Regina Vogel

Die Wölfe

"Oh Gott, ich werde Rosalie nie wieder sehen!" Der Schweiß rinnt mir von der Stirn und läuft in meine Augen. Sie beginnen zu brennen. "Ich komme hier nie wieder raus!" Voller Verzweiflung und Wut prügle ich mit der Peitsche auf meine beiden Rösser ein. Sie können einfach nicht schneller laufen, das weiß ich, aber ich will nicht sterben! Wir werden von einem Wolfrudel verfolgt. Die Meute ist jetzt noch 1000 Meter entfernt, holt aber blitzartig auf. Kein Mensch ist in der Nähe, der mir helfen könnte. Vor und hinter mir erstreckt sich die verschneite Tundra. Die Luft ist so eisig, dass sie beinahe gefriert. Ich friere in der Kälte nicht, denn es geht für mich und meine Pferde um Leben und Tod. Jetzt strauchelt auch noch Antonow, mein braunes Sattelpferd. Beide Tiere wiehern voller Panik und versuchen sich aus dem Schlittengeschirr zu befreien. Mein Kinn kribbelt - vor glühendem Zorn.

Die Verfolger kommen immer näher und ich kann den Raubtiergestank schon riechen. Bald werden sie uns eingeholt haben! Jetzt stürzen sie sich auf meine braven Zugtiere. Mein Schlitten fällt um und ich werde auf den verschneiten Pfad geschleudert. Ein riesiger, schwarzer Wolf springt auf meinen Rücken und reißt mir mit seinen messerscharfen Zähnen die Kehle auf. Den Biss des schwarzen Ungeheuers nehme ich fast nicht wahr. Es ist alles so sinnlos. Ich ergebe mich, ich wehre mich nicht. Warmes Blut klopft rhythmisch aus meiner Halsschlagader und die Lebenskraft verlässt meinen Körper. Das linke Handgelenk liegt unnatürlich verdreht im Schnee. Ein anderer Wolf hat mich am Gelenk gepackt und zugebissen. Die Sehnen meines linken Armes ragen bläulich schimmernd aus dem zerfetzten Muskelfleisch. In spritzenden, pulsierenden Stößen fließt das Blut aus der zerstörten Armarterie. Ich verblute im Schnee. Aus weiter Ferne höre ich das Sterbegeschrei meiner Tiere und das grässliche Geräusch, das entsteht, wenn Knochen zermalmt werden.Meine armen Pferde! Als ich mich aus meinem toten Körper befreie und in die Höhe gleite, sehe ich mit Schrecken, was das Wolfrudel angerichtet hat. Von meinen Pferden sind nur noch die Skelette im blutigen Schnee zu sehen. Die Wölfe müssen furchtbaren Hunger gehabt haben. Voller Mitleid blicke ich auf meinen toten Körper. Armer Dimitri, musste mein Leben so enden?

Sobald ich an meine Eltern denke, bin ich auch schon bei ihnen. Papa und Mama warten schon seit Stunden auf meine Ankunft. Und da ist auch Rosalie, meine kleine Schwester. Sie weint, aber ich kann mich nicht bemerktbar machen. Meine Hände gleiten durch die Körper der Lebenden. Meine Familie hat sich auf meinen Besuch gefreut. Der Weg von Wladiwostok hierher ins Alteigebirge ist lang und schwierig, aber es war mein innigster Wunsch Pjotr und Olga, meine Eltern, und Rosalie endlich wieder zu sehen. Auf den letzten Meilen hat mich das Schicksal ereilt. " Lebt wohl, meine Lieben, ich werde gerufen. Ich folge dem Ruf, wie jedes Mal, wenn ich gerufen werde." 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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