Christine Wolny

SPARSAME ZEITEN

 


SPARSAME ZEITEN

Eine Sonntagsgeschichte zum Schmunzeln

Es war im Jahre 1952. Meine Verwandten, bei denen ich aufwuchs, drehten jeden Pfennig um, bevor sie ihn ausgaben, und so auch meinen Rock.
Das kam so.
Sie waren damit beschäftigt, sich ein neues Heim zu schaffen. Es war nach dem Krieg, und durch den Hausbau musste jede Mark und jeder Pfennig gespart werden.
Da konnte und wollte man keinen neuen Rock oder ein neues Kleid kaufen.
Zwar war der alte Stoff schon sehr schäbig, denn die Farben waren durch das häufige Waschen und durch Sonneneinstrahlung sehr ausgeblichen.
Er war einmal rot und blau kariert. Die Karos waren mit schmalen, weißen Steifen abgesetzt. Jetzt sah er gräulich aus.
Jeden Tag hatte ich diesen Rock in der Schule an, und ich äugte schon manchmal nach den Kleidern, die meine Schulkameradinnen trugen….
Doch daheim sagte ich kein Wort darüber.
In den Sommerferien kam Tante Sophie zu Besuch, die nähen konnte.
Schon vor Ferienbeginn erwartete ich sie heimlich und fieberte der Zeit entgegen. Hoffentlich kommt sie auch wirklich….
So meine Gedanken.
Sie musterte mich erst einmal, sah mich von oben bis unten an und
stellte fest, wie ich doch in dem einen Jahr gewachsen war.
Aufgefallen wir ihr natürlich gleich mein Rock, und so hatte sie wohl den grandiosen Einfall, ihn zu wenden, nachdem sie sich die Unterseite des Stoffes betrachtet hatte.
Er wurde komplett in Einzelteile zerlegt und wieder zusammen genäht. Das nahm Stunden in Anspruch. Ich durfte sogar beim Auftrennen etwas mithelfen.
„Nur kein Loch mit der Schere hinein ritzen.“ Diesen guten Rat gab mir die Tante.
Nach ein paar Tagen leuchtete er wieder in kräftigen Farben, und sah wie neu aus.
Die Arbeit hatte sich gelohnt.
Danach kam noch ein Kleid dran. Es musste verlängert werden, denn in dem einen Jahr wuchs ich fast zehn Zentimeter.
Das Kleid hatte in der Taille einen Gummizug, war rot mit blauen und weißen, kleinen Tupfen, und ich zog es sehr gerne an.
Tante suchte in der Stoffkiste nach einem roten, einfarbigen, passenden Stoff. Sie schnitt zwei Streifen zu. Einen setzte sie oberhalb der Taille ein, den anderen oberhalb der Kniee. Das sah sehr interessant aus. Ich sehe heute noch das Kleid vor mir.
Ein Dank aus vollem Herzen mit meinem schönsten Lächeln war Tante Sophies Lohn.

Stolz trug ich nach den Ferien meine geänderten Kleider in der Schule.
Die Mitschülerinnen bemerkten sofort meinen NEUEN ROCK, der anerkennend bewundert wurde.
Doch den Zahn habe ich ihnen gleich gezogen.

Ich hob mein Röcklein ein wenig hoch und zeigte ihnen die Unterseite des Stoffes, während ich dabei lächelnd sagte: „Der wurde nur gewendet,“ und ich schaute in viele verwunderte, verdutzte Augen. Die habe ich bis heute nicht vergessen.


© C.W.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.02.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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