Ernst Dr. Woll

Kriegserlebnisse 1944

Wenn ich unseren Kindern oder Enkeln etwas über meine Kriegserlebnisse erzähle merke ich nicht nur ihr Desinteresse, sie sagen auch ehrlich: „Vater/Opa wir haben heute ganz andere Probleme und bei uns gab es 70 Jahre Gott sei Dank keinen Krieg, wir hoffen, dass das so bleibt und du solltest auch versuchen zu vergessen.“ Das macht mich traurig, weil ich merke, die heutige Generation, die das Kriegsgeschehen nicht selbst erlebte wird sich, obwohl in der Welt an zahlreichen Orten Krieg geführt wird, nicht mehr so intensiv für die Forderung, die 1945 bei uns an erster Stelle stand, einsetzen: „Nie wieder Krieg“. So können sie wahrscheinlich auch nicht genügend Verständnis für die Kriegsflüchtlinge aufbringen, die jetzt bei uns Asyl suchen. Auch an der gering gewordenen Anzahl der Menschen, die sich heute im Jahre 2015 noch an den Osterfriedensmärschen beteiligten, merkt man, dass die allgemeine Angst vor einer Weltkriegsgefahr geringer geworden ist.
Trotzdem will ich vom Erlebnis eines Bombenabwurfes im Jahre 1944 berichten, weil auch im 2. Weltkrieg zum Kriegsleid hinzukam, dass die Menschen unter einem Terrorregime leiden mussten, was die meisten aber gar nicht wahrhaben wollten, nur wenige wagten kleine Widerstandshandlungen. 
In unserer Kleinstadt in Ostthüringen begab sich bis Mitte 1944 fast niemand in die Luftschutzkeller. Die Bomber, die in großer Höhe und Anzahl über uns hinweg flogen  sahen wir nicht als Gefahr an. Wenn die Sirenen Fliegeralarm signalisierten, durfte sich zwar bis zur Entwarnung niemand auf öffentlichen Straßen und Plätzen sehen lassen, aber in den Gehöften und auf den Feldern gingen wir unserer gewohnten Arbeit nach. Wir Kinder waren froh ab Voralarm schulfrei zu haben. Mitte 1944 fielen aber in der Nähe unserer Stadt 2 Bomben. Wenige Tage später wurde in der Nachbargemeinde Lunzig ein Haus durch eine Sprengbombe getroffen und völlig zerstört. Dort starben sogar 10 Menschen. Ab diesem Zeitpunkt nahmen wir die Luftschutzmaßnahmen etwas ernster. Es wurde gesagt, dass diese Sprengkörper von zurückfliegenden Maschinen ohne bestimmtes Ziel abgeworfen worden wären. Die Flugzeuge dürften nicht mit Bomben an Bord im Heimatflughafen landen und hätten deshalb noch ihre gefährliche Fracht loswerden wollen.
Die im Nachbarort zu beklagenden Opfer mussten für die politische Agitation herhalten. Im großen Gutshof wurden die 10 Särge aufgebahrt und SA, Hitlerjugend und Jungvolk marschierten auf. Die Ansprachen während des Traueraktes  charakterisierten u. a. die Fliegerangriffe als Feigheit der Feinde.  Als Jungvolkführer hielt auch ich eine Rede. Ich weiß deren Inhalt nicht mehr aber noch so viel, dass ich vorwiegend „Führerzitate“ vortrug.
Ein in diesem Zusammenhang stehendes Ereignis hatte ich lange Jahre vergessen, es kam mir neuerdings durch eine Unterhaltung mit einem Schulfreund wieder in Erinnerung. Unbekannte hatten in dem Bombenkrater ein großes Hitlerbild mit dem gut lesbaren Bildtitel gestellt: „Dein Werk“. Fieberhaft suchten alle Institutionen nach diesen Widerständlern und selbst wir 13/14jährigen erhielten in Schule und Jungvolk die Aufforderung Augen und Ohren offen zu halten, ob sich vielleicht jemand verdächtig verhält oder macht, der diese „Untat“ begangen haben könnte oder Helfershelfer war. Jeder, auch der kleinste Hinweis, wäre wichtig. Ich erinnere mich noch, dass ein Schulkamerad meldete, er habe kurz nach dem Bombenabwurf einen Mann, dessen Namen er auch nannte, mit einem Handwagen zum Nachbarort gehen sehen. Ein Alibi, dass er nicht in die Nähe des „Tatortes“ kam, entlastete ihn. Kurzum: Derjenige, der diesen kleinen Widerstand gewagt hatte, wurde nie ermittelt, auch nach dem Krieg meldete sich niemand. Ich denke aber, dass damals selbst die meisten von uns Kindern diese „Verunglimpfung“ des Führers stark missbilligten und bestimmt jeden Verdacht auf einen Täter gemeldet hätten.
 

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