Casika

CF2 Casi´s Frühstückchen

Casi's Frühstückchen

 

Von Kälte, einer tickenden Wanduhr, von Musik, von noch anderen Dingen und Tieren


Sitze gerade am Küchentisch und frühstücke. Es ist kurz nach 7.00 Uhr.

Eigentlich noch viel zu früh, um einen klaren Gedanken zu fassen. Also gebe ich mich zufrieden mit einem eingeschränkt geistigen Zustand. Freudig denke ich an den Geschmack meines gestrigen Frischkornbreis. Heute schmeckt dieser Brei etwas sonderbar. Entweder sind einige der Weintrauben nicht mehr gut, oder...? - Ach, ich weiß es nicht.

Sollte mir mal frisches Obst kaufen. Nur zieht es mich nicht raus. Noch nicht einmal frisches Obst schafft es heute, dass ich meinen Fuß vor die Türschwelle setze. Was ist mit den Weintrauben?

Angebräunt, unfrisch.

Denke den seltsamen Beigeschmack weg und will Musik hören. Garnicht so leicht.

Der Plattenspieler steht auf einer Stereoanlage, die jemand mal irgendwann auf den Bürgersteig gestellt hatte, weil dieser Jemand wohl keine Lust mehr auf diese Stereoanlage hatte. Ich nahm sie einfach mit nach Hause. Nun steht die Stereoanlage genau hinter meinem Frühstückplatz auf meinem kleinen wackeligen Küchenschränkchen, den ich auch irgendwann mal auf dem Bürgersteig fand. Bei uns in der Stadt findet man immer mal irgendwas auf dem Bürgersteig. Vor allem, wenn Sperrmülltag ist.

So ganz heile ist die Stereoanlage allerdings nicht mehr.

Die Phonotaste rastet nicht mehr ein. Ich muss einen Zahnstocher zwischen das Gehäuse der Stereoanlage und dieser Taste klemmen.  Ich klemme einen Zahnstocher zwischen Phonotaste und Gehäuse. Gar nicht so leicht. Fummeliges Getue wegen Musik und morgens sehe ich einfach noch nicht so klar. Minuten sind vergangen und siehe da, jetzt klemmt der Zahnstocher zwischen dem Gehäuse und der Taste. Die Taste ist jetzt in der Phono-on-Position. Würde ich jetzt eine Platte auflegen, dann könnte ich Musik über den Verstärker durch die Lautsprecher hören. Das freut mich, auch wenn der Darjeelingtee jetzt kalt ist. 

Ich – liebe – meinen – Frühstücksplatz!

Ich liebe ihn, weil die Stereoanlage hinter mir steht, so komme ich gut an jede Taste heran und ich liebe ihn, weil der Stuhl auf dem ich sitze, genau die richtige Höhe hat. Die Oberschenkel müssen genau parallel zum Boden ausgerichtet sein. Ja, dass entfacht ein Wohlgefühl in mir. Dafür habe ich die Stuhlbeine extra zurecht gesägt, denn ich bin kleiner als ein Durchschnittsmann. Und Stühle sind für Männer gemacht, die so ungefähr ein Meter und achtzig groß sind. Das vermute ich jedenfalls.

Ich liebe ihn, weil ich von hier in den umzäunten Garten schauen kann, wo ich ein herumspringendes Eichhörnchen genau beobachten kann. Ich habe es am Donnerstag letzer Woche mit Haselnüssen gezähmt. Es besucht mich hin und wieder. Manchmal ist es ziemlich feist und tippelt mit den kleinen Füßchen auf der Fensterbank herum und sucht nach Nüssen. Manchmal sehe ich das Paar Pinselohren für einen kurzen Moment an der Fensterunterkante. Dann sitzt es wieder irgendwo zwischen den Ästen im Haselnussstrauch.

Eichhorn hin und her.

Vielleicht beäst eines Tages ein Reh den mittelgut gepflegten Rasen und danach springt es dann munter im Garten herum. Mitten in der Stadt gibt es wahrscheinlich keine Rehe. Nun, zumindest in meinen Gedanken springt munter ein Reh im Garten herum, nicht nur immer dieses eine Eichhorn.

Was wollte ich doch noch gleich?- Ah ja, Musik.

Zwei Schallplatten habe ich gestern nicht ins Wohnzimmer gebracht. Dort an jenen Stellen im Regal, wo sie alphabetisch eingeordnet hingehören. Sie stehen rechts von mir. Sie standen gestern auch schon hier. Wie schön. Ich muss nicht weit gehen, um diese Platten hören zu können.

So, der Zahnstocher ist eingeklemmt, die Anlage ist eingeschaltet, die Schallplatte ist aufgelegt. Musik von Barbra Streisand.- Wer hört denn heute noch so was? Na, ich! Ich höre Barbra Streisand! People who need people are the luckiest people in the world. Ja ja, so ist es wohl.

Für eine Weile lullt mich Barbra Streisand ein.

Aber einen kurzen Moment später bereue ich, mir die Mühe gemacht zu haben, diese Platte aufzulegen. Dudelkitsch neben einer alten Apfelklitsch in meiner Küche. Die Apfelklitsch, die ich gestern dort links neben dem Plattenspieler auf meinen Kühlschrank gelegt habe, weil ich einen unerwarteten Anruf bekam, bräunt so vor sich hin. Zwei Fliegen paaren sich gerade darauf. Dazu diese Barbara Streisand. Wie sie wohl heute aussieht? Lasse die Barbara weiter singen.

Nein, keineswegs lasse ich sie weiter singen. Es reicht. Ich kann sie nicht mehr hören.

Ich könnte die Platte vom Plattenteller nehmen um sie zu zertrümmern. Das würde ich sicher tun, wenn es eine alte Schelllackplatte wäre. Es würde einen herrlichen Splitterkrach geben. Über das Krachen durch das Zerschellen tausender Schellackplattensplitter in der Küche erwachten sämtliche Zellen in mir. Aber, mit dieser vergleichsweise modernen Platte geht das nicht. Sie biegt sich und zum Schluss bricht sie nur einmal in der Mitte durch. Ich weiß das, denn vor etlichen Jahren habe ich mal eine Platte mutwillig zerbrochen. Ich konnte die Musik nicht leiden. Ich konnte sie so richtig nicht leiden. Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden. So sehr konnte ich sie nicht leiden, dass ich die Platte zerbrach. "Klack", machte es dann. Da war sie kaputt. Was war das noch für Musik? Stand auf dem Cover nicht „Beat it“ drauf?

Und nun bin ich nicht wirklich wach, weil ich keine Schellackplatte zertrümmert habe.

Ich hätte es genossen, genauso wie heißen Darjeelingtee. Mal abgesehen davon, daß der Tee kalt ist frage ich mich: Wie bekomme ich es hin, ihn so zuzubereiten, dass er nicht zu schwach, aber auch nicht zu stark schmeckt. Außerdem gehört die richtige Menge Zucker hinein. Irgendwann ist mir das auch schon mal gelungen. Sicher wird mir dies  irgendwann wieder gelingen. Aber heute will es mir nicht gelingen. Er ist kalt und viel zu stark. Das Teenetz habe ich nicht zeitig herausgenommen. Es muss an dem Reh gelegen haben, welches mir schon die ganze Zeit im Kopf herum springt.

Mir ist kalt, obwohl wir morgen Sommeranfang haben. Mir ist kalt, weil ich in dieser Souterrainwohnung mitten in der mittelgroßen Großstadt hause und es mir zu teuer wird, diese kühle Höhlenwohnung auch noch im Sommer zu heizen. Die kalte Wohnung ist jedoch nicht der einzige Grund, warum es mich friert.

Warum nur ist mir darüber hinaus so kalt? -

Ich finde jetzt hier keine Antwort auf diese Frage. Aber einen Verdacht habe ich. Mir ist so kalt, weil niemand mir gegenüber sitzt. Nein, jemand der mir gegenüber sitzt, würde mich jetzt nicht ertragen, außerdem sollte ich es mir doch so in mir einrichten, das ich zufrieden bin, weil ich immerhin nicht ganz alleine bin. Schließllich ist mein Eichhorn im Garten und das Reh in Gedanken.

Ich selbst ertrage mich nur, weil ich es heute so gerade geschafft habe, mit meinen Puschen zur Heizung zu schlurfen, um den Heizungsregler hochzustellen. Geschafft! Ich habe es geschafft, aufzustehen um dahin zu gehen.

Der Regler lässt sich  schlecht bedienen. Die Zahlen auf dem Thermostat besagen doch etwas. "1" ist lauwarm und "7" bollerig warm. Ich stelle den Regler auf "3" und hoffe das Beste. Krieg ich aber nie. Es wird zwar wärmer, aber innerlich ist mir immer noch kalt.
Und jetzt läuft nicht mehr Barbara S., sondern jetzt spielen die Bee Gees.  Die Musik, der anderen Schallplatte, die sich auf meinem Frühstückstisch befand.

Ich stelle die Musik ganz leise. Warum tue ich Dinge, die ich nicht wirklich tun will?

Warum hörte ich nicht nur die alte Platte von Barbra S., sondern höre mir jetzt auch noch diese alte Platte von den Bee Gees an? Weil mir diese Platte vertraut ist oder weil sie auf meinem Küchentisch stand? Ja, ich suche das Vertraute, das ich gestern auch schon suchte, denn gestern hörte ich die gleiche Platte. Oder?  Dies ist meine einzige Erklärung. Was ich kenne, macht mir keine Angst. Keine Beatmusik von heute, nur Bee Gees.

Bee Gees kenne ich. Bringt mich nicht durcheinander. Finde ich zwar doof. Aber bringt mich nicht durcheinander, weil ich weiß, dass ich Sie doof finde. Lege sie auf und weiß: diese Lieder finde ich doof. Bei Beatmusik von heute, weiß ich nicht, wie ich sie finden soll.

Beatmusik. Bee Gees ist doch keine Beatmusik. Dei Beatles machten Beatmusik. Gibt es heute eigentlich noch Beatmusik?

Früher fand ich Bee Gees mal nicht doof. Ich will das alte Gefühl von früher zurück, als ich die Platte nicht doof fand. Vielleicht erlange ich ja das alte Gefühl von früher zurück. Muss nur tüchtig diese Musik hören. - Deshalb habe ich sie aufgelegt. Und sie dringt ganz leise weitgehend in mein rechtes Ohr.

Weitgehend in mein linkes Ohr dringt das Ticken meiner Küchenwandfunkuhr. Sie steht auf meinem Küchentisch. Ein befremdlicher Anblick und eine seltsam auditive Mischung.

Diese Uhr gehört nicht auf den Küchentisch! Sie ist eine Küchenwandfunkuhr.

Ich nahm sie gestern von der Wand und stellte sie in den Flur, weil sie laut tickt. Ich nahm sie gestern von der Wand, weil ich Gitarre spielen wollte, allerdings in einem anderen Zeitmaß, als die Uhr tickt. Die Uhr tickt ungefähr in langsamen Larghetto. Das Gitarrenstück ist aber ungefähr im mittleren Andante. Deshalb brachte ich die Uhr in den Flur. Danach habe ich irgendwann die Uhr im Flur gesehen und die dann erstmal auf den Küchentisch gelegt. Weil sie nicht in den Flur gehört. Ich hatte sie nicht an den Platz aufgehängt wo sie hingehört, weil vermutlich irgendein Eichhorn im Kopf herumsprang oder irgend ein Reh oder ein anderer Gedanke.

Übrigens spiele ich Konzertgitarre und ich spiele gerne in der Küche, weil es dort so schön hallt. Ich mag meinen Küchenhall. Nur die Uhr bringt mich aus dem Takt. Jetzt bringt mich diese Uhr wieder aus dem Takt. Diese Uhr bringt mich aus dem Takt beim Bee Gees hören.  Sollte ich mit ihr so verfahren, wie mit der "Beat it"- Schallplatte? Nein, so sehr stört sie mich nicht, aber sie stört mich. Sie stört mich ungefähr so, wie wenn Wasser aus einem undichten Hahn tropft.

Ich sollte die Uhr  meinem Nachbarn schenken. Er hat mir neulich kein Ei leihen wollen, hat einfach "Nein" gesagt.

Jetzt ist es zehn Minuten vor zehn und ich bereite mich schon mal innerlich auf meine Übungen auf der Konzertgitarre vor. Der Darjeelingtee wird mich begleiten.

Ich habe plötzlich so einen unaufhaltsamen Harndrang und muss meinen Plan wohl für eine Zeit unterbrechen. Also, erst mal nicht Gitarre üben und kalten und zu starken Darjeelingtee trinken.

So, Bee Gees ausmachen und auf die Toilette setzen und in mich brummeln: "Oh Herrje, wie wird mir warm und und wie kriege ich die tickenden Wanduhr, die Streisand, die Bee Gees, die anderen Dinge und Tiere aus meinem Kopf
.

Ich will gleich Konzertgitarre üben.

Die Uhr tickt indes weiter und das Eichhorn und Reh springt so fröhlich umher, so garnicht im Takt der Uhr. Die Musik der Streisand geistert immer noch im Kopf herum und die Musik der Bee Gees.

 

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Dem Leben entgegen von Monika Wilhelm



Zwei sensible Frauen, die sensible Gedichte schreiben. Beide schürfen tief. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Beide schöpfen aus ihrem emotionalen Reichtum und ihrem souveränen Umgang mit Sprache. Dabei entfalten sie eine immer wieder überraschende Bandbreite: Manches spiegelt die Ästhetik traditioneller formaler Regeln, manches erscheint fast pointilistisch und lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und Empfindungen des Lesers. Ein ausgefeiltes Sonett findet sich neben hingetupften sprachlichen Steinchen, die, wenn sie erst in Bewegung geraten, eine ganze Lawine von Assoziationen und Gefühlen auslösen könenn. Bildschön die Kettengedichte nach japanischem Vorbild! Wer hier zunächst über Begriffe wie Oberstollen und Unterstollen stolpert, der hat anhand dieser feinsinnigen Texte mit einem Mal die Chance, eine Tür zu öffnen und - vielleicht auch mit Hilfe von Google oder Wikipedia - die filigrane Welt der Tankas und Rengas zu entdecken. Dass Stefanie Junker und Monika Wilhelm sich auch in Bildern ausdrücken können, erschließt an vielen Stellen eine zusätzliche Dimension [...]

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