Michael Geneschen

In Ewigkeit Amen

Xaver – ein Kater zum verlieben
 
In Ewigkeit Amen
 
Alles in allem habe ich ja im Lindenblütenweg ein komfortables Leben. Ich bekomme ausreichend Futter, habe alle Freiheiten die man sich wünschen kann und brauche mir eigentlich keine Sorgen machen.
 
So saß ich eines schönen Nachmittags gemütlich auf der Mauer unseres Vorgartens als ein Pinguin auf einem Fahrrad die Straße heraufkam. Er lächelte mich freundlich an und fuhr an mir vorbei. Sein Ziel schien das Haus der Hubers zu sein. Mit viel Schwung stellte der Pinguin das Fahrrad vor dem Haus ab und ging zur Tür. Kurz nach dem Klingeln öffnete Herr Huber die Tür. Ich konnte nicht vernehmen was der Pinguin sagte aber ich hörte Hernr Huber deutlich brüllen: „Nein und noch mal nein. Außerdem sind wir evangelisch.“ Danach war nur noch das Zuschlagen der Haustüre zu hören.
 
Enttäuscht kam der Pinguin wieder vom Grundstück, nahm das Fahrrad und kam auf mich zu. „Der war aber nicht sehr freundlich.“, sagte sie zu mir und kraulte mich. Dann ging sie zu unserer Tür. Ich fand das Fahrrad sehr interessant. Vorne war ein Korb angebracht und in dem Korb lag ein Wollbeutel. Hinter mir klingelte es. Mama Dosenöffner öffnete die Tür. „Guten Tag gute Frau.“, sagte der Pinguin. Ich nenn ihn mal weiter Pinguin, denn ich kenne nicht die weibliche Form von Pinguin. „Ich bin Schwester Marianne und komme vom Kloster St. Christopherus vor der Auferstehung. Vielleicht kennen Sie unsere Einrichtung.“ „Ja, ich war schon mal bei einem Ihrer Sommerfeste.“, sagte Mama Dosenöffner. „Das ist schön.“, lächelte Schwester Marianne. „Bestimmt haben Sie schon davon gehört dass das Bistum zusammen mit unserem Orden in unserem Haus einen neuen Kindergarten baut. Die Kapazitäten des städtischen Kindergartens sind total ausgereizt und eine schnelle Abhilfe muss geschaffen werden.“ „Lassen Sie mich raten.“, lachte Mama Dosenöffner. „Sie sind hier um Spenden für den Bau des Kindergartens zu sammeln.“ „Sind Sie nicht auch froh wenn Ihr Kind gut und kompetent betreut wird während Sie auf der Arbeit sind.“ „Unser Sohn ist zum Glück nicht mehr so klein. Aber ich wäre froh. Schon als Timmy in den Kindergarten ging war es nicht einfach dort einen Platz zu bekommen.“, sagte Mama Dosenöffner. „Von daher find ich die Idee nicht dumm.“ Mama  Dosenöffner drückte dem Pinguin 10,00 € in die Hand. „Gott vergelte es Ihnen.“, sagte Schwester Marianne. „Das glaube ich nicht.“, sagte Mama Dosenöffner. „Wir sind überzeugte Atheisten.“ „Das ist aber sehr schade. Er glaubt mit Sicherheit an Sie. Ich wünsche Ihnen aber einen schönen Tag und wenn Gott es Ihnen nicht vergelten soll dann halt die Kinder.“ „Damit kann ich leben.“, lachte Mama Dosenöffner und schloss die Türe. Der Pinguin ließ diesmal das Fahrrad stehen und ging weiter zum Haus der Radkes. Das war meine Gelegenheit. Ich hüpfte von der Mauer und kletterte in den Korb am Fahrrad. Es roch verführerisch nach Wurst. Ich schlüpfte in den Wollbeutel.
 
Die Erkundung des Beutels hatte mich so sehr beschäftigt dass ich gar nicht bemerkt hatte dass der Pinguin zurück gekommen war und das Fahrrad wieder genommen hatte. Mir kam es nur auf einmal so komisch vor dass alles schaukelte wie auf einem Schiff. Ich verhielt mich ganz ruhig. Immerhin wollte ich ja noch an die Wurst die sehr zu meinem Leidwesen übersorgfältig eingepackt war. Der Pinguin sang fröhlich ein Lied während er auf dem Fahrrad so dahin radelte. Irgendwann stieg sie stöhnend ab. Sie nahm den Beutel aus dem Körbchen. Da rutschte ich heraus. „Was machst Du denn da?“, fragte sie fröhlich. „Dich habe ich doch eben auf der Mauer bei der netten Dame gesehen. Hast Du Dich einfach so eingeschmuggelt.“ Sie kraulte mein Köpfchen. „Jetzt musst Du erst mal hierbleiben. Noch mal in die Stadt zu radeln ist mir echt zu viel.“ Sie nahm mich auf den Arm und streichelte mich zart. Wir gingen in ein altes Haus. Ich dachte schon ich wäre im Zoo gelandet denn da liefen noch etliche andere Pinguine rum. „Seht mal, ich habe einen blinden Passagier mitgebracht.“, rief Schwester Marianne. Sie setzte mich auf den Tisch. Viele der Pinguine kamen zu mir herüber und streichelten mich und riefen immer wieder: „Ach ist die süß.“
 
Aus einer Ecke kam eine schwarz-weiße Katze heraus. Sie sprang auf die Bank neben Schwester Marianne und schaute mich neugierig an. „Ich habe Dir einen Spielgefährten mitgebracht Magdalena. Aber nur für heute.“, lachte Schwester Marianne. „Wer bist Du denn?“, fragte Magdalena mich kritisch. „Ich bin Xaver. Ich wollte nur etwas Wurst aus dem Beutel. Aber irgendwie bin ich jetzt hier bei den Pinguinen gelandet.“, antwortete ich. „Mein Name ist Magdalena. Ich bin hier die Klosterkatze.“ Mir blieb der Atem weg. Ich war nicht im Zoo sondern im Kloster. Nicht dass ich genau gewusst hätte was ein Kloster ist, aber es klang echt spannend.
 
Magdalena klärte mich auf was ein Kloster war und was hier so passierte. Das ganze hatte mich hungrig gemacht. Ich hatte ja auch noch den Geruch der Wurst in der Nase. Endlich fing eine der Schwestern an den Tisch zu decken. Ich muss schon sagen die Ordensschwestern ließen es sich echt gut gehen. Alle setzten sich auf die Stühle. Ein Stuhl blieb frei. Also meiner! „Komm da runter das ist der Platz des Abtes. Dem einzigen Mann hier.“, zischte Magdalena. Ich ließ mich nicht beeindrucken. Einer der Pinguine erhob sich. „Meine Schwestern. Es geschieht so viel Unheil in der Welt. Wir wollen denen gedenken denen es nicht so gut geht wie uns und kein sättigendes Mahl haben. Wir wollen bis Sonnenuntergang fasten und beten.“ Alle Pinguine verschränkten die Hände und senken die Köpfe. „Na gut.“, dachte ich mir. „Wenn ihr nicht essen wollt, ich kann eine Menge verdrücken.“ Direkt vor mir stand ein saftiger Schinken. Wie ich es gelernt hatte habe ich erst eine Pfote, dann die andere Pfote auf den Tisch geschoben. Mit einem kleinen Hüpfer saß ich auf dem Tisch. Seit verschlungen Millionen. Doch gerade als ich mir ein Stück vom Schinken vom Tisch holen wollte packte mich zwei Hände. „Das ist nicht für Dich!“, zischte Schwester Marianne. „Und außerdem wenn wir fasten müssen die Katzen auch fasten.“ Wer hatte sich sowas ausgedacht. Harte Sitten hier.
 
Magdalena zeigte mir das Gelände. Missmutig, weil hungrig, trabte ich hinter ihr her. Erst als es anfing dunkel zu werden gab es dann doch noch was zu futtern. Keinen Schinken aber Markenkatzenfutter. Immerhin! Danach war Bettruhe. Eigentlich hätte ich ja noch etwas trainieren müssen. Wie sollte ich meine Linie halten wenn ich so spät noch esse. Doch erneut lernte ich die harten Regeln des Klosters kennen. Alle begaben sich ins Bett. Ich war jedoch so müde dass ich auch schnell einschlief.
 
Eine dröhnende Glocke weckte mich. Es war noch nicht mal richtig hell draußen. Wie ein Hühnerhaufen liefen die Nonnen durcheinander. „Gibt es jetzt Frühstück?“, fragte ich Magdalena schläfrig. „Frühstück gibt es zwischen acht und neun. Jetzt ist erst mal Morgenandacht.“ Was war dass schon wieder? Magdalena zeigte es mir. Alle Pinguine versammelten sich in einem riesigen Raum den Magdalena Kapelle nannte. Sehr prachtvoll. Die Pinguine knieten nieder, einige ältere saßen auf Bänken, senkten den Kopf und falteten die Hände. Schon wieder! Mir war langweilig. Ich erkundete die Kapelle etwas. In einer Ecke sah ich etwas das wie ein Kleiderschrank aussah. Ob da auch eine Kutte in Katergröße drin war? Ich wurde enttäuscht. Der Schrank war leer. Stattdessen war eine kleine Bank zu sehen. Zu einer Seite war ein Fenster das man mit einer Art Verschlag verschließen konnte. „Was machst Du denn hier?“, hörte ich plötzlich Magdalenas Stimme neben mir. „Komm, gleich ist Frühstückszeit.“
 
„Wie läuft denn das Leben in so einem Kloster ab?“, fragte ich Magdalena. „Einige Schwestern gehen gleich zur Beichte. Andere haben verschiedene Aufgaben. Wir sind eigentlich den ganzen Tag beschäftigt.“ Der Kleiderschrank in der Kapelle ließ mich nicht los. Ich schlich mich zurück, unbemerkt von Magdalena oder sonst jemanden. Irgendwie war das Ding spannend. Fubios sollte sich so etwas für seine Kunststücke anschaffen. Ich hörte Schritte die näher auf den Kleiderschrank zukamen. Jemand kniete von außen an den Kleiderschrank. Bei dem ganzen auf den Knien sitzen wundert es mich nicht dass die Nähgarnindustrie so brilliert. „Vater ich habe gesündigt.“, sagte eine weibliche Stimme. Mit meiner Nase schob ich den Verschlag zu. Ich hatte Angst entdeckt zu werden. „Ich habe bei meiner Gartenarbeit gestern mit dem Gärtner der Friedhofsgärtnerei gesprochen. Er war sehr attraktiv. Heute Nacht habe ich davon geträumt mit ihm … nun Ihr wisst schon. Wie viele Vater unser soll ich beten?“ Dieser verdammte Verschlag wollte einfach nicht zu bleiben. Ich musste viermal mit meiner Nase dagegen stupsen. „Meint ihr vier reichen?“, fragte die Stimme draußen. „Ihr seit zu gütig Vater.“ Dann erhob sich die Person und ging wieder. Es war wohl besser den Kleiderschrank zu verlassen. Vorsichtig schaute ich hinaus. Da kam ein Mann von der anderen Seite. Als er mich sah schaute er erst mal etwas verwirrt von rechts nach links. Auch die Schwester der ich gerade die Absolution erteilt hatte schien durch die Ankunft des Mannes etwas irritiert zu sein. Der Mann schien jedoch nicht böse zu sein. Lächelnd nahm er mich auf. „Leiste mir etwas Gesellschaft kleiner Freund.“, sagte er leise. Er setzte sich in den Kleiderschrank, mich auf den Knien. Wieder Schritte. Erneut kniete jemand von außen. „Vater ich habe gesündigt.“, sagte die Stimme. „Was hast Du getan meine Tochter.“, sagte der Mann. „Ich habe meine Mitschwestern verführt mit mir eine ACDC zu veranstalten.“ „Was, ihr habt AC/DC gehört!“, sagte der Mann. „Nein, ACDC, Allgemeine Christen Disco Charts.“ Der Mann atmete erleichtert auf. „Und? Wer war Nummer 1?“, fragte er. „Lady Ga Ga.“, sagte die Schwester. „Hättet es nicht wenigstens Madonna sein können. Dann wäre zumindest am Namen was christliches gewesen. Oder zumindest Mariah Carrey. Da hätte der Vorname noch gepasst. Bete zur Strafe vier Vater unser und zwei Gegrüßet seist Du Maria. Damit Du beim nächsten Mal dran denkst.“ Wieder entfernten sich Schritte. Der Mann holte eine kleine Flasche aus seiner Kutte. „Siehst Du kleiner Freund. Mit so was muss ich mich jeden Tag rumschlagen. Wie soll ich bei soviel fehlender Christlichkeit eines Tages ruhigen Gewissens vor den Herrn treten. Für alles soll ich Vergebung walten lassen. Ist schon ein sch… Job.“ Wieder kam jemand. „Vater ich habe gesündigt.“ „Was hast Du getan meine Tochter?“, fragte der Mann wieder. „Ich habe mit unserem Lieferwagen auf dem Parkplatz des Supermarktes ein anderes Auto beschädigt. Aus Panik bin ich davongefahren.“ „War es ein teures Auto.“, fragte der Mann, langsam dämmerte es mir dass dies der Abt sein musste. „Ein Mittelklassewagen.“, sagte die Schwester. Wieder nahm er einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Er hielt sie mir hin als wollte er mir auch etwas von dem Gesöff anbieten. „Dann hat es sich nicht mal gelohnt. Bete drei Vater unser zur Buße. Geh dann zur Polizei und melde den Schaden. Und vergess nicht den Teufel von Versicherungsvertreter anzurufen dass er den Schaden regelt. Und …am besten rufst Du zuerst an.“ Die Schwester verließ den Kleiderschrank. Wie ich inzwischen weiß nennt man das Beichtstuhl. Wieder nahm er einen Schluck. „Genug Güte gezeigt.“, meinte er. „Wird Zeit für den Spätmorgenschlaf.“ Er erhob sich und verließ den Beichtstuhl. Auch ich hatte genug gehört.
 
Als ich aus der Kapelle kam lief mir bereits Schwester Marianne entgegen. „Da bist Du ja kleiner Schlingel. Komm, ich bring Dich nach Hause.“ Die Fahrt mit dem Fahrrad war diesmal viel angenehmer. Ich ließ mir den Wind um die Nase wehen und genoss das schöne Sonnenwetter. Daheim angekommen klingelte Schwester Marianne an unserer Tür. Mama Dosenöffner öffnete. „Sie schon wieder.“, sagte sie skeptisch. „Tut mir leid Sie noch einmal belästigen zu müssen.“, lächelte Schwester Marianne. „Aber ich habe mehr mitgenommen als ich wollte.“ Damit setzte sie mich auf den Boden. „Xaver!“, rief Mama Dosenöffner. „Wir haben Dich schon vermisst. Vielen, vielen Dank dass Sie unseren Kater zurück gebracht haben.“ Schwester Marianne lächelte nur und ging wieder. Ich ging mit Mama Dosenöffner in die Küche. „Wo war ich stehengeblieben…?“, fragte Papa Dosenöffner. „Ach ja, stell Dir vor dem Hans haben sie auf dem Supermarktparkplatz eine Beule ins Auto gefahren. Der Schuldige ist einfach abgehauen. Ein paar Zeugen sagten es wär eine Nonne gewesen. Kannst Du Dir so was vorstellen. Die fahren doch nur Fahrrad.“
 
Das glaubst auch nur Du Papa Dosenöffner. Jetzt weiß ich vieles über die Vertreter des lieben Gottes auf der Erde. Sie sind auch nur Menschen und machen Fehler. Im Nachhinein bedauere ich fast dass ich den Schluck aus dem Flachmann des Abtes abgelehnt habe. Noch ein paar Tropfen mehr und wir hätten eine ACDC gemacht. Wär bestimmt lustig geworden.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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