Nadine Müller

Die Königin der Nacht

Manchmal blieb er nachts wach und lauschte ihrem unendlichen Atem. Langsam, schwer, gleichmäßig, wie sein eigener. Unwillkürlich musste er lächeln. Eine absurde Vorstellung allein zu sein. Als er sich zu ihr umdrehte, war das Bett neben ihm leer. Ein tiefer Seufzer entwich ihm, als er sich wieder zurückdrehte, um ihr weiter zu lauschen. Sinnestäuschung. Ein Wort, das sein Arzt oft in den Mund nahm. Ihre Frau ist tot, sagte er dann. Und dass es ihm Leid täte. Aber dieser Arzt wusste nicht, wie es wirklich war. Wie konnte sie tot sein, wenn er sie doch hören und fühlen konnte? Er wusste, dass sie da war. Sie war immer da. Aber so wie die Sterne, die nur nachts zu sehen sind. Die Dunkelheit brachte sie mit sich; die Sonne nahm sie ihm wieder. Die Tage vergingen daher heutzutage nicht mehr so einfach. Dazu waren sie zu lang. Nur die Nacht war ihre Zeit. Dann wusste er, dass sie da war.

Als sie die Diagnose bekam, hatte er furchtbare Angst, wie noch nie in seinem Leben zuvor, dass sie es nicht überleben könnte. Wie sollte er es schaffen, nach einer allzu kurzen Ewigkeit mit seiner ewigen Liebe, alleine zu existieren? Unheilbar, hatte der Arzt damals gesagt. Doch mal wieder hatte er Unrecht. Sie hatten es geschafft. Gemeinsam. Sie waren noch immer zusammen. Und heute Nacht erst recht. Manchmal erinnerte er sich an die Zeit zurück, in der sie noch gemeinsam die helle Sonne genießen konnten. Sie war damals wie eine Blume, die ihren Hals nach den Strahlen reckte und sofort vor Lebenslust nur so strotze. Das war einer der Gründe gewesen, wieso er sich in sie verliebt hatte.
Heutzutage schien es ihm wie ein Traum aus lang vergangenen Tagen und er wartete sehnlichst auf der Sonne Untergang. Und obwohl es nur tagsüber war, vermisste er sie, wie einer einen anderen nur vermissen konnte. Er vermisste sie, wenn sein Pfleger mit dem lauwarmen Essen kam, das bei weitem nicht so gut schmeckte wie ihres. Er vermisste sie, wenn die Nachbarskinder, wie einst seine eigenen, auf der Straße Fangen spielten. Er vermisste sie, wenn er ein Pärchen glücklich lachen sah, so wie sie einst zusammen gelacht hatten. 
„Bald ist es soweit, Mariechen...“, klang seine Stimme leise und dumpf durch das einsame Schlafzimmer. Heute war die Nacht der Nächte. Nur einmal im Jahr. Etwas ganz Besonderes. Dreihundertvierundsechszig Tage im Jahr warten, um diese besondere Nacht mit ihr zu erleben. Ein wohlbekanntes, doch höchst seltenes Gefühl machte sich in ihm breit. Vorfreude. Freude - ein schönes Wort. Was es bedeutet hat er schon fast vergessen. Ohne dass er es merkte, formten sich seine müden Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln. Er stand auf, ging ans Fenster und blickte in den Garten, wo sie stand. Ganz unscheinbar noch. Doch bald wie eine Königin. Seine Königin. 
„Schau nur was für eine wundervolle Nacht. Wie für uns gemacht...“, sagte er, fast wie im Traum, und drehte sich abermals zu ihr um. Doch das Bett war leer. Wie immer. Er schüttelte langsam den Kopf, als wolle er einen Gedanken davon abhalten an die Oberfläche seines Bewusstseins zu gelangen und blickte weiter aus dem Fenster. 
„Den ganzen Tag duftet das Haus schon nach Vanille.“ 
Es war sein liebster Duft. Zu ihrem 25. Hochzeitstag hatte er ihr ein Parfüm geschenkt, das nach Vanille roch, wie ihre liebste Blume, und seitdem hatte sie nie mehr ein anderes getragen. Der Duft, das wusste er, war ein Zeichen. Ein Zeichen, dass es bald so weit sein würde. Ein einsamer Mondstrahl fiel durch den Garten und ließ alles in einem unheimlichen, surrealen Licht erscheinen. Er blickte hinauf in den Himmel und erblickte einen fast vollen Mond, der heimlich hinter einer Wolke hervor guckte. Es schien ihm verrückt, dass der Mond in einer Nacht wie dieser doch so einsam sein sollte.

Da an Schlaf im Traum nicht mehr zu denken war, schlüpfte er in seine Pantoffeln und zog den Morgenmantel über. Es war ein Geschenk von ihr, damit er in den kühlen, frühen Morgenstunden, in denen er draußen die allmorgendliche Zeitung las, nicht fror. Er fror wieder oft in letzter Zeit. Es schien, als hätte der Mantel seine frühere Wärme verloren. Und nie wieder gefunden... Als er mühevoll die knarrenden Stufen der alten Treppe hinabstieg, umgab ihn liebevoll die Stille des Hauses. Er mochte die Stille. Nur dann konnte er sie hören. Der aufbrausende Tag, mit all seinem Lärm, brachte doch selten etwas Gutes. Wie auch die Nacht, war die Stille ein weiterer verlässlicher Freund für ihn geworden. 
Lautlos wandelte er durch das dunkle Wohnzimmer und öffnete die gläserne Tür zum Garten. Die angenehm kühle Luft strömte durch seine Lunge, als er tief einatmete. Ungewöhnlich kühl für eine Sommernacht. Er zog den Mantel fester und schritt hinaus. Nachts lag die Welt still, stellte er fest. So gefiel sie ihm. Ein feiner Schleier aus silber erleuchteter Dunkelheit, der kühlen Luft und dem Duft von Vanille lag über seinem Garten und schloss ihn ein. Selbst hier konnte man sie riechen. 
„Es kann nicht mehr lange dauern, Mariechen.“ Er ging durch das ungemähte Gras, das von der Nacht schon leicht feucht war, um zu sehen, wie weit sie war. Er hatte das Gefühl, es würde noch eine Weile dauern, bis sie in ihrem vollen Glanz erstrahlte, doch er wollte es auf keinen Fall verpassen. Eine warme Stimme der Vernunft, die erstaunlich nach seiner Frau klang, ermahnte ihn nicht zu lange draußen zu bleiben. Doch diese besondere Sommernacht hatte ihn in ihrem Bann, sie beruhigte ihn, umschlang ihn fest, und brachte ihn ihr näher. Daher zog er stattdessen einen Stuhl heran, setzte sich, und wartete. Manchmal dachte er sich, wie viel Zeit er doch mit Warten verbrachte. Warten auf die Nacht, warten auf den Moment, warten auf seine Frau, warten auf den Tod. Als hätte sein Leben keinen anderen Inhalt mehr. Wie so oft nahm er sich vor, den Rest seines Lebens nicht mehr mit Warten zu verbringen.
Vielleicht könnte er sich mal wieder um seinen Garten kümmern. Seine Mutter hatte immer zu ihm gesagt, der Garten sei ein Spiegel der Seele. Wenn er sich seinen Garten heutzutage so anschaute, schien es um seine Seele nicht sehr gut zu stehen. Das Gras wuchs ihm fast bis an die brüchigen Knie und die früher mit Obst bepackten Bäume hatten heute knorrige Äste, die so aussahen, als würden sie jederzeit nach ihm greifen. Selbst Mariechens Gewächshaus, das früher so harmonisch voller Leben war, sah gerade schaurig und traurig aus. Er richtete seine Augen wieder auf das Tischchen, auf dem seine Königin noch immer fast unscheinbar stand. 

Im hellen Schein des einsamen Mondes bemerkte er dann, langsam und für das menschliche Auge kaum wahrnehmbar, eine Bewegung. Es war soweit. Er konnte sehen, wie sie sich ganz langsam immer weiter öffnete. Nicht mehr lange und er würde sie sehen. Früher hatten sie zusammen hier gesessen und auf den Moment gewartet. Jedes Jahr um diese Zeit hatten sie sich in warme Decken gewickelt und den ganzen Abend bis tief in die Nacht über Gott und die Welt geredet und geduldig gewartet. Es war ein besonderes Ritual gewesen. Eines der wenigen, das sie bis ins Alter aufrecht erhalten hatten. Deshalb wusste er, dass sie ihn auch heute Nacht nicht alleine lassen würde.
Ein sanfter Windzug an seinem Arm ließ ihn zusammenzucken. Er sah sich um. Kleine Nebelschwaden zogen durch die Luft und schufen eine Illusion, die nur ein einsames Herz erkennen konnte. Es war, als würde ihn jemand an der Hand nehmen. Und ihm war plötzlich nicht mehr kalt. Als er wieder zu ihr sah, erblühte die Königin der Nacht in überwältigender Schönheit, während er nicht versuchte zu verstehen was gerade geschah. Dieses hier war die eine Nacht für ihn. Und seine Königin war endlich da. Ehrfürchtig sah er sie an und konnte die Tränen, die seine errötete Wange hinab liefen, nicht aufhalten. Für andere mochte sie vielleicht nur eine öde Pflanze sein, doch für ihn war sie die wunderschönste Blume, die er je gesehen hatte. Ein flüsternder Hauch entwich seinen Lippen, als ihm die Augen zu fielen und er erschöpft in seinem Stuhl zusammensackte. 

„Du warst das Warten wert...“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.03.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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