Das Jahr 1945 – also vor 70 Jahren – war für mich damals 14jährigen sehr ereignisreich. Es drängt mich geradezu einige Erlebnisse in Kurzgeschichten zu veröffentlichen, weil auch die Zeitzeugen jener Zeit immer weniger werden.
Ich war mit 10 Jahren, also 1941, Pimpf im Deutschen Jungvolk, der Kinderorganisation der Hitlerjugend, geworden. Seit dieser Zeit wurden wir Kinder auf das Soldatentum vorbereitet. In Geländespielen übten wir den Krieg.
Es war im März 1945, als die Amerikaner vom Westen her schon auf unsere Thüringer Heimat zukamen, da erhielt ich den Befehl, gemeinsam mit einem Schulkameraden in unserer 15 km entfernten Kreisstadt Greiz scharfe Gewehrmunition für den Volkssturm unseres Ortes zu holen. Wir fuhren mit unseren Fahrrädern, denn fast alle PKW waren für kriegswichtige Aufgaben beschlagnahmt worden. Auf dem Heimweg strampelten wir auf einer Autostraße durch ein weitgezogenes Tal bei Greiz; plötzlich dröhnte es und Geschosse schlugen neben uns ein. Zwei Tiefflieger kamen, von uns unbemerkt, vom benachbarten Tal und nahmen uns als Ziel ins Visier. Wir hatten bestimmt mehrere Schutzengel, weil es uns gelang, mit unserer Munition den nahen schützenden Wald zu erreichen. Noch heute spüre ich die Beklommenheit und Angst, mit der ich meinen ersten Beschuss überstanden hatte. Unwillkürlich habe ich gebetet als ich merkte, wir leben noch. In Deckung des Waldes und über Feldwege sind wir anschließend unbeschadet nach Hause gekommen und haben die scharfe Munition beim Volkssturmkommandanten abgeliefert. Retrospektiv bleibt mir unerklärlich, dass damals unsere Eltern nicht stärker protestierten. Ich glaube aber, wir haben daheim gar nicht die Wahrheit gesagt. Unsere Disziplin und Einsatzbereitschaft für „Führer, Volk und Vaterland“ war selbst in dieser Zeit des sichtbaren Untergangs fast ungebrochen. Wir glaubten noch daran, dass durch Vergeltungswaffen eine Wende kommen könnte.
Ein zweites Erlebnis mit Tieffliegern hatte ich Anfang April 1945 auf einem Acker, den ich für die Frühjahrsbestellung vorbereitete. Die Kriegsgefangenen durften in den letzten Kriegstagen das Lager nicht mehr verlassen. So blieb diese schwere Tätigkeit für uns Halbwüchsige. Das Feld, auf dem ich allein arbeitete, liegt auf einer Anhöhe und grenzt an einen Wald, der bis ins Weidatal reicht. Ich hatte den Ackerwagen am Feldrand abgestellt und zog nichtsahnend mit Pferd und Pflug die Furchen. Plötzlich dröhnte es, Erde spritzte auf und neben mir schlugen Geschosse ein. Man konnte die heranjagenden Flieger erst wahrnehmen, wenn sie über die Bergkuppe kamen. Das Pferd galoppierte los und ich warf mich unter den Ackerwagen. Die Flugzeuge drehten eine Runde, kamen zurück, schossen aber nicht wieder. Ich konnte den Beschuss überhaupt nicht begreifen, denn ich war doch absolut kein kriegswichtiges Objekt. Das Pferd hatte den Pflug hinter sich hergezogen und stand erschöpft in 300 m Entfernung im Straßengraben. Es ließ sich beruhigen und zurück an den Wagen führen. Ich beendete die Feldarbeit, denn die Gefahr war mir zu groß geworden.
Im März 1945 wurde ich als Vierzehnjähriger in unserer Kreisstadt sogar noch gemustert. Ich war damals 1,74 m groß, gesund und kräftig. Im Ergebnis sollte ich in Wien in einer SS-Offiziersschule anrücken. Meine Mutter verbot mir ganz streng, noch in den Krieg zu ziehen. Ich hatte schon unterschrieben und zu jener Zeit galt die Erklärung eines Kindes auch ohne Zustimmung der Eltern. Das kurz darauf folgende Kriegsende bewahrte mich vor Repressalien.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2015.
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von Ernst Dr. Woll
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