Ernst Dr. Woll

Erlebtes Kriegsende

Mitte April 1945 – also vor 70 Jahren, ich war 14 Jahre alt - kam das unmittelbare Kriegsgeschehen immer näher auf unsere Kleinstadt in Ostthüringen zu. Vom Westen her rückten amerikanische Panzer an, die wir von unserem Garten aus in ungefähr 5 Kilometer Entfernung beobachteten.  An einem Waldesrand sahen wir sie herausfahren, schießen und wieder verschwinden. In einem Tal östlich unseres Ortes hatte sich eine deutsche Geschützeinheit für die Verteidigung eingerichtet. Ein gegenseitiger Beschuss folgte und die Granaten schwirrten in Abständen von einigen Minuten über uns hinweg. Die Katze Putzi strich immer um unsere Beine als wollte sie sagen: „Nun kommt endlich ins Haus, mir wird es unheimlich.“ Wir verließen unseren Beobachtungsposten aber erst als die Granaten ohne Pause über uns hinweg flogen und wir begaben uns in den Keller. Von unseren Tieren folgte uns nur Putzi in den Schutzraum, sie fühlte sich in unserer Nähe sicher und geborgen. Es war uns auch nicht möglich, die anderen Haustiere geschützt unterzubringen. Das Aufsuchen des Kellers war für uns wie eine Vorsehung, denn kurz danach schlugen in unserem Garten unmittelbar neben dem Schweinestall und in der Nachbarschaft Granaten ein. Sie hinterließen große Erdtrichter und einige zerstörte Gebäude. Gegen Mitternacht hörten wir keinen Beschuss mehr und verließen den Keller. Wohnhaus und Stallgebäude waren beschädigt, aber zum Glück die Haustiere in den Ställen unverletzt. Bestimmt hatten sie aber große Angst ausgestanden. Ich ging mit meinem Vater zum Marktplatz. Das Bild, das sich uns dort bot, war für mich erschütternd. Unsere Schule brannte. Es waren nur die Mauern übrig geblieben, die gespenstisch in den feuererhellten Himmel ragten. Viele Ställe der umliegenden Bauernhöfe lagen in Trümmern, zwischen denen ich im lodernden Feuerschein erschlagene und zerquetschte tote Haustiere sah. Nur selten vernimmt man von Tieren Schmerzenslaute. Es gruselte mich deshalb, denn ich hörte verletzte Schweine schreien und verwundete Hunde kläglich winseln. Besonders nahe ging mir das schmerzhafte Blöken der Rinder und wimmernde Meckern von Ziegen. Alle verletzten Lebewesen hatten bestimmt sehr große Schmerzen, dass sie in dieser Weise Töne von sich gaben. Ich beobachtete, dass einige Tiere noch angebunden waren, sich aber qualvoll aus dem sie umgebenden Chaos zu befreien suchten. Besonders bedrückend war für mich, dass ich nicht helfen konnte. Auf den Trümmern lag auch eine tote schwarze Katze. Da ich etwas abergläubisch war, deutete ich das als ganz schlechtes Zeichen. Mein Vater schalt mich deswegen und nannte mein diesbezügliches Verhalten immer Hirngespinste. Alle diese schrecklichen Bilder verfolgten mich mein ganzes Leben lang.
Am kommenden Tag besetzten die Amerikaner unsere Kleinstadt, wir hatten damit den Krieg überstanden. In unserem Gehöft tummelten sich vor dem Beschuss immer mehrere Katzen, jetzt schien Putzi die einzig Überlebende dieser Tierart zu sein. Wo die anderen abgeblieben waren, haben wir nie ergründen können. Vielleicht kamen einige ums Leben oder verflüchtigten sich in den Wald, weil sie durch die Granateneinschläge verschreckt wurden. Erst nach einigen Tagen der Ruhe zeigten sich wieder Katzen in unserem Anwesen und in der Nachbarschaft.
 

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