Christa Astl

Erlebte "Heimgeschichten"



HEIMGESCHICHTEN, erlebte Episoden...
 
 
Meine erste Begegnung im Heim war Frau R. Sie saß auf der Bank gleich am Anfang des Gemeinschaftsraumes. Sofort rückte sie zur Seite, sichtlich erfreut, mich hier zu haben, begrüßte mich wie eine alte Bekannte mit den Worten, "Das ist schön, dass du zu mir kommst, ich bin eh so allein". Ein kleines verschrumpeltes Weiblein mit tausend Falten im Gesicht, die dauernd in Bewegung waren und ihr einen munteren Ausdruck verliehen. Sie lachte auch gerne. Und schon begann sie von ihrem Leben zu erzählen, vor allem vom Alleinsein. Alleinstehend, keine Verwandten mehr, keine Freunde aus der ehemaligen Arbeitswelt. Zufrieden war sie, wenn das Wetter schön war und die Sonne in ihr Zimmer schien. In den Garten kam sie nur selten. –
Uns gegenüber saß ein Herr, konzentriert in eine Zeitung vertieft. Immer öfter aber hob er den Blick und verfolgte unser Gespräch, mich dabei fest anblickend. Was wollte er von mir?, ging mir durch den Kopf. Wie soll ich ihn ansprechen? Ein guter Gesprächseinstieg ist wichtig, klangen mir die Worte der Ausbildnerin im Ohr.
"Sie lesen gerade einen interessanten Bericht?", versuche ich einen Anfang. "Ja, sehr interessant", war die Antwort, und nun begann er in langen, verschachtelten Sätzen zu sprechen. Ich konnte keinen Zusammenhang finden, wusste nicht, was er erzählen und worauf er hinauswollte, hörte einfach zu. Eine Weile redete er, verrannte sich immer mehr in Phrasen, wurde unsicher, mutlos und schwieg schließlich mit einem resignierten Seufzer.
Nachdenklich verließ ich die Beiden, um nach anderen Bewohnern zu sehen.
So war der Beginn meiner Besuchs- und Beratungstätigkeit im Altenheim. Eine Woche später sollte ich sie beide wieder treffen.

Mit Frau R. hatte ich keine Schwierigkeiten, sie hängte sich an mich, voll Vertrauen, wie ich es von meinen früheren Kindergartenkindern gewohnt war. "Sag einfach du zu mir", war einer ihrer ersten Sätze, und sie umarmte mich wie eine Mutter ihr Kind - oder wie ein Kind seine Mutter?
In der folgenden Woche war sie im Zimmer, lag angezogen im Bett. "A bissl krank bin i halt", meinte sie. Ich setzte mich zu ihr ans Bett, nahm ihre eiskalte Hand in meine, reicht ihr auf ihre Bitte eine warme Jacke und half ihr beim Anziehen. Dann deckte ich sie noch mit einer Wolldecke zu, die Bettdecke weigerte sie sich zu nehmen: "i bin ja noch angezogen..." Ordnung im Tagesablauf war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Immer noch hielt ich ihre Hand, ihre wurde allmählich etwas wärmer, meine immer kälter. "Jetzt habe ich dir die ganze Wärme gestohlen", meinte sie verschmitzt, und die tausend Fältchen ihres Gesichtes lachten mit, als ich mich verbschieden musste. - Die Woche drauf war sie nicht mehr da, sie war gestorben, still und allein.
 
Wieder versuchte ich ein Gespräch mit dem Mann, den ich beim ersten Besuch kennen lernte. Er schien nicht alt zu sein, hatte noch blondes, wenn auch schütteres Haar, nur sehr wenige Falten im Gesicht, die Augen blickten klar und fest. Die letzten Male beobachtete ich ihn aus der Ferne, wusste nicht, wie ich mich ihm wieder nähern sollte, er schien mich nicht mehr zu kennen. Zwar irritierte es mich, dass die Pflegeschwester ihm sein Glas wortlos hinstellte und er erst eine Weile stumm hinein schaute, als ob er nachdenken müsste, ob er trinken sollte. Aber hier im Heim hat man Zeit, da darf man wohl für Entschlüsse länger brauchen.
Als ich mich ihm gegenüber setzte, blickte er mich wieder direkt an, ich empfand es wie einen Röntgenblick, der meine tiefsten Tiefen ausloten wollte, fühlte mich etwas unbehaglich. Was will er von mir, muss ich Angst haben? Ich versuchte einfache Fragen, Gespräche, die nur kurze Antworten erforderten, das Ja oder Nein kam meist an der richtigen Stelle. Für den Anfang genügte es.
Einige Zeit später, der Frühling machte sich zaghaft bemerkbar, wollte ich die Bewohner zu einem Spaziergang zu animieren. Die Angesprochenen zeigten noch keine Lust, doch er, obwohl ich ihn gar nicht direkt angesprochen hatte, sagte laut und vernehmlich: "Ich würde schon mitgehen wollen." – Ich war erstaunt und erfreut. "Sie brauchen noch eine Jacke, es ist kühl draußen". Wir gingen in sein Zimmer, das sehr ordentlich aufgeräumt war. Auf mein Lob dazu meinte er: "Ich mag es, wenn Ordnung ist." Jacken und Anoraks hingen auf Kleiderbügeln, er wählte eine nicht zu dicke Jacke aus und setzte seine Mütze auf. Wie üblich, meldete ich mich in der Station ab. "Das wissen Sie schon, dass es piepst, wenn er das Haus verlässt?" warnte der Pfleger mich. Auf meinen wahrscheinlich etwas sehr irritierten Blick beruhigte er mich: "Sie können ihn schon hinaus mitnehmen, werden ihn hoffentlich auch wieder zurück bringen?!", grinste er.
Mit einem mulmigen Gefühl ging ich. Was würde jetzt auf mich zukommen?
Gemächlich und schweigend spazierten wir die Runde im Garten, dann wollte er hinaus zum Gehsteig. Na gut, - rund um den Block. Die Sonne schien bereits frühlingsmild. Noch lag etwas Schnee, der vom Schneepflug aufgetürmte Schneeberg schwamm bereits in einer großen Pfütze. Plötzlich blieb er stehen, betrachtete die Pfütze, und gedankenvoll kamen die klaren Worte: "Ich habe früher Wasserball gespielt". Welche Assoziation! Ein paar kurze Sätze berichtete er noch zu diesem Sport, dann meinte er: "Gehen wir wieder hinein, es wird kalt." Leichter Wind war aufgekommen.
Ich denke, es hat ihm gut getan, auch nur ein paar Minuten jemanden an seinem Leben teilnehmen zu lassen. Er war als völlig orientierungslos dement und schwer zugänglich eigestuft gewesen, erfuhr ich später.
 
 
ChA 27.02.15

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.03.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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