnee liegen, und sie hat keine Winterreifen. So fährt sie am besten mit der Bahn und dann mit dem Taxi. Auf den Wetterbericht kann sie sich nicht verlassen, der sagt für dort oft Kälte und Regen, wenn föhnbedingt noch die Sonne scheint.
Zeitig am Morgen will sie die Fahrt antreten, damit sie gleich ein paar Stunden Sonnenschein genießen kann.
Aber es kommt anders. Am Morgen schneit es in der Stadt, das erste Mal in diesem Jahr, das schon einen Monat alt ist. Auch gut, dann schneit es dort auch, so ist wenigstens alles wieder rein weiß, sie freut sich schon auf die Winterlandschaft, die für einige Zeit ihre Heimat werden sollte.
Am Bahnhof angekommen, erkennt sie, dass es hier schon sehr viel geschneit haben musste. Der gerade vorbeifahrende Schneepflug schiebt eine Menge Schnee vor sich her. Sie beobachtet es, während sie auf ihr Taxi wartet. Und immer noch fallen die Flocken.
"Nein, da werde ich gar nicht hinauf können", meinte der Taxilenker, als sie ihm die genaue Adresse nennt. "Macht nichts, das letzte Stück kann ich ja gehen" erwidert Waltrudis zuversichtlich, ohne sich vom besorgten Gesicht des Chauffeurs beeindrucken zu lassen.
Dann steht sie vor einer hohen, vom Schneepflug in den letzten Tagen hergeworfenen Mauer am Eingang ihres Grundstückes. Vorsichtig versucht sie mit dem Stiefel eine Stufe zu schlagen, eine zweite, dann hat sie die Höhe des gepressten Schnees erreicht, beim dritten Schritt versinkt sie in wie ihr scheint bodenloses weißes Pulver, das ihr bis weit übers Knie reicht. Vor sich eine endlose, mehr als zehn Meter lange unberührte Schneewüste. So kommt sie nicht hinein. Aber sie muss!!
 Sie stellt ihren Koffer am Wegrand ab, die beiden Taschen dazu. Mühsam ist es, einen Fuß aus dem Schnee zu ziehen, während der andere genau so tief einen Schritt weiter wieder versinkt. Zehn Meter können so zur Ewigkeit werden. - Neben der Haustüre lacht hämisch die Schneeschaufel.
Die Leute hätten was zu lachen gehabt, wenn sie gesehen hätten, wie sie sich wie der Yeti durch den Schnee wälzt - aber hier gibt es keine Leute.
Jeder Weg hat ein Ende, endlich erreicht sie die Haustüre. Aber o je, der Schlüssel ist in der einen Tasche auf der Straße. Ärger über sich selbst kommt auf. Aber nicht zu ändern, der Schlüssel kommt nicht, wenn sie pfeift. Also, die Schaufel zur Hand, irgendwann hätte sie doch den Weg freiräumen müssen, warum nicht jetzt gleich? Und ob sie nun ein paar Minuten früher oder später einheizt, .... Der Schneefall hat etwas nachgelassen, sie zieht den Anorak aus. Die ungewohnte Arbeit bringt sie ins Schwitzen. Es wäre jetzt Mittag, der Magen beginnt zu knurren. Er wird heute noch einige Zeit warten müssen.
Sie überlegt, was der Kühlschrank und das Vorratsregal noch zu bieten haben. Gedanklich fern der momentanen Arbeit hat sie nun die Straße erreicht. Der Koffer hat bereits eine leichte Schneeschicht, eine Tasche, die nicht verschlossen war, hat Schnee aufgenommen. Sie lacht: "Den trage ich nicht mit hinauf", und putzt ihn weg.
Endlich steckt der Schlüssel im Schloss. Wie immer muss sie mit der anderen Hand die Tür heranziehen, damit sie dann aufgeht. Jeden Winter klemmt sie ein wenig.
Ihr Sachen stellt sie im Hausflur ab, dann geht sie zum Ofen. Kleinholz und Anzündmaterial richtet sie immer schon her, wenn sie das Hause verlässt, also ein Zündholz darunter, und es brennt. - Ja wo sind die Zündhölzer? Auf dem Wohnzimmertisch, nach einigem Suchen findet sie welche. Brennt das Feuer? Erst flackert es nur müde und halb erstickt im Rauch. Ihre Geduld lohnt sich jedoch, bald brennt es lustig, bald wird der Ofen warm. - Ein Blick durchs Fenster, statt der Sonne sieht sie dicke Schneeflocken. Na, da kann ich heute noch einmal schaufeln!?, denkt sie schon ein wenig genervt. Sie hätte sich den Aufenthalt hier anders vorgestellt!
Solange sie im Haus zu tun hat, ist es auch mit Temperaturen unter zehn Grad gerade noch auszuhalten. Ihren Anorak hat sie mit einem dicken Pullover vertauscht, der ihr hier ein liebgewordener Begleiter und treu wärmender Freund ist.
Im Kühlschrank erlebt sie die nächste Überraschung. Da die Außentemperatur niedriger war, hat er seinen Dienst eingestellt. Die Folge, die Sachen im Eisfach waren aufgetaut. "Meine Vorräte für die nächsten Tag! Tja, die muss ich eben heute und morgen aufbrauchen, vielleicht reichen sie auch noch am Sonntag." Wieder rennt sie zum Ofen, legt ein paar dickere Holzscheite nach. Bald muss sie hinaus zum Holzstoß vor dem Haus, den Korb neu zu füllen. Sie stellt Teewasser auf, und wie immer an kalten Tagen, einen Bratapfel in den Ofen.
Dann zieht sie den bequemen Stuhl zur Wärmequelle, jetzt hat sie sich erst mal eine Rast verdient. Zum Tee gibt es noch Weihnachtskekse. - Und draußen schneit es.
Früh sinkt der graue Tag in den Abend. Sie macht die Vorhänge zu, um das Geflocke nicht mehr sehen zu müssen. Nein, Schneeräumen wird sie heute nicht mehr. Dazu ist  morgen auch ein Tag. Dann rentiert es sich wirklich. Der Abend verläuft gemütlich, sie hat ja viele Bücher hier. Der Handyempfang ist, wie sie schon vorher wusste, wetterbedingt wieder einmal sehr schlecht. Aber sie braucht niemanden, und ihr will sicher auch niemand was. Wie zu Hause auch immer, bleibt sie bis lange nach Mitternacht auf, sitzt neben dem Ofen, bereit immer wieder nachzulegen, liest oder hört eine ihrer alten Schallplatten.
Die Heizdecke hilft ihr, die erste Nacht im eiskalten Schlafzimmer gut zu überstehen. Nein, Eisblumen sieht sie doch nicht an der Fensterscheibe!
Als sie am nächsten Morgen die Vorhänge zurück zieht, schneit es noch immer. Die Begrenzungsmauer der Terrasse, die sie am Vortag abgekehrt hatte, trägt wieder eine dicke Schneehaube. "Hilft nichts, heute musst du raus!", ermuntert sie sich selber, aber es bedarf schon einiger Aufrufe, bis sie endlich, mit Schihose und Gamaschen ausgerüstet, sich doch vors Haus wagt. Handschuhe nicht vergessen!
Es schneit noch immer. Auf dem am Vortag geräumten Weg liegt wieder ein halber Meter. - "Himmel hör auf mit deinem Segen, so viel habe ich mir nun doch nicht gewünscht."  Der Himmel hat kein Einsehen, im Gegenteil, er erschwert die Arbeit, indem er die Temperatur ansteigen lässt, so dass der Schnee sehr schwer wird.
Auf halber Strecke meint sie schon, die Arme nicht mehr heben zu können, die Schaufel wird nur mehr halb gefüllt. Auch ist der Rand bereits über einen Meter hoch, das Hinaufkippen wird immer anstrengender, schließlich ist sie selber nur knapp eins sechzig groß.
Heute braucht sie schon mehr als eine Stunde. Mühsam auf die Schaufel gestützt, wankt sie dann zurück. Zum Kochen hat sie keine Lust mehr. Das Feuer ist inzwischen ausgegangen. Um neu einzuheizen, muss ihre Kraft noch reichen, frieren will sie nicht. Und eine große Tasse Tee mit Rum hat sie sich auch verdient.
Vor Einbruch der Dunkelheit räumt sie nochmals, schiebt den Schnee nur etwas zur Seite, denn es schneit noch immer. Nicht auszudenken, sie käme ja sonst gar nicht mehr hinaus, wäre völlig eingeschneit und von der Außenwelt total abgeschieden! Der Rücken schmerzt, die Arme, so kommt ihr vor, werden immer länger... Am liebsten würde sie heimfahren.  
Am zweiten Morgen lugt sie vorsichtig aus dem Fenster, das gleiche Bild: dicke Flocken tanzen leise hernieder... Sie muss an das Weihnachtslied vom leise rieselnden Schnee denken - ob der Texter des Liedes das jemals erleben durfte? - Und Weihnachten ist schließlich vorbei, die Keksdose hat nur mehr einen spärlichen Rest aufzuweisen. "Es reicht, ich mag nicht mehr!", ruft sie ganz laut, bevor sie sich wieder mit ihrem Kampfwerkzeug, der Schaufel, in den Schnee stürzt. Doch niemand hört sie.
Nur der Gedanke: Morgen fahre ich heim, lässt sie die neuerliche Strapaze durchstehen. Immer höher erheben sich die Schneeränder auf den Seiten ihres Weges, demnächst wird sie einen Tunnel graben müssen...?
Mittags lässt der Schneefall endlich nach, nachmittags blitzt kurz die Sonne durch, aber am Abend - schneit es wieder. Waltrudis beginnt den Koffer zu packen. Meine letzte Nacht, da muss ich besonders gut schlafen, nimmt sie sich vor. Plötzlich fällt ihr ein: Hoffentlich drückt der Schnee das Dach nicht ein?! Mit diesem Gedanken wird es natürlich nichts mehr mit dem guten Schlaf.
Sie erwacht erst spät am letzten Morgen, bleibt noch eine Weile im Bett liegen, wagt es nicht, die Vorhänge zu öffnen. Eigentlich will sie ja gar nicht heim, aber nur diese ständige, mühselige Arbeit? Die will sie auch nicht. Sie kann keine Schneeflocken mehr sehen!!
Und - sie sieht keine, als sie den Vorhang endlich zurück zieht. Stattdessen blendet die Sonne auf den frischen Schnee, es ist ein Funkeln und Glitzern, das sie sofort aus den Federn treibt. Strahlend blauer Himmel, ein Traumwintertag! Endlich!!
Gerne packt sie den Koffer wieder aus und schultert den kleinen Rucksack, dann  geht sie ins Dorf zum Einkaufen.
 
ChA 06.02.15
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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